muß die strenge Kunst der freien zum Muster dienen und sie zu beschämen trachten . Sehen wir die sogenannten freien Künste an , die doch eigentlich in einem höhern Sinne zu nehmen und zu nennen sind , so findet man , daß es ganz gleichgültig ist , ob sie gut oder schlecht betrieben werden . Die schlechteste Statue steht auf ihren Füßen wie die beste , eine gemalte Figur schreitet mit verzeichneten Füßen gar munter vorwärts , ihre mißgestalteten Arme greifen gar kräftig zu , die Figuren stehen nicht auf dem richtigen Plan , und der Boden fällt deswegen nicht zusammen . Bei der Musik ist es noch auffallender ; die gellende Fiedel einer Dorfschenke erregt die wackern Glieder aufs kräftigste , und wir haben die unschicklichsten Kirchenmusiken gehört , bei denen der Gläubige sich erbaute . Wollt ihr nun gar auch die Poesie zu den freien Künsten rechnen , so werdet ihr freilich sehen , daß diese kaum weiß , wo sie eine Grenze finden soll . Und doch hat jede Kunst ihre innern Gesetze , deren Nichtbeobachtung aber der Menschheit keinen Schaden bringt ; dagegen die strengen Künste dürfen sich nichts erlauben . Den freien Künstler darf man loben , man kann an seinen Vorzügen Gefallen finden , wenngleich seine Arbeit bei näherer Untersuchung nicht Stich hält . Betrachten wir aber die beiden , sowohl die freien als strengen Künste , in ihren vollkommensten Zuständen , so hat sich diese vor Pedanterei und Bocksbeutelei , jene vor Gedankenlosigkeit und Pfuscherei zu hüten . Wer sie zu leiten hat , wird hierauf aufmerksam machen , Mißbräuche und Mängel werden dadurch verhütet werden . Ich wiederhole mich nicht , denn unser ganzes Leben wird eine Wiederholung des Gesagten sein ; ich bemerke nur noch folgendes : Wer sich einer strengen Kunst ergibt , muß sich ihr fürs Leben widmen . Bisher nannte man sie Handwerk , ganz angemessen und richtig ; die Bekenner sollten mit der Hand wirken , und die Hand , soll sie das , so muß ein eigenes Leben sie beseelen , sie muß eine Natur für sich sein , ihre eignen Gedanken , ihren eignen Willen haben , und das kann sie nicht auf vielerlei Weise . « Nachdem der Redende mit noch einigen hinzugefügten guten Worten geschlossen hatte , richteten die sämtlichen Anwesenden sich auf , und die Gewerke , anstatt abzuziehen , bildeten einen regelmäßigen Kreis vor der Tafel der anerkannten Oberen . Odoard reichte den sämtlichen ein gedrucktes Blatt umher , wovon sie , nach einer bekannten Melodie , mäßig munter ein zutrauliches Lied sangen : » Bleiben , Gehen , Gehen , Bleiben Sei fortan dem Tücht ' gen gleich , Wo wir Nützliches betreiben , Ist der werteste Bereich . Dir zu folgen , wird ein Leichtes , Wer gehorchet , der erreicht es , Zeig ' ein festes Vaterland . Heil dem Führer ! Heil dem Band ! Du verteilest Kraft und Bürde Und erwägst es ganz genau , Gibst dem Alten Ruh ' und Würde , Jünglingen Geschäft und Frau . Wechselseitiges Vertrauen Wird ein reinlich Häuschen bauen , Schließen Hof und Gartenzaun , Auch der Nachbarschaft vertraun . Wo an wohlgebahnten Straßen Man in neuer Schenke weilt , Wo dem Fremdling reicher Maßen Ackerfeld ist zugeteilt , Siedeln wir uns an mit andern . Eilet , eilet , einzuwandern In das feste Vaterland . Heil dir Führer ! Heil dir Band ! « Dreizehntes Kapitel Eine vollkommene Stille schloß sich an diese lebhafte Bewegung der vergangenen Tage . Die drei Freunde blieben allein gegen einander über stehen , und es ward gar bald merkbar , daß zwei von ihnen , Lenardo und Friedrich , von einer sonderbaren Unruhe bewegt wurden ; sie verbargen nicht , daß sie beide ungeduldig seien , für ihren Teil in der Abreise von diesem Ort sich gehindert zu sehen . Sie erwarteten einen Boten , hieß es , und es kam indessen nichts Vernünftiges , nichts Entscheidendes zur Sprache . Endlich kommt der Bote , ein bedeutendes Paket überbringend , worüber sich Friedrich sogleich herwirft , um es zu eröffnen . Lenardo hält ihn ab und spricht : » Laß es unberührt , leg ' es vor uns nieder auf den Tisch ; wir wollen es ansehen , denken und vermuten , was es enthalten möge . Denn unser Schicksal ist seiner Bestimmung näher , und wenn wir nicht selbst Herren darüber sind , wenn es von dem Verstande , von den Empfindungen anderer abhängt , ein Ja oder Nein , ein So oder So zu erwarten ist , dann ziemt es , ruhig zu stehen , sich zu fassen , sich zu fragen , ob man es erdulden würde als wenn es ein sogenanntes Gottesurteil wäre , wo uns auferlegt ist , die Vernunft gefangenzunehmen . « » Du bist nicht so gefaßt , als du scheinen willst « , versetzte Friedrich , » bleibe deswegen allein mit deinen Geheimnissen und schalte darüber nach Belieben , mich berühren sie auf alle Fälle nicht ; aber laß mich indes diesem alten , geprüften Freunde den Inhalt offenbaren und die zweifelhaften Zustände vorlegen , die wir ihm schon so lange verheimlicht haben . « Mit diesen Worten riß er unsern Freund mit sich weg , und schon unterwegs rief er aus : » Sie ist gefunden , längst gefunden ! und es ist nur die Frage , wie es mit ihr werden soll . « » Das wußt ' ich schon « , sagte Wilhelm , » denn Freunde offenbaren einander gerade das am deutlichsten , was sie einander verschweigen ; die letzte Stelle des Tagebuchs , wo sich Lenardo gerade mitten im Gebirg des Briefes erinnert , den ich ihm schreib , rief mir in der Einbildungskraft im ganzen Umgange des Geistes und Gefühls jenes gute Wesen hervor ; ich sah ihn schon mit dem nächsten Morgen sich ihr nähern , sie anerkennen und was daraus mochte gefolgt sein . Da will ich