; unschätzbare Schätze eine jede in ihrer Art. Aber ein gesetzter Mann denkt , wenn er liebt , an Hüttenbauen , und zum Hüttenbauen eines doch immer noch lediglich von der Hoffnung zehrenden Doktors der Medizin war , aus Brotschranks wie anderen Gründen , weder Flamme noch Ideal leider angetan . Dahingegen die dritte , keine Huldgestalt in rationellem Sinn , aber gescheut , pikant , interessant , als demnächstige Erbin mehrerer Rittergüter , zum Hüttenbauen für einen dergleichen Doktor expreß geschaffen schien . Über seinen Erfolg hegte er nicht den geringsten Zweifel . Fräulein Sidonie hatte sich in Gelehrtenkreisen bewegt , wußte daher eine aufgehende Leuchte der Wissenschaft von einem Dreierlicht zu unterscheiden . Fräulein Sidonie trug einen altadeligen Namen , besaß aber hinlänglich Ingenium , um über verrottete Vorurteile erhaben zu sein oder mindestens um Vorurteil gegen Vorurteil mathematisch abzumessen und einzusehen , daß ein ungleicher Schulterbau am Ende eine Freiherrnkrone und mehrere Rittergüter aufwiegt . » Transfusion und Sidonie von Hartenstein ! « mit diesem Feldgeschrei rückte Doktor Peter Kurze in die Arena des geistigen Zentrums seiner Heimatsprovinz ein . Im Frühling wurde es ein halbes Jahrhundert , daß Konstantin Blümel sein erstes theologisches Examen abgelegt hatte . Bis zu diesem Jubiläum , falls er es erlebte , gedachte er sein Amt dem Namen nach beizubehalten , dann sollte der Sohn an seine Stelle treten . Den Sohn drängte es nach diesem Abschluß . Nicht sowohl in seiner Kandidateneigenschaft als in der des Bräutigams , dem das Amt eine nicht mehr bloß mit Freuden , sondern mit Bangen ersehnte Erfüllung bringen mußte . Denn seltsam ! die Rosenwandlung , welche dem Vater so befriedigend erschien , sie erschien dem Verlobten je mehr und mehr befremdlich , und wenn der völlige Besitz die Wandlung nicht rückläufig machte , so hätte er schier verzweifeln müssen . Die errötende Jungfrau , ach ! war sein liebes Röschen nicht mehr ! Nicht , daß sie sich unschwesterlich gegen ihn bezeigt hätte ; im Gegenteil , nur allzu schwesterlich , ja im Grunde erst jetzt schwesterlich , da bisher doch immer mit dem schelmischen Übermute eines Hätschelkindes zu rechnen gewesen war . Nun zeigte sie ihm den Anteil einer mehr Verpflichteten als Berechtigten , sorgte für ihn mit nahezu dem Eifer ihrer seligen Mutter , ging ernsthaft wie eine Freundin auf seine Bestrebungen ein , nannte ihn , Tränen in den Augen , ihren Lebensretter ; aber sie neckte ihn nicht mehr , widersprach ihm nicht mehr , umtändelte ihn nicht mehr wie sonst , und wo war die Liebende , die hoffende Braut ? Hatte sie sich bisher hüpfend an seinen Arm gehängt , sich die Händchen streicheln lassen , Wangen und Stirn ihm zum Kuß gereicht , nun ging sie ehrbarlich an seiner Seite , entzog ihm die Hand , entwand sich den Armen , die sie verlangend umfingen , und ach ! von Sichküssenlassen durfte gar nicht mehr die Rede sein . Anfänglich ehrte Dezimus diese Zurückhaltung als ein geziemendes Traueropfer , oder er dachte wohl auch : sie hat dem Tode in das Auge gesehen und muß erst wieder leben lernen ; bemerkte er aber , wie sie in Gegenwart dritter zu all ihrer früheren Munterkeit zurückkehrte , hörte er die Scherzreden , die sie mit der kleinen Sidi wechselte , überlas er die je mehr und mehr sich wieder freudig stimmenden Briefe , die sie an die Schwestern , an Philipp , Peter Kurzen und sogar Freund Martin schrieb , dann mußte er sich sagen , daß eine natürliche , wenn auch noch so leidvolle Erfahrung das Grundwesen eines Menschen auf die Dauer nicht umwandele und daß das heitere Blumenkind einzig und allein gegen ihn verändert sei . Sollte das in Wahrheit der Umschlag geschwisterlicher in bräutliche Liebe sein ? Die Cousinen Hartenstein trafen sich allabendlich in der Pfarre , und niemals kamen sie , ohne dem Greise irgendeine Erquickung mitzubringen ; die eine eine schöne Blume oder Frucht ; die andere von dem guten Wein , der sich an Papa Mehlborn dauernd als Spezifikum bewährte . Lydia und der Vater unterredeten sich dann erbaulich miteinander , während Sidonie in der Nebenstube auf dem klangvollen Flügel der Harfenkönigin musizierte . Zwar hatte sie ihren eigenen nicht minder klangvollen sich aus der Schweiz nachschicken lassen ; was aber ein richtiger Musikant ist , verlangt nach dem Anklang in einem Menschenohr , und weder das von Papa Mehlborn noch von Muhme Timpel waren akustisch auf ein Echo angelegt . Auch Dezimus leistete seinen kräftigen Baß , und Röschen trillerte wie ein junger Pirol , wenn es , der Trauerzeit entsprechend , auch nur ernste Weisen waren , die zum Vortrag kamen . Nach dem geistlichen Konzert wurde gelesen . Sidonie , die weitaus am reichsten Gebildete des jugendlichen Kreises und mit allem Trefflichen wohl versehen , hatte das Buch des Tages , den Kosmos , in das Haus gestiftet . Ihr Kamerad trug vor , erläuterte und schwelgte dabei in seinem eigensten Element ; der Greis übersetzte , nach seiner Art , die wahrnehmbare Welt symbolisch in die des ahnenden Gemüts ; Lydia , die Hände im Schoß , sog mit großen Augen und der Begierde eines dürstenden Kindes ungekannte Lebensstoffe ein ; Sidonie nickte verständnisvoll , während die Hände wie auf einer Klaviatur sich dehnten und drückten , Rose aber lächelnd mit den zierlichen Fingern Läppchen und Fädchen zu Blättern und Blumen zusammendrehte und nur mit halbem Ohr auf die Wunder der Welterscheinung lauschte , von denen sie sogar nur wenige mit ganzen Augen betrachtet haben würde . Wenn Peter Kurze Zeuge dieser abendlichen Unterhaltungen gewesen wäre , was er indessen nicht ward - möglicherweise weil ein gewisser Korb ihn beschwerte , wahrscheinlichererweise weil er bereits anderweitigen Spuren folgte - , angenommen aber , daß Peter Kurze den Lektor so inmitten der drei ungleichartigen Hörerinnen , die sich gleicherweise seine Freundinnen nannten , hätte sitzen sehen , würde er ihn dem Hahn im Korbe oder , edler ausgedrückt