mich sogleich entfernte und die Einsamkeit suchte , fühlte ich , daß jetzt der erste Teil meines Lebens abgeschlossen sei und ein anderer beginne . Neuntes Kapitel Daß Pergamentlein Wie lang ist es her , seit ich das Vorstellende geschrieben habe . Ich bin kaum derselbe Mensch , meine Handschrift hat sich längst verändert , und doch ist mir zu Mut , als führe ich jetzt fort zu schreiben , wo ich gestern stehenblieb . Dem unveränderlichen Lebenszuschauer sind Stern und Unstern gleich kurzweilig , und er zahlt seinen wechselnden Platz unbesehen mit Tagen und Jahren , bis seine fliehende Münze zu Ende geht . Der Wendepunkt , welcher mit dem Entschwinden der ersten Jugendzeit und der Judith unvermerkt genaht war , zeigte sich in der Notwendigkeit , meine Kunstübungen nunmehr einem Abschluß entgegenzuführen . Es galt , jenen Weg in die weite Welt anzutreten , nach welcher so viele tausend Jünglinge täglich ausfahren , von denen so mancher nie mehr wiederkommt . Diese alltägliche Angelegenheit war meinesteils so beschaffen , daß ich für eine beschränkte Zeit ohne Nahrungssorgen noch dem Lernen obliegen konnte , mit der Aussicht jedoch auf einen bestimmten Tag , an welchem ich auf mir selber zu stehen hatte . Eine von Vatersseite vor Jahren mir zugefallene geringe Erbsumme lag nach gesetzlichen Vorschriften in der Verwaltung des Oheims , welcher mir zum Vormunde bestellt war , obgleich er sich selten im meine Sachen mischte . Da fragliches Geld aber den Aufenthalt an der Künstlerschule ermöglichen sollte , die ich in herkömmlicher Weise gewählt , so war eine vormundschaftliche Verhandlung nötig , um dasselbe flüssig machen und aufbrauchen zu dürfen . Der Fall war im ländlichen Heimatorte ganz neu , und niemand vermochte sich zu erinnern , daß jemals die schlichten Landmänner der Waisenbehörde darüber zu Gericht gesessen seien , ob ein junger Musensohn sein Vermögen zusammenpacken und aus dem Lande fahren dürfe , um es buchstäblich zu verzehren . Dagegen hatten sie seit einiger Zeit das lebendige Beispiel eines Menschen unter sich , der dieses Geschäft ohne ihr Zutun verrichtet hatte und der Schlangenfresser genannt wurde . An entfernten Orten unter dem Schutze leichtsinniger und unwissender Eltern aufgewachsen , hatte er gleich mir ein Maler werden wollen und sich in Sammetröcken und engen Beinkleidern , mit langen Locken und Sporen an den Füßen auf Akademien herumgetrieben , bis das Gut und die Eltern verschwunden waren . Dann schien er noch jahrelang mit einer Gitarre auf dem Rücken sich beholfen zu haben , ohne jedoch auch auf diesem Instrumente etwas Ordentliches vorbringen zu können , bis er unlängst als ein alternder Mensch in das Dorf heimgeschoben und in das Armenhäuslein gesteckt wurde , wo ein Dutzend alte Weiber , Idioten und ausgeglühte Lebenskünstler der untersten Ordnung zusammen hausten und zuweilen schrien und lärmten , als ob sie im Fegefeuer säßen . Seine Vergangenheit war wie eine dunkle Sage . Niemand wußte etwas Bestimmtes davon , ob er jemals Talent besessen und etwas gekonnt habe oder nicht , und er selbst schien auch keine Erinnerung daran mehr zu besitzen . Keine Äußerung oder Handlung verriet , daß er einst unter gebildeten Menschen gewesen und einer Kunst obgelegen , außer wenn er gelegentlich sich rühmte , daß er einmal schöne Kleider getragen habe . Seine einzige Geschicklichkeit bestand darin , sich auf tausend Wegen einen Schluck Branntwein zu verschaffen und Schlangen zu fangen , die er wie Aale briet und schmauste ; auch machte er sich auf den Winter einen Topf voll Blindschleichen ein , als ob es Neunaugen wären , und schleppte denselben aus einer Ecke in die andere , um den Schatz vor den Nachstellungen seiner Hausgenossen zu sichern , die im Punkte des Eigennutzes nicht harmloser waren als die Lebensvirtuosen höhern Ranges . Wie nun ein einziger Unhold dieser Art eine ganze Gegend verwüsten und alle Herzen gegen das Musenzeug aufbringen kann , so war auch mir der Schlangenfresser nicht zur guten Stunde im Dorfe aufgetaucht , als ich mich jetzt einfand , um der besagten Verhandlung beizuwohnen . Er erschien mir selbst wie ein böser Dämon , da ich am Wege eine große vorjährige Distel , die aussah wie der Tod von Ypern , ins Büchlein zeichnete und der Kerl , zwei tote Schlangen an einer Gerte über der Schulter tragend , einen Augenblick stillstand , mir zusah , grinste und kopfschüttelnd weiterging , als ob ihm etwas Kurioses durch die Erinnerung liefe . Er trug einen langen zerlöcherten Rock von ehmals rostbrauner Farbe , bis oben zugeknöpft , an den nackten Beinen Pantoffeln , die mit verblichenen Rosen gestickt waren , und auf dem Kopfe eine österreichische Soldatenmütze ; ich seh ihn noch heute davonschlurfen . Dieses Gespenst rumorte offenbar in den Köpfen der drei oder vier Gemeindevorsteher , welche als Waisenamt um einen Tisch versammelt saßen und meine Person mit vorsichtiger Neugier einen Augenblick betrachteten ; denn der Oheim hatte für gut gefunden , mich selbst einzuführen und vorzustellen , damit ich im Notfall seinen Vortrag ergänzen und näher beleuchten möge . Die Männer schienen mir aber Gesichter zu machen wie solche , die eine unliebsame Sache halb und halb kommen sahen und nun sagen Da haben wir ' s ! Sie mochten wohl mit Verwunderung beobachtet haben , wie ich schon seit Jahren allsommerlich Feld und Wald durchstreifte und da oder dort den weißen Leinwandschirm aufspannte , ohne daß ihre Gemarkung dadurch zu besonderm Rufe zu gelangen schien oder fremde Reisende kamen , das merkwürdige Land aufzusuchen . Die Frage , ob ich bei dem lustigen Handwerk eigentlich etwas verdiene und mein Brot erwerbe , hatten sie einstweilen auf sich beruhen lassen , da niemand etwas von ihnen verlangte ; jetzt kam der Handel an den Tag . Sie benahmen sich zwar anfänglich sehr zurückhaltend , als der Oheim die Sache dargelegt und erklärt hatte . Keiner mochte zuerst einen Mangel an Verstand und Einsicht beurkunden oder sich als einen unbescheidenen Verächter dessen zeigen , was ihm unbekannt war . Nichtsdestoweniger prägten