ist Diebstahl , eine Liebe anzunehmen , die auf irrigen Voraussetzungen unseres Wesens beruht . Was hülfe es mir , wenn ich mich jetzt an Ihre Brust geworfen und schweigend Ihre Zärtlichkeit erwidert hätte , während ich doch wußte , daß Sie mich nicht als die liebten , die ich bin , sondern nur als die , für welche ich mich ausgäbe ? Später oder früher hätten Sie den Irrtum erkannt und mich um der Täuschung willen verachtet ! Nein , ich fühle mich so , wie ich bin , der Liebe edler Menschen nicht unwürdig und kann ich sie mir nicht durch Wahrhaftigkeit und Offenheit verdienen , so will ich sie doch nimmer erschleichen ! “ „ Sie sprechen sehr stolz ! Solche Selbstgefälligkeit steht einem jungen Mädchen einer alten Frau gegenüber nie wohl an , am wenigsten der Mutter ihres besten Freundes und Wohltäters . “ „ Frau Staatsrätin , “ rief Ernestine , „ die Wohltaten Ihres Sohnes werde ich ihm ewig danken — aber mit Heuchelei und feiger Unterwürfigkeit würde er selbst sie nicht gelohnt wissen wollen ! “ „ Mein Fräulein , “ sagte die Staatsrätin sich bezwingend , „ Sie ereifern sich unnütz . Ich bin eine einfache , praktische Frau , die Ihre Sprache nicht reden , Ihrem Fluge nicht folgen kann . Ich will Sie auch nicht herabziehen zu uns . Ich wollte Ihnen nur diese Erde in ihrer wahren Gestalt zeigen , damit Sie wissen , was Ihrer wartet , wenn Sie sich doch einmal heimisch darauf niederlassen wollten , und Ihnen ein paar mütterliche Arme entgegenbreiten , damit Sie einst auf dem Boden der Wirklichkeit nicht gar zu hart anprallen . “ „ O , Frau Staatsrätin , wenn die Erde so ist , wie Sie mir dieselbe schildern , dann bleibe ich lieber oben in einer kälteren aber reineren Sphäre ! “ „ Nun , ich dächte , eine Sphäre , die Sie nicht vor den Steinwürfen ergrimmter Bauern schützt , wäre denn doch so neidenswert nicht ! Ich wenigstens würde ihr eine anspruchslose Pflichterfüllung im stillen häuslichen Kreise vorziehen . Doch , der Geschmack ist verschieden . “ Ernestine zuckte bei diesen Worten zusammen . „ Die Wahrheit wird im Himmel geboren und auf Erden gesteinigt ! Wer sie auf die Erde bringen will , muß den Mut eines Märtyrers haben ! Das sind so alte Gemeinplätze , daß man sie nicht mehr aussprechen kann , ohne banal zu erscheinen . Wer die Wahrheit erkennt , muß sie auch bekennen , und die Seligkeit der Erkenntnis wiegt mir alle Leiden auf , die das Bekenntnis mir brachte . “ „ Verzeihen Sie — aber das sind Phrasen , mit denen Sie einen öffentlichen Skandal , wie den gestrigen , nicht beschönigen können . “ „ Frau Staatsrätin ! “ rief Ernestine erglühend . „ Seien Sie ruhig , liebes Kind , ich spreche als Mutter mit Ihnen . Was haben Sie davon , wenn Ihr Benehmen die < < Wahrheiten > > , welche Sie verkünden wollen , von vornherein diskreditiert ? Wer wird an den Verstand und die Lehren einer Frau glauben , die es nicht einmal versteht , die eigene Person vor der Lächerlichkeit zu bewahren ? O , hören Sie mich ruhig an , ich rede im Geiste dessen , der jede Stunde sein Leben für Sie gäbe . Ich möchte Alles vom Herzen heruntersprechen , damit nichts mehr zwischen uns sei ! Die Welt ist nun einmal erbarmungslos gegen jede Herausforderung in dem Wesen des Weibes , weil ihm unsere Begriffe von Sitte ein bescheidenes Verharren in den Schranken der Familie unerläßlich gebieten und man in dem Mute , sich von so uralten und allgemeinen Gesetzen zu emanzipieren , einen Mangel an weiblichem Scham- und Ehrgefühl sieht , den man nicht empfindlich genug strafen zu können glaubt . Die Öffentlichkeit ist ein dornenvoller Boden . Bei jedem , wenn auch noch so behutsamen Schritt , den das Weib über die Grenze seines Berufs hinaus tut , gerät es in Nesseln und Stacheln , die ihm den ungewappneten Fuß verwunden , die der Mann hingegen sorglos niedertritt . Und gelingt es ihr auch , sich auf diesem unholden Gebiet einen Kranz zu winden , so ist es doch immer , wie einer unserer Dichter sehr richtig sagt , — eine Dornenkrone ? ! “ 89 Ernestine blickte starr vor sich nieder . Die Staatsrätin wußte nicht , was in ihr vorging . Plötzlich aber hob sie die stolze Stirn empor . „ Und sei es eine Dornenkrone , ich will sie mir auf das Haupt drücken . Immer noch lieber , als die vergänglichen Rosen eines alltäglichen Glückes oder gar die philiströse Haube der deutschen Hausfrau ! “ Die Staatsrätin blickte gen Himmel , als bete sie um Geduld . Dann erwiderte sie mit sichtlicher Überwindung : „ Ich gebe Ihnen ja zu , daß die Stellung der Frauen im Allgemeinen eine würdigere sein dürfte . Aber wir können sie nicht dadurch verbessern , daß wir uns gegen sie auflehnen , nur dadurch , daß wir sie würdig ertragen , denn letzteres erwirbt uns Achtung , ersteres aber macht uns zum Gespött wie jedes vergebliche Beginnen ! “ „ Frau Staatsrätin , wahrlich , den Spott , der mir begegnet , hoffe ich noch in Furcht umzuwandeln . “ „ Und wenn Ihnen dies auch gelingt , was nützt es Ihnen ? Ist es ein beglückenderes Gefühl für eine Frau , wenn die Menschen scheu vor ihr zurückweichen , als wenn sich eine Schar froher liebender Wesen um sie drängt , auf die sie sich mit ihrem Herzblut ein heiliges Eigentumsrecht erworben hat ? “ „ Ich lebe nicht für mich — ich lebe für die Sache von Millionen Frauen , für die ich zu kämpfen berufen bin . Und wenn ich selbst noch so glücklich werden könnte , ich würde mich verachten , wenn ich über das eigene Wohl das Elend so vieler Tausende