Auslegung des Evangeliums , und ich muß Euch wohl beistimmen , daß man im Himmelreich nicht also freiet , wie irdische Menschen tun . So Ihr aber vom schwachen Sterblichen verlanget , er solle gleich hier auf Erden ebenso heilig und verklärt sein , wie die Engel , und solle ein geliebtes Weib nicht für sich allein begehren , so mutet Ihr dem Sohne des Staubes zu , daß er mit einem Sprung über eine Kluft hinweggelange . Wann wir hinuntersteigen zum Schwarzen Wog , kommen wir an solch eine Kluft . So breit ist sie , daß , ich keinen Stein hinüberschleudern kann , und tief im Abgrunde strudelt über Felsblöcke der Zackenfluß . Wer nicht Flügel an den Schultern hat , wie die Engel , vermag nicht stracks hinüber zu gelangen . Fein behutsam muß er den Abstieg nehmen über Geröll und durch Gestrüpp , muß den Fuß auf die Baumstämme setzen , so eine Brücke bilden , und muß am andern Ufer mühselig die Felsen emporklimmen . Die Sinnenwelt , so habet Ihr gesagt , ist ein Gleichnis für das Reich des Geistes . Nun freilich , an einen andern Abgrund , nicht unähnlich dem Schwarzen Wog , hat Eure Predigt mich geführt und heißet mich nun einen übermenschlichen Sprung durch die Luft hinübertun . Hinter der Kluft lächelt verklärt jenes Himmelreich , allwo man nicht freiet und nicht freien lässet . Hinüber aber weiß ich nicht zu gelangen , habe nicht einmal solch einen mühsamen Pfad durch den Abgrund , wie er vom Schwarzen Wog zum Zackenberge führt . Bedenk ich nämlich , es könne ein andrer Mann kommen und meines ehelichen Weibes Minne auf sich lenken , - o Herr , ich hätte nicht die Kraft , zu beherzigen , daß schon hienieden das Himmelreich anhebet . Wie denn ? Soll ich etwan zu Agneten sprechen : gehe hin und lebe mit dem andern ? Soll ich wie ein Heiliger zuschauen , wenn sie jenen herzet , wie sie mich nie geherzt hat ? Ratet Ihr mir , ich solle verzichtend beiseite schleichen , so wär ich vielleicht , wofern Gott mich stärkt , hiezu imstande . Doch gebrochenen Herzens würd ich es tun , und nicht im Himmelreiche wär ich , vielmehr an einer Stätte höllischer Pein . Wahrscheinlich aber wird meine Kraft zum Verzichte gar nicht ausreichen ; mag sein , daß mein Nebenbuhler quälenden Neid , gärenden Haß in mir weckt , und wer weiß , was ich dann tue . O Heiland , steh mir bei , daß nicht die Sünde Kains mich hinreiße . « Heinrichs Angesicht glühte , unter finsteren Brauen rollten die Augen . Beschwichtigend ergriff ich seine Faust und löste die zusammengekrampften Finger . » Ihr sagtet , Heinrich , daß ich Euch zumute , ohne Pfad und ohne Stütze über den Abgrund zu gelangen . Aber der Abgrund im inneren Menschen hat wohl Pfad und Brücke ; hat auch einen Freund , der dem Unkundigen weiset , wie er gehen soll . Weiset Ihr mich , lieber Heinrich , über den Abgrund am Schwarzen Wog , so lasset mich hinwiederum Euch helfen , über den Abgrund des Herzens zu gelangen . « » Seid Ihr das imstande ? « fragte Heinrich , und vor seinem durchdringenden Auge irrte mein Blick zur Seite . » Wirklich ? Seid Ihr das imstande ? « wiederholte er mit erhobener Stimme ; » oder gehöret Ihr zu jenen Prädikanten , so da meinen : Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten ? « Er hatte mir weh getan ; doch ich gab im stillen zu , daß er wahr gesprochen . » Ja Heinrich , zu denen gehöre ich . Auch ich sage : Richtet Euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten . « Da er mich stutzig ansah , gab ich die Erklärung : » Könnet Ihr denn nicht begreifen , daß eines Menschen Auge weiter reicht , als die Kraft seiner Füße ? Wenn ich den Gipfel der Verklärung schaue , so bin ich doch nicht alsogleich imstande , hinaufzugelangen , obwohl ich mich anstrenge , nicht bloß im Schauen , sondern auch im Wandeln . Bittet mich nun ein Zweifler , ihm die Wahrheit zu zeigen , wie ich sie schaue , so schildere ich zwar den Gipfel der Verklärung , möchte aber nicht derart verstanden sein , als ob ich mich selber zu den Verklärten rechne ; vielmehr knie ich demütig in der Tiefe neben demselbigen , dessen Auge sich führen lässet von meinem Auge . « Heinrich war milde worden : » Verzeihet , Herr Johannes ; ich schäme mich des rauhen Wortes , so mir aus dem Munde gefahren , und ich weiß nun , daß Ihr mitnichten den heuchlerischen Prädikanten angehört . Wer die Kraft hat , ohne Zürnen sich mahnen zu lassen an seine Unzulänglichkeit , der ist ein Wegweiser zum Heil , nicht bloß mit Aug und Mund , sondern zugleich mit Herz und Wandel . Ihr habet mich still gemacht mit Eurer guten Antwort . So fahret fort , das Strudeln meines Abgrundflusses zu sänftigen und zeiget mir , wie Schritt für Schritt die Kluft mag überwunden werden . « Getröstet fuhr ich zu reden fort : » Wohlan , betrachtet noch einmal den Fall , daß jener andere kommt und spricht : ich bin Agnetens erster Mann . Würde er ebenso wie Ihr voll Eifersucht toben , so wäre jeder von euch beiden in Gefahr , den Platz zu verlieren , zu dem euch Agnetens Minne geführet . Erinnert Euch , wie nach meiner Auslegung die Gattenminne unter die Himmelspforte zu führen vermag . Ihr beide also würdet im eifersüchtigen Hader den Eingang zum Paradiese verlieren und wohl gar miteinander in einen höllischen Abgrund taumeln - es sei denn , daß der andere stärker ist denn Ihr , lieber Heinrich , und eben das vollbringt , was die Wahrheit Euch zumutet . « Betroffen