Menschen zu ihm , die für ihn wirken wollten . An vielen Zeichen merkte er , daß Regina Sußmann glühende Propaganda für ihn trieb . Eines Tages erhielt er von einer Gesellschaft von Musikfreunden in Magdeburg die Aufforderung , dort ein Konzert zu leiten . Er schwankte lange , endlich willigte er ein . Äußerlich hatte der Abend nur geringen Erfolg , doch spürten die Hörer seine Macht . Stümpernde Musikanten , sich vergessend , wurden zu beseelten Sklaven seines Arms und Blicks . Ein ungewisses Glück , das er in den Guten weckte , rief ihn weiter auf der Bahn . Zwei Winter lang dirigierte er klassische Konzerte in den Provinzstädten des Nordens . Er war der erste , der damit begann , das Publikum an strenge Programme zu gewöhnen . Der erste erntet selten Dank . Hätte er sich nicht so puritanisch der Darbietung von Süßigkeiten enthalten , von Opernnummern und beliebten Tongemälden , sein Wirken hätte sich besser gelohnt . Er wurde mit Achtung genannt , dennoch ging er dunkel durch die Städte . Regina Sußmann war immer dort , wo er ein Konzert gab . Er wußte es , auch wenn er sie nicht sah . Bisweilen gewahrte er sie in der vordersten Reihe . Sie näherte sich ihm niemals . Dann und wann erschienen begeisterte Artikel in den Zeitungen , die erkennbar von ihr beeinflußt waren . Einmal begegnete er ihr auf der Treppe eines Hotels . Sie blieb stehen , bleich mit gesenkten Augen . Er ging vorüber . Da flammte wieder die Sehnsucht auf nach der zärtlichen Berührung einer Unberührten . Hungerte wirklich schon sein Herz ? Er biß die Zähne zusammen und arbeitete die ganze Nacht hindurch . Es schien ihm , als bedrohe ihn die düstere Nüchternheit seiner Zeit und seiner Welt schrecklich . Aber bedurfte es , um sie abzuwenden , eines Weibes ? Die Schatten wichen trauernd zurück , Gertrud und Lenore , schwesterlich umschlungen . Laß ab von deinem Tun ! riefen sie . Und er sah , daß ihn die provinzlichen Konzertreisen zu falschen Zielen lockten , falschen Ehrgeiz entfachten , seine Kräfte zerteilten . Auch ertrug er die blendend hellen Säle nicht mehr , die geputzten Menschen , die leer kamen , unverwandelt gingen . Es war alles wie Lüge . Da ließ er ab , gerade als die Verführung am stärksten war , als ihn die Berliner Philharmonie eingeladen hatte , in ihren Räumen seine eigenen Schöpfungen zu dirigieren . Plötzlich war er verschollen . Ehe drei Monate vergingen , war sein Name zur Sage geworden . 6 Sommer , Herbst und Winter des Jahres 1893 verbrachte er mit unstetem Wandern . Bald saß er an einem entlegenen Ort in Thüringen , bald in einem Tal der Rhön , bald im Erzgebirge , bald in einem Fischerdorf an der Ostsee . Tagsüber arbeitete er an dem Sammelwerk , in der Nacht komponierte er . Und nur der Firma Philander war sein jeweiliger Aufenthalt bekannt . Vor den Brotherren durfte er sich nicht verstecken . Allmählich entwöhnte er sich des Wortes so , daß es ihn Mühe kostete , mit einem Wirt über den Preis eines Zimmers zu verhandeln . Das beständige Schweigen meißelte seine Lippen zu unheimlicher Schärfe aus . Er hörte nichts von seiner Mutter , nichts von seinen Kindern . Es war , als hätte er vergessen , daß es Lebendige gab , die seiner mit Liebe , mit Angst gedachten . Die einzigen Boten aus der Welt waren Briefe , die er in Zwischenräumen von vier bis fünf Wochen durch das Verlagshaus in Mainz nachgeschickt bekam . Die Briefe waren von der Hand Regina Sußmanns , aber sie trugen ihre Unterschrift nicht , sondern die Schreiberin nannte sich » die Schwalbe « . Und sie redete Daniel mit Du an . Sie erzählte ihm von ihrem Leben , von Büchern , die sie las , von Menschen , die sie sah , und von ihren Ideen über Musik . Ihre Mitteilungen wurden ihm nach und nach unentbehrlich , ihre Treue rührte ihn , und daß sie sich ihres Namens entäußert hatte , gefiel ihm . Sie hatte eine erstaunliche Feinheit und Kraft im Ausdruck , und so unwahr , so gespannt sie im persönlichen Verkehr auf ihn gewirkt hatte , so überzeugend und natürlich war alles , was sie schrieb . Nie ein Wunsch , daß er geben möge , was er doch nicht geben konnte ; nie eine Klage . Dafür eine Leidenschaftlichkeit des Verstandes , die ihm neu war , die er an Frauen noch nicht kannte , eine Glut und Sicherheit im Erfassen seines Wesens , vor der er sich beugte wie vor einer höheren Stimme . Er beantwortete keinen Brief , doch wartete er nicht selten mit Ungeduld auf den , der fällig war . Oft dachte er an die Schwalbe , in der Nacht , wenn er an ein schwarzes Fenster trat ; er dachte an sie wie an einen allsehenden Geist , der in den Lüften haust . Die Schwalbe , das war sinnvoll , die unruhige , zarte , schnelle Schwalbe . Und er sah jene eine , die sich damals in fabelhaftem Bogen über den Kirchenplatz geschwungen hatte , als Eberhard von Auffenberg gekommen war , um ihn zu den verwelkten Blumen zu führen . Da schrieb er an Philippine : » Schmücke meine Gräber , kauf zwei Kränze und leg sie auf die Gräber ! « » Du mußt zum Wolkengipfel hinan , sonst bist du verloren , Daniel , « lautete eine Stelle in einem der Schwalbenbriefe ; » sobald du um eine Einsamkeit weißt , mußt du in eine andere , ungewußte schlüpfen , sobald ein Weg sich dir bahnt , mußt du ins Dickicht stürmen , sobald ein Arm dich umschlingt , mußt du dich losreißen , und gibt ' s auch Blut und Tränen . Du mußt über die Menschen hinaus , du darfst kein Bürger sein , nichts