die Spannung zwischen der Dechanei und dem Stadtpfarrhause und sagte ganz offen : Man möchte fast glauben , der fanatische Mann hat die Herbstmanöver abgewartet , um seine bekannten Anschuldigungen der Regierung besser unter die Leute zu bringen ! Schon sprach man dem Mahle zu , schon füllten sich die Gläser ... Man erörterte die heutige Conferenz . Der Dechant zuckte die Achseln und schwieg zu des Majors Besorgnissen ... Man sprach von dem ausbleibenden Benno , der wahrscheinlich durch seine Kameraden gefesselt war , und bemerkte endlich die auffallende Nichtwiederkehr der Nichte der Frau von Gülpen . Der Dechant war der erste , den ihr Außenbleiben störte . Eine Erörterung über sie , eine Kritik über ihren Eindruck ließ sich noch nicht anknüpfen ; man konnte annehmen , daß sie eben eintreten würde . Ihr Couvert blieb aber leer . Sie kam nicht ... Jetzt fragte man Windhack , der servirte ... Windhack wußte keine andere Auskunft , als daß » Fräulein von Schwarz « ihm noch vor einer halben Stunde draußen geholfen hätte , den Herren in ihren Wagen die verlangten Sachen nachzureichen . Da hätte sie ein Licht gehalten und plötzlich wäre ihr das Licht aus der Hand entfallen und dann , als der Wagen fort war , hätte er sie gar nicht mehr gesehen ... Frau von Gülpen fand das Fallenlassen des Lichtes » doch auch sonderbar « und nun öffnete sich manche verhaltene Schleuse ... Die Freundinnen schickten zuerst das größte Lob voraus - nach dem System der Sheridan ' schen Lästerschule war dies gleichsam das Einkaufungsrecht , hinterher desto schärfer tadeln zu können . Flüsternd nur und sehr discret fand man die junge Dame außerordentlich interessant , mit andern Worten höchst unheimlich und kein Vertrauen erweckend ; man fand sie wunderbar schön und majestätisch , mit andern Worten zum Dienen nicht im mindesten geschaffen ; man bewunderte ihre Augen und fand sie außerordentlich klug , d.h. gefährlich und Vorläufer mancher Beunruhigungen der Dechanei und der Stadt . Die Frau Majorin schwieg vollends - was bei ihrer Zungenfertigkeit das am meisten Sagende war - und der Major knöchelte nur ein kaltes Huhn aus und legte die Reste so hieroglyphisch vor sich auf den Tellerrand , als wollte er damit das bekannte Räthselspiel einer verwundenen Bandschnur lösen ... Jetzt fragte ihn Frau von Gülpen geradezu , worüber er denn heute eine so ganz extrafeine Miene machte ... und der Majorin sagte sie schon : Unsere Familie ist so groß , daß ich oft erschrecke , ihre nähere Bekanntschaft zu machen ! Und als nun gar Fräulein von Minnerich die Anspielungen des Majors auf den jüdischen Ursprung der Stadt Kocher in Verbindung brachte mit einem gewissen orientalischen Air der Nichte und die Tante darüber in Verlegenheit gerieth , konnte der Major nicht mehr umhin zu sagen : O Beste , nein ! Ich wollte nur auf ihre hohe Religiosität anspielen ... sie ist ja eine Convertitin ... Feierliches Schweigen ... Man sah sich um , ob Lucinde kam . Da sie ausblieb , ermunterte Frau von Gülpen , die diese Eigenschaft ihrer Nichte nicht gekannt hatte , den Major , ganz offen sich auszusprechen . Sie wissen , sagte sie , ich bin schon so oft von meinen Angehörigen getäuscht worden ! Noch unser letzter Besuch , Fräulein Angelika Müller - Ich habe einen Brief von ihr auf meinem Zimmer liegen , sagte der Dechant und wünschte offenbar damit das Gespräch abzubrechen ... ihm gefiel Lucinde ... er wäre gern auf einen andern Gegenstand übergegangen . Grützmacher , sagte aber der Major , sah sie schon gestern beim Pfarrer von St.-Wolfgang ... Wir hatten sie dorthin empfohlen , bemerkte Frau von Gülpen , um ihre Sicherheit zu beweisen . Sie kannte Herrn von Asselyn schon seit Jahren ... Sie kommt aus der Stadt , wo er geweiht wurde ... Nun , wir werden ja sehen ... Sehen ? hieß es allgemein . Ich verschweige Ihnen nicht , gestand jetzt der Major ganz offen , die Dame ist uns zur Aufsicht anempfohlen worden ... Zur Aufsicht ? Als Emissarin ! Ihre fanatische religiöse Gesinnung ... Bei dem Worte » Emissarin « verschüttete fast Frau von Gülpen den Inhalt der goldenen Dose , die der Dechant suchte und die sie ihm , selbst in größter Aufregung jede seiner Mienen , jedes seiner Bedürfnisse beobachtend , hinreichte und öffnete ... Dem alten Windhack schien es geradezu Spaß zu machen , Frau von Gülpen so gleichsam immer mehr in die Lüfte gehoben zu sehen . Er schenkte dem Major sein Glas mit 24er Mosel-Auslese ebenso oft voll , wie dieser es leerte . Dadurch kam die Mittheilungslust desselben in Gang und nicht zwanzig Minuten währte es , so wußten , natürlich nur in gemüthlichster Andeutung , alle , daß Lucinde Schwarz kaum viel mehr als eine Abenteurerin war , schon einen sehr verwickelten Lebenslauf gehabt hätte , ja auf Schloß Neuhof beim Kronsyndikus von Wittekind gewesen war , damals namentlich als vor sechs bis sieben Jahren jener Theilungscommissar so räthselhaft getödtet wurde , der Vater eben jenes Mönches , der jetzt Pater Sebastus hieß und vielleicht in diesem Augenblick unter den unten angefahren gewesenen Geistlichen sich befunden haben konnte ... Ja , bis zu Lucindens erstem Anfang gingen die Mittheilungen zurück , bis zum Hause des Stadtamtmanns und sogar bis zu ihren ersten Abenteuern mit einer alten Frau Hauptmännin von Buschbeck ... Längst hatte von Kocher her der Zapfenstreich sich vernehmen lassen ... Der Dechant stand schon bei dem Namen » Schloß Neuhof « auf ... Frau von Gülpen folgte seinem Beispiel bei dem Worte » Buschbeck « . Lucinde war nicht wiedergekehrt ... Die Freundinnen besaßen Takt genug , nachzufühlen , daß dieser Abend gestört war , und den Zapfenstreich hatte eigentlich niemand versäumen wollen ... Major Schulzendorf hatte Lucinden keineswegs anklagen wollen . Er hatte nur das Interesse , das sie vollkommen einflößen durfte , genauer motivirt . Nicht im mindesten durften er oder seine Gattin annehmen , daß