sänftigte . Neununddreißigstes Capitel Als Oswald am nächsten Morgen unter den Papieren auf seinem Schreibtisch kramte , fiel ihm ein Briefchen in die Hände , das er gestern Abend übersehen hatte . Er erkannte sogleich die Handschrift , welche mit ihren bald kühnen und großartigen , bald kritzlich verworrenen Zügen so problematisch war , wie der Charakter des Schreibers . Das Billet war von Oldenburg und lautete : So eben erhalte ich eine Nachricht , die mich nöthigt , sofort eine größere Reise anzutreten , von der ich nicht zu bestimmen vermag , wie lange sie dauern wird . Unter acht Tagen schwerlich . Ich schreibe diesen Brief , um ihn auf Grenwitz abzugeben , im Falle ich Sie nicht persönlich sprechen sollte , was mir sehr leid thun würde , da ich Ihnen Vieles zu sagen hätte . Unsere Czika nehme ich mit , da mir die Solitude während meiner Abwesenheit kein sicherer Aufenthalt für das Kind scheint . Bis zu dem Termin , den uns die Zigeunerin gestellt hat , bin ich jedenfalls zurück . Bis dahin leben Sie wohl ! In großer Eile und noch größerer Freundschaft A.v.O. Oswald fühlte sich durch diesen Brief eigenthümlich berührt , denn er ahnte irgend einen Zusammenhang zwischen dieser plötzlichen Abreise Oldenburg ' s und der Abreise Melitta ' s. War es , daß er in der letzten Zeit wiederum so viel über das Verhältniß der Beiden , das ihm durch Melitta ' s in der Mitte abgebrochene Erzählung in einem ganz neuen Lichte erschienen und doch noch lange nicht hinreichend aufgehellt war , nachgedacht hatte ; war es nur der Umstand , daß der Brief Oldenburg ' s so dunkel gehalten war - genug , Oswald empfand es als eine Art Beleidigung , daß er nach dieser Seite fort und fort auf Räthsel stieß . Er nahm sich vor , noch heute nach Berkow hinüberzugehen und beim alten Baumann anzufragen , ob ein Brief Melitta ' s an ihn da sei . Dann nahmen seine Gedanken eine andere Richtung , als sein Auge auf die Verse fiel , die er gestern Abend geschrieben hatte . Er mußte lächeln , als er sie jetzt durchlas . Da hat Dir Deine leidige Phantasie wieder einmal einen dummen Streich gespielt ; sprach er bei sich . Es braucht Dir nur Jemand von einem hübschen Mädchen zu erzählen , das einen Andern , als Deine Hoheit , heirathen soll , und Du geräthst in einen Paroxysmus des Mitleidens mit dem jungen Mädchen und einen Paroxysmus des Hasses gegen den jungen Mann . Und hernach brauchst Du das Mädchen nur selber zu sehen und zu finden , daß sie große dunkle leuchtende Augen hat und überhaupt interessanter aussieht , als die Backfische im Allgemeinen , und ein Knabe braucht Dir nur eine halbe Stunde von besagtem Backfisch vorzuschwärmen , so fühlst Du Dich gemüßigt , so überschwängliche Verse zu schreiben wie diese hier , die ich in das Feuer des Ofens stecken würde , wenn wir uns nicht unglücklicher Weise in den Hundstagen befänden . Indessen stellte Oswald das Autodafé nicht an , obgleich die Flamme eines Lichtes dieselbe Wirkung gethan haben würde , wie das Feuer im Ofen , sondern legte das Blatt ganz sorgfälltig in sein Pult . Der Morgen grüßte so freundlich aus dem thaufrischen Garten herauf , daß er dem Verlangen , ein wenig zwischen den blumenreichen Beeten und in den schattigen Laubgängen umherzuschlendern , nicht widerstehen konnte . Ueberdies war es noch sehr früh - noch beinahe zwei Stunden Zeit bis zum Beginn des Unterrichts - die Knaben schliefen noch . Oswald eilte und suchte seinen Lieblingsplatz auf , den mächtigen Wall , der Schloß und Garten und Hof umfaßte und auf welchem es sich unter den Buchen und Nußbäumen gar anmuthig promenirte , besonders am Morgen , wenn die rothen Sonnenstrahlen durch die wehenden Zweige blitzten und die halbwilden Enten noch lustiger als sonst auf dem grün überwachsenen Graben ihr Wesen trieben . Er schlenderte langsam dahin , die reizenden Einzelnheiten des wonnigen Morgens mit allen Sinnen genießend , heute um so mehr , als die Lieblichkeit , die sanfte Schönheit ; die ihn hier rings umher anlächelte , gar seltsam mit der öden Monotonie der Meeresküste , die er in der letzten Zeit beständig vor Augen gehabt hatte , contrastirte . Heute Morgen war es ihm beinahe unbegreiflich , wie er sich von seiner düstern Laune so ganz habe beherrschen lassen können . Der Doctor hatte recht : die Einsamkeit ist ein süßes berauschendes und zuletzt tödtliches Gift . Ich muß den Doctor öfter zu Rathe ziehen . Ein klarer Kopf , der die Dinge und Menschen und Verhältnisse stets in dem rechten Lichte sieht . Aber in Betreff der zwischen Fräulein Helene und ihrem Vetter projectirten Heirath irrt er sich doch . Erstens ist sie noch viel zu jung , zweitens ist sie viel zu schön und drittens will ich es nicht ! Hören Sie , Madame la Baronne : ich will es nicht ! Sie werden Ihr sauberes Project nicht ausführen , wenn Sie auch noch so sehr Ihre großen herrschsüchtigen Augen rollen und sich zu Ihrer ganzen stattlichen Höhe emporrichten . Es war ein Glück , daß Oswald diese Worte nur leise durch die Zähne murmelte , denn wie er eben um eine Ecke des Walles bog , die durch ein dichtes weit vorspringendes Gebüsch noch schärfer gemacht wurde , fand er sich plötzlich Fräulein Helene , die von der andern Seite kam , gegenüber . Dies Zusammentreffen war für beide Theile so überraschend , daß das junge Mädchen nur mit Mühe einen leisen Schrei unterdrückte , und Oswald in seiner Verlegenheit nicht wußte , ob er die junge Dame anreden , oder grüßend stumm vorübergehen solle . Aus diesem Zweifel wurde er durch Fräulein Helene befreit , die es ganz begreiflich fand , daß der junge Hauslehrer , von dessen Unterhaltungsgabe sie gestern Abend keine besonders große Meinung bekommen , nicht die Geistesgegenwart besitze