man die Wahrheit nicht begreifen . - Und ich denk : von allen Geschichten des Herzens und der Seele Berührungen geben wir den Leitfaden der Gottheit in die Hand , die leitet immer zum richtigen unmittelbaren Verstehen . - Und wenn Du mißverstanden wirst , so sieh doch nur den Gott selber an in der Liebe , gegen den kannst Du alles wagen , denn der muß Dich verstehen . - Ich geb Dir Lehren , Günderode , die Dir nicht fremd sind , besinn Dich , auf dem Rhein , wie wir unsren Briefwechsel besprachen , da sagtest Du , es sei eine Seele , die uns mit Liebe an sich ziehe , in jedem Verhältnis , es müsse eine Zeitigung erlangen in uns , sonst sei es Untreue , Mord , Ersticken eines göttlichen Keims . - Und wo eine Anziehungskraft sei , da sei auch eine Strebekraft und wir sollten ihre Empfindung festhalten , dadurch allein könne die Seele wachsen , jede Berührung mit des andern Geist sei bloß Seelenwachstum , so wie alles Reizerweckende bloß sei wie das Erwecken und Entfalten des Pflanzenlebens . - Der Menschengeist bereite sich auf die jüngste Stufe der Natur , auf die der Pflanze , während der Leib auf der letzten stehe , auf der des Tieres , der Leib ersterbe , aber im Geisterreich sei des Geistes erste Metamorphose die Pflanzenwelt . - Du meintest da , ich sei zerstreut und höre auf die Waldhörner am Ufer , nun hörst Du , daß ich doppelte Ohren hab , und daß ich alles nicht allein für mich gehört hab , sondern auch für Dich , denn Du hast es vielleicht schon vergessen . - Du sagtest , Du liebst Dich selbst in mir ; so lieb Dich doch auch selbst im Clemens ; - ich weiß nicht , was ich Dir all sagen möcht . - Erzieh Dir ihn doch , wie Du ihn haben willst , wie Du fühlst , daß er sein müßte , um Dich nicht zu kränken , zu eben dem Leben , das Du ihm der Idee nach zumutest , es ist gewiß das Wahre , was ihm zukommt , und Du selbst sagst ja damit , daß Du ihn der Idee nach höher stellst wie die andern , diese Idee ist ja doch der eigentliche Wirkliche , und denk doch an die andern , die Du der Idee nach gar nicht wohin stellen kannst , sondern mußt sie lassen , was sie sind . Und wenn Du einen Spielkameraden fändest mit so herrlichen , großen Augen , mit so elfenbeinerner Stirn , und er hätte solche Momente , wo die Götter aus ihm prophezeiten , aber er wär unartig und tückisch im Spiel , er biss ' Dir in die Hand und kratzte Dich , wenn Du ihn streichelst , oder er schlüg Dich mit der Peitsche , wolltest Du bloß ihn als einen tückischen Knaben achten und wolltest die frühere Idee von ihm aufgeben ? - So ließest Du ihn also laufen wegen einem Rippenstoß , den er Dir gab , und wolltest von der höheren Idee nicht mehr Notiz nehmen ? - Ach , laß Deine Rippen nicht so empfindlich sein ! Tut ' s doch Gott nicht ! - Er hält sich an das Hohe im Menschen , und alles andere ist nicht für Gott da . - So soll auch alles nicht für Dich da sein , wie bloß das Gute , und wenn es Dir auch gar nicht mehr aufleuchtet , so sollst Du dennoch von ihm wissen und dran glauben . - Entlasse ihn nicht , liebe Günderode , kämpf Dich mit ihm durch , der die Idee in sich trägt , die Du ihm zumutest , und die so hoch ist , daß er hinter ihr zurückbleibt ; denn die andern tragen gar keine Idee in sich , und bleiben nicht zurück und kommen nicht vorwärts . - Da hab ich mich so vertieft in Gedanken , daß ich einschlief , es geschieht mir so oft , daß ich einschlafen muß im besten Denken , wenn ich eben empfind , als wolle ein tieferer Geist in mir wach werden , wo ich höchlich gespannt bin zu erfahren , was sich in mir erdichten will , und statt daß es in mir erwacht , so muß ich drüber einschlafen , als ob eine idealische Natur mir nicht wolle wissen lassen , wie sie in mir denkt und empfindet . Es ist ein Zauberer in uns , der sieht uns streben nach seinem Wissen , der macht all mein Streben zunichte , wenn ich nah bin und die Offenbarung schon durchschimmern seh , so schläfert er mich ein . - Ich lese jetzt zum zweitenmal den » Wilhelm Meister « , als ich ihn zum erstenmal las , hatte mein Leben Mignons Tod noch nicht erreicht , ich liebte mit ihr , wie ihr , waren die andern in der Geschichte des Buchs mir gleichgültig , mich ergriff alles , was die Treue ihrer Liebe anging , nur in den Tod konnt ich ihr nicht folgen . - Jetzt fühl ich , daß ich weit über diesen Tod hinaus ins Leben gerückt bin , aber auch um vieles unbestimmter bin ich , schon so früh drückt mich mein Alter , wenn ich hier dran denke . - Ich hab mit ihr empfunden , ich bin mit ihr gestorben damals , und jetzt hab ich ' s überlebt , und sehe auf meinen Tod herab . Gewiß stirbt der Mensch mehr wie einmal , mit dem Freund , der ihn verläßt , muß er sterben , und wenn ich mit jenem Kind leiden und sterben mußte , weil ich sein Geschick als das meine in ihm empfand , und weil ich es zu sehr liebte und konnte es nicht allein in den Tod gehen lassen . - Wenn Du das alles überlegst , so wirst Du nachsichtig sein , daß