Rosenschimmer zuckt und flimmt . Anfänglich traut er seinen Augen nicht , allein von Zeit zu Zeit kommt der liebliche Schein wieder . Ein frohes Ahnen geht ihm auf . Wie der Tag kommt , klimmt er die Felsen hinab , und siehe da ! der weggeworfene Rosenstock hatte zwischen dem Gestein , kaum eine Spanne überm Wasser , Wurzel geschlagen und blühte gar herrlich . Behutsam macht Alexis ihn los , bringt ihn ans Tageslicht herauf und findet an derselben Stelle , wo er vor zweien Jahren den Reif angesteckt , ringsum eine frische Rinde darüber gequollen , die ihn so dicht einschloß , daß kaum durch eine winzige Ritze das helle Gold herausglänzte . Noch voriges Jahr müßte Alexis den Ring , wäre er nicht so übereilt und sein Vertrauen zu Gott größer gewesen , weit leichter entdeckt haben . Wie dankbar warf er nun sich im Gebet zur Erde ! Mit welchen Tränen küßte er den Stock , der außer vielen aufgegangenen Rosen noch eine Menge Knospen zeigte . Gerne hätte er ihn mitgenommen , allein er glaubte ihn dem heiligen Orte , wo er zuvor gestanden , wieder einverleiben zu müssen . Unter lautem Preise der göttlichen Allmacht kehrte er , wie ein verwandelter Mensch , ins väterliche Haus zurück . Dort empfängt ihn zugleich eine Freuden- und Trauerbotschaft : der alte Graf war gestorben , auf dem Totenbett hatte er sich , durch die Belehrung seiner Tochter gewonnen , zum Christentum bekannt und seine Härte aufrichtig bereut . Alexis und Belsore wurden zum glücklichsten Paare verbunden . Ihr erstes hierauf war , daß sie miteinander eine Wallfahrt an den Wunderquell machten und denselben in einen schöngemauerten Brunn fassen ließen . Viele Jahrhunderte lang soll es ein Gebrauch gewesen sein , daß weit aus der Umgegend die Brautleute vor der Hochzeit hieherreisten , um einen gesegneten Trunk von diesem klaren Wasser zu tun , welches der Rosentrunk geheißen ; gewöhnlich reichte ihn ein Pater Einsiedler , der hier in dem Walde gewohnt . Das ist nun freilich abgegangen , doch sagen die Leute , die Schäfer und Feldhüter , daß noch jetzt in der Karfreitag- und Christnacht das rosenfarbene Leuchten auf dem Grund des Brunnens zu sehen sei . « Agnes betrachtete einen vorstehenden Mauerstein , worauf noch ziemlich deutlich drei ausgehauene Rosen und ein Kreuz zu bemerken waren . Henni leitete aus der Geschichte mehrere Lehren für seine arme Schutzbefohlene ab ; sie merkte aber sehr wenig darauf und zog ihn bald von dem Platze weg , um nahebei einen kleinen Berggipfel zu besteigen , welcher sich kahl und kegelförmig über das Wäldchen erhob . » Der Wind weht dort ! Ich muß das Windlied singen ; es ist sehr ratsam heute « , rief Agnes , voraneilend . Sie standen oben und sie sang in einer freien Weise die folgenden Verse , indem sie bei Frag und Antwort jedesmal sehr artig mit der Stimme wechselte , dabei sehr lebhaft in die Luft agierte . » Sausewind ! Brausewind ! Dort und hier , Deine Heimat sage mir ! Kindlein , wir fahren Seit vielen Jahren Durch die weit weite Welt , Und wollen ' s erfragen , Die Antwort erjagen , Bei den Bergen , den Meeren , Bei des Himmels klingenden Heeren - Die wissen es nie , Bist du klüger als sie , Magst du es sagen . - Fort ! Wohlauf ! Halt uns nicht auf ! Kommen andre nach , Unsre Brüder , Da frag wieder . Halt an ! Gemach , Eine kleine Frist ! Sagt , wo der Liebe Heimat ist , Ihr Anfang , ihr Ende ! Wer ' s nennen könnte ! Schelmisches Kind , Lieb ist wie Wind , Rasch und lebendig , Ruhet nie , Ewig ist sie , Aber nicht immer beständig . - Fort ! Wohlauf auf ! Halt uns nicht auf ! Fort über Stoppel , und Wälder , und Wiesen ! Wenn ich dein Schätzchen seh , Will ich es grüßen ; Kindlein , ade ! « Gegen Abend hatte sich Agnes ermüdet zu Bette gelegt ; der Präsident war eine Zeitlang bei ihr gewesen , auf einmal kam er freudig aus ihrem Schlafzimmer und sagte eilfertig zu Theobald hin : » Sie verlangt nach Ihnen , gehn Sie geschwinde ! « Er gehorchte unverzüglich , die andern blieben zurück und er zog die Türe hinter sich zu . Agnes lag ruhig auf der Seite , den Kopf auf einem Arm gestützt . Bescheiden setzte er sich mit einem freundlichen Gruß auf den Stuhl an ihrem Bette ; durchaus gelassen , doch einigermaßen zweifelhaft sah sie ihn lange an ; es schien als dämmerte eine angenehme Erinnerung bei ihr auf , welche sie an seinen Gesichtszügen zu prüfen suchte . Aber heißer , schmelzender wird ihr Blick , ihr Atem steigt , es hebt sich ihre Brust , und jetzt - indem sie mit der Linken sich beide Augen zuhält - streckt sie den rechten Arm entschlossen gegen ihn , faßt leidenschaftlich seine Hand und drückt sie fest an ihren Busen ; der Maler liegt , eh er sich ' s selbst versieht , an ihrem Halse und saugt von ihren Lippen eine Glut , die von der Angst des Moments eine schaudernde Würze erhält ; der Wahnsinn funkelt frohlockend aus ihren Augen , Verzweiflung preßt dem Freunde das himmlische Gut , eh sich ' s ihm ganz entfremde , noch einmal - ja er fühlt ' s , zum letztenmal , in die zitternden Arme . Aber Agnes fängt schon an unruhig zu werden , sich seinen Küssen leise zu entziehen , sie hebt ängstlich den Kopf in die Höhe : » Was flüstert denn bei dir ? was spricht aus dir ? ich höre zweierlei Stimmen - Hülfe ! zu Hülfe ! du tückischer Satan , hinweg - ! Wie bin ich , wie bin ich betrogen ! - O nun ist alles , alles mit mir aus