gewarteten Kindern , empfunden wird ... An zärtlicher Wartung fehlte es mir nicht . Der Gatte , besorgt und liebend , unermüdlich , war Tag und Nacht um mich . Auch die Kinder brachte er häufig an mein Lager . Was mein Rudolf mir alles vorerzählte ! Ich verstand es meist nicht , aber seine liebe Stimme erklang mir wie Musik ; und das Zwitschern unserer kleinen Sylvia , unserer Herzenspuppe , wie süß belustigte mich erst das . Da gab es hundert kleine Scherze und Einverständnisse zwischen Friedrich und mir über das Gebahren unserer Tochter ... Worin diese Scherze bestanden , das weiß ich auch nicht mehr ; aber ich weiß daß ich lachte und mich freute - ganz unbändig . Jeder der gewohnten Späße schien mir der Gipfel der Witzigkeit und je öfter wiederholt , desto witziger und köstlicher . Und mit welcher Wonne ich die gereichten Tränkchen schlürfte : da bekam ich täglich zur bestimmten Stunde eine Limonade - so etwas göttertrunkähnliches habe ich während meines ganzen gesunden Lebens nicht gekostet - und allabendlich eine opiumhaltige Arznei , deren sanfteinschläfernde , in bewußten Schlummer wiegende Wirkung mich mit einem Gefühle seliger Ruhe durchrieselte . Dabei wußte ich , daß der geliebte Mann an meiner Seite war , mich hütend und wahrend als seines Herzens teuerster Schatz . Der Krieg , der draußen vor den Thoren wütete , von dem wußte ich beinahe nichts mehr ; und wenn mir doch zuweilen eine Erinnerung davon aufblitzte , so betrachtete ich das Ding als etwas so fern liegendes , so mich durchaus nicht berührendes , als spielte es sich in China oder auf einem anderen Planeten ab . Meine Welt war hier in diesem Krankenzimmer - in diesem Rekonvalescentenzimmer vielmehr , denn ich fühlte mich genesen - dem Glück entgegen . - - - - - - - - - - - - - - - Dem Glücke ? Nein . Mit der Genesung kam auch das Verständnis wieder und die Auffassung des gräßlichen , das uns umgab . Wir waren in einer belagerten , hungernden , frierenden , jammererfüllten Stadt . Der Krieg wütete noch fort . Inzwischen war der Winter hereingebrochen , eisigkalt . Jetzt erfuhr ich erst , was während meiner langen Bewußtlosigkeit alles vorgefallen . Die Hauptstadt des » Bruderlandes « , Straßburg , die » wunderschöne « , die » echt deutsche « , die » kerndeutsche Stadt « ist beschossen worden ; ihre Bibliothek zerstört , im Ganzen fielen 193 722 Schüsse - vier oder fünf in der Minute . Straßburg ist genommen . - Das Land gerät in wilde Verzweiflung - jene Verzweiflung , welche in Raserei und Wahnsinn ausartet . Man schlägt im Nostradamus nach , um darin Prophezeiungen der jetzigen Ereignisse zu finden , und neue Seher lassen sich mit Weissagungen vernehmen . Ärger noch : Besessene treten auf : es ist wie ein Rückfall in mittelalterliche , höllenfeuer-durchzuckte Geistesnacht ... » Könnte ich zu den Beduinen ! « rief Gustav Flaubert . » Könnte ich in das halbbewußte Traumland meiner Krankheit zurück ! « so klagte ich . Jetzt war ich wieder gesund und mußte all das erfahren und erfassen , was Grauenvolles um uns vorging . Da begannen wieder die Eintragungen in die roten Hefte und ich finde folgende Notizen vor : 1. Dezember . Trochu setzt sich auf den Höhen von Champigny fest . 2. Dezember . Hartnäckiges Gefecht um Brie und Champigny . 5. Dezember . Die Kälte wird immer strenger . Ach , die zitternden , blutenden , armen Wichte , die draußen im Schnee gebettet - sterben . Auch hier in der Stadt wird furchtbar an Kälte gelitten . Der Verdienst ist auf Null gesunken . Kein Feuerungsmaterial zu beschaffen . Was gäbe Mancher drum , wenn er nur ein paar Stückchen Holz da hätte - und wäre es der gewisse Thron von Spanien ... 21. Dezember . Ausfall aus Paris . 25. Dezember . Eine kleine Abteilung preußischer Kavallerie wird aus den Häusern der Ortschaften Troo und Sougé mit Flintenschüssen begrüßt ( das ist Patriotenpflicht ) . General Kraatz befiehlt die Züchtigung dieser Ortschaften ( das ist Kommandantenpflicht ) und läßt brennen . » Anzünden « lautet das Kommandowort , und die Leute - vermutlich sanfte , gutmütige Bursche - gehorchen ( das ist Soldatenpflicht ) und legen den Brand an . Die Flammen schlagen zum Himmel und die armen Heimstätten stürzen krachend ein über Mann und Weib und Kind - über fliehende , weinende , brüllende und brennende Menschen und Tiere . O du fröhliche , o du selige , o du heilige Weihnachtszeit ! Soll Paris nun ausgehungert werden , oder auch beschossen ? Gegen letztere Annahme sträubt sich das Kulturgewissen . Diese » ville-lumière « , dieser Anziehungspunkt aller Völker , diese glänzende Stätte der Künste - mit ihren unersetzlichen Reichtümern und Schätzen bombardieren wie die erste beste Citadelle ? Nicht denkbar ; die ganze neutrale Presse ( so erfuhr ich später ) protestiert dagegen . Die Presse der Kriegspartei in Berlin hingegen ermuntert dazu : das sei das einzige Mittel , den Krieg zu Ende zu führen und die Seinestadt erobern - welcher Ruhm ! Die Proteste übrigens sind es gerade , welche gewisse Kreise in Versailles bestimmen , diese strategische Maßregel - weiter ist ja eine Beschießung doch nichts - zu ergreifen . Und so geschah es , daß ich unterm 28. Dezember mit zitternden Zügen niederschrieb : » Es ist da ... Wieder ein dumpfer Schlag ... Eine Pause - und wieder - « Weiter schrieb ich nicht . Aber ich erinnere mich genau der Empfindungen jenes Tages . In dem » Es ist da « lag neben dem Schrecken eine gewisse Befreiung , eine Erleichterung , ein Nachlassen der beinah schon unerträglich gewordenen Nervenanspannung . Was man so lange teils erwartet und befürchtet , teils für menschenunmöglich gehalten - es war nun da . Wir saßen beim Gabelfrühstück ( das heißt wir aßen Brot und Käse -