Wo liegt Anfang und Ende einer starken Leidenschaft , wenn sie plötzlich über Nacht aus äußeren Anlässen erlöschen kann ! Man begreift vollkommen , wie diese oder jene Leidenschaft entstehen , wachsen , sich ausrasen konnte . Man begreift sogar alle Thorheiten und Narrheiten , zu denen sie veranlaßte ; man würde vielleicht in ähnlichem Falle ebenso handeln . Wie aber ist es möglich , daß eine allesverschlingende wahnsinnige Liebe plötzlich , in sich selbst verzehrt , erlöschen kann - auch ohne daß sie volle Befriedigung gefunden ? Schwache Naturen allerdings mögen in einer Art temporären Irrsinns daran zu Grunde gehn . Starke hingegen , und wenn sie bis zur äußersten Grenze gegangen , können plötzlich sich ein Ziel setzen , ohne sonderliche Willensanstrengung . Die Begierde erlischt einfach , auch ohne Sättigung , auch ohne zwingende Umstände - falls sie störend in den sonstigen Lebenszweck eingreift . Auch dann , wenn der Minnekranke fest entschlossen war , sein Ich dem Du zu opfern . » Alles hat seine Zeit , « sagt der Prediger . Aber die Fluth und Ebbe des Gefühls hat , so natürlich sie scheint , doch etwas Räthselhaftes . Bah , kommt mir nicht mit pathetischen Phrasen - es giebt keine Liebe , sei sie die reinste und selbstaufopferndste , die ein gewisses Stadium überdauert . Oder sie ist bereits eine ernstliche Affection des Gehirns . Ich habe einen lieben Freund . Ich warnte diesen vor einer gewissen anrüchigen Dame . Er nahm sehr ernstlich ihre Partei und schimpfte über die Klatschsucht der Welt . Hinterher erfuhr ich aus unumstößlichen logischen Thatsachen , daß er - er ist sehr verheirathet - mit dieser gefälligen Dame ein flüchtiges sinnliches Verhältniß gehabt . Neulich setzte er sich hin und unterhielt mich wiederum von der Tugend einer anderen Dame , zu welcher die ganze Welt , weil er ' s ein wenig öffentlich trieb , ihm nahe Beziehungen unterschob . Er erzählte mir ganz unmögliche Tugendhaftigkeiten , wie sie in Romanen der » Gartenlaube « vorkommen könnten , - alles mit dem Bestreben , das gewisse Weib in meinen Augen zu heben und dadurch die Existenz einer intimen platonischen Freundschaft mit derselben plausibel zu machen . Wie ein stummes Bild des Glaubens faltete ich andachtsvoll die Hände . Aber es imponirte mir doch . Das heißt gehandelt wie ein Kavalier . III. » Wissen Sie was , schreiben Sie uns einen Messerschneide-Artikel ! Etwas gegen Boulanger , wissen Sie . « » Weswegen ? « » Was für eine Frage ! Es liegt im Interesse des Blatts . « » Möglich . Aber ob in meinem Interesse ? « » Herr Doctor , ich bin erstaunt .. « » Und ich erst ! Gott , seien wir doch keine Kinder ! Die Hauptsache dabei ( ich will ja den Artikel gern schreiben ) ist die : Was - nützt - es mir ? « » Aber das hätte ich nie von Ihnen gedacht ! So wenig Eifer ! Natürlich werden wir Ihnen den Artikel sehr hoch berechnen . « » 50 Pfennig pro Zeile ? « höhnte Kratzenthal . » Nein , alter Freund . Da fällt mir ein : Warum schreiben Sie denn den Artikel nicht ? « » Ach ! « Kössel kratzte sich hinter den Ohren . » Das ist eine sehr sehr prekäre wichtige Affaire . Das kann nur eine ganz gewiegte Feder - wie die Ihre , Herr Doctor Kratzenthal . « » Ach zu gute « schnaufte dieser durch die Nase . » Sie wiegen mein gewiegte Feder in sanfte Illusionen « . Mit einem Wort , er sprang plötzlich auf , » Sie selbst fürchten sich den Artikel zu verbrechen und wollen einen stillen Compagnon dazu . Ich wittere Unrath . Holla , der Bankier Hollmann ! « Kratzenthal brach in ein wieherndes Gelächter aus , schlug seinem Chef auf die Schulter und grinste : » Spekulirt auf Baisse ! - All right ! 100 Mark pro Zeile - 100 Zeilen Umfang - macht 10000 Mark - dann schreibe ich ihn , den Messerschneide-Artikel . « Nämlich im Sinn all der früheren Messerschneidungen , welche fast jedes Blatt wie eine Art monatlicher Excremente von sich giebt . Solche Schauderaffaire erzählte Schmoller dem staunenden Leonhart , als er mit diesem das Zeitungszimmer des Café Bauer durchstöberte , ob sie nicht Beide wieder irgendwo beschimpft worden seien . Er hatte angeblich diese Scene belauscht , als er die Redaction eines großen Blattes heimsuchte . Dann erzählte er noch , wie plötzlich ein schrecklicher Skandal dort losgebrochen sei , da die Gattin des Chefredacteurs Kössel , eine frühere Köchin , diesem grade wie gewöhnlich ihren allabendlichen Gardinenpredigt-Besuch auf der Redaction abgestattet habe . - Dieser professionelle Verfolger der Bosheit sog sich freilich solche Geschichten oft rein aus den Fingern . So galt es ihm diesmal , das bekannte Verhältniß von Börse und Presse in ein Späßchen zu bringen . Allein , es schien nicht so bös gemeint , wie es klang . Aus Klatsch , Nichtigkeit und Jämmerlichkeit setzt sich ja das unselige Leben des Berufsschriftstellers zusammen und als einzige Rache bleibt ihm die böse Zunge . Jedermanns Hand ist wider ihn drum ist seine Hand wider Jedermann . Verzweiflung lachte aus Schmoller ' s Verleumdungsmanie . Das Unberechenbare war hier nie das Unentschuldbare . Grade wie Leonhart fühlte er sich dämonisch zum Geifern getrieben . » Kratzenthal platzt noch vor Gift , wie die Ratte in ihrem Loch . Kössel sagte mir mal , man müsse die ewige Wuth Kratzenthals nur bedauern , da sie von Hämorrhoiden herrühre . « » Das ist keine Entschuldigung . Aber ich kann mir nicht helfen : obschon er mein Todfeind , halte ich ihn für einen Ehrenmann , « versetzte Leonhart ruhig . » Ehrenmann - ach Du bist doch immer der Alte ! « knurrte Schmoller . » Wie hat der Mensch sich immer ruppig gegen Dich benommen ! « » Das tangirt aber nicht