war ich Caspar Hauser , dachte er , von morgen an bin ich der andre ; und was bin ich jetzt ? Gestern war ich noch ein Schreiberlein , und morgen werd ich vielleicht einen blauen Mantel tragen , mit goldenen Borten verziert ; auch einen Degen soll mir Dukatus bringen , lang und schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm . Aber ist denn alles wahr , kann es denn sein ? Freilich kann es sein , weil es doch sein muß . Erst als es völlig finster war , zündete Caspar das Licht an . Die Lehrerin schickte herauf und ließ fragen , ob er nichts zu sich nehmen wolle . Er bat um ein Stück Brot und ein Glas Milch . Dies wurde gebracht . Sodann fing er an , seine Laden auszuräumen ; einen ganzen Stoß von Papieren und Briefen warf er ins Feuer , die Schreibhefte und Bücher ordnete er mit peinlicher Sorgfalt . Er öffnete eine Truhe und zog unter mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor , das er noch von der Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besaß . Er betrachtete es lange ; es war weiß lackiert , mit schwarzen Flecken , und hatte einen Schweif , der bis auf das Brettchen fiel . O Rößlein , dachte er , hast mich manches Jahr begleitet , was wird nun aus dir ? Ich will wiederkommen und dich holen , und einen silbernen Stall werd ich dir bauen . Damit stellte er das Spielding behutsam auf ein Ecktischchen neben dem Fenster . Es mag füglich wundernehmen , daß ein Gemüt wie das seine , so mit Ahnung begabt , so mit Erfahrungen vielerlei Art gefüllt , vom ersten Augenblick der vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermaßen blinde Gläubigkeit verfiel , daß auch nicht ein Funke des Mißtrauens , der Furcht oder nur des zweifelnden Staunens in ihm erglomm . Ein Vorgang , so weit außerhalb des gebundenen Wirklichen , so abenteuerlich in seiner Plötzlichkeit , so zierdelos und simpel , daß ein Schüler , ein Kind , ein Verrückter daran Anstoß genommen hätte , und er , dem so viele Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld entmummt gegenübergetreten waren , er , dem die Welt nichts andres war , als was der Schwalbe , die vom Süden kommt , das durch Bubenhände zerstörte Nest , er ergriff mit unerschütterlicher Zuversicht die unbekannte Hand , die sich aus unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte , die starre , kalte , stumme Hand . Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr . Oder es war überhaupt von Hoffnung keine Rede . Hier war das selbstverständlich Endliche , das jenseitig Sichere , das Ungefragte , dem kein Wort der menschlichen Sprache , ja nicht einmal ein Gedanke , eine Vorstellung , eine Vision mehr nahekommen konnte und das sich so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang der Sonne , wenn es Tag wird . O ihr müdgetriebenen Glieder , ihr Ketten an den Gliedern , ihr trägen Minuten , ihr schweigenden Stunden ! Noch prasselt der Kalk in der Mauer , noch bellt von fern ein Hund , noch bläst der Sturm den Schnee ans Fenster , noch knistert das Licht auf der Kerze , und alles dies ist voll Bosheit , weil es so beständig scheint , so langsam vergeht . Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe . Er schlief fest , später in der Nacht hörte er alle Viertelstundenschläge von den Kirchen . Bisweilen richtete er sich auf und schaute beklommen in die Finsternis . Dann kam ein Traum , in dem Schlaf und Wachen unmerklich ineinanderflossen . Ihm träumte nämlich , er stehe vor dem Spiegel , und er dachte : wie sonderbar ich habe ein so bestimmtes Gefühl von der Glätte des Spiegelglases , und doch träume ich nur . Er erwachte oder glaubte zu erwachen , verließ das Bett oder glaubte es zu tun , machte sich im Zimmer zu schaffen , legte sich wieder hin , schlief ein , erwachte abermals und grübelte : Sollte ich das mit dem Spiegel nur geträumt haben ? Jetzt trat er vor den Spiegel hin , gewahrte sein umschattetes Bild , fand etwas Fremdes daran , wovor , ihm graute , und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch , das blau war und goldene Borten hatte . Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer Weile wirklich erwachte , da erkannte er , daß alles nur ein Traum gewesen war denn der Spiegel war keineswegs verhängt . Es war eine lange Nacht . Des Morgens ging er wie gewöhnlich aufs Gericht . Er verrichtete seine Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen . Um elf Uhr klappte er das Tintenfaß zu , räumte auch hier alles säuberlich zusammen und entfernte sich still . Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz über Mittag vom Hause fort . Caspar saß mit der Frau allein bei Tisch . Sie sprach beständig vom Wetter . » Der Sturm hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen , « erzählte sie , » und der Schneider Wüst von nebenan ist durch die herunterfallenden Ziegel beinahe erschlagen worden . « Caspar blickte schweigend hinaus : er konnte kaum das gegenüberliegende Gebäude sehen ; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die verdunkelte Gasse . Caspar aß nur die Suppe ; als das Fleisch kam , stand er auf und ging in sein Zimmer . Punkt drei Uhr kam er wieder herunter , nur mit seinem alten braunen Rock bekleidet und ohne Mantel . » Wo wollen Sie denn hin , Hauser ? « rief ihn die Lehrerin von der Küche aus an . » Ich muß beim Generalkommissär etwas holen « , entgegnete er ruhig . » Ohne Mantel ? Bei der Kälte ? « fragte die Frau erstaunt und trat auf die Schwelle . Er sah zerstreut an sich herab , dann sagte er : » Adieu , Frau Lehrerin « , und ging . Bevor er die Haustür schloß , warf er noch einen Abschiedsblick in