ist . Die Frage was ist schön ? bleibt also noch unbeantwortet . Euphranor . Könnte uns nicht irgend ein Werk der Kunst am leichtesten zu der Antwort verhelfen , die wir suchen ? Lais . Mich dünkt , Euphranor bringt uns auf den rechten Weg . Euphranor . Zum Beispiel , der junge Bacchus dort , dem der lachende Faun den rosenbekränzten Becher reicht , indem er mit dem linken Zeigefinger schalkhaft auf die neben ihm an einem Weinschlauch eingeschlafne Mänas hinweiset . Lais . Es soll eines der besten Werke des berühmten Alexis von Sicyon seyn . Euphranor . Lassen wir diesen Bacchus für schön gelten , oder hat jemand etwas Wesentliches an ihm auszusetzen ? Speusipp . Ewige Jugend in ewig fröhlicher Wollusttrunkenheit kann unmöglich schöner dargestellt werden . Euphranor . Das möchte ich nun eben nicht behaupten ; genug , wir alle geben zu , daß er nicht häßlich ist . Alle . Unstreitig . Euphranor . Was mag wohl die Ursache dieses einstimmigen Urtheils seyn ? Lais . Unser Gefühl vermuthlich . Epigenes . Aber warum wir es alle fühlen , und fühlen müssen , wir mögen wollen oder nicht , das ist es wohl was Euphranor hören möchte ? Euphranor . Und worin könnte dieß liegen , als in der Gestalt des jungen Gottes , in der bestimmten Form eines jeden seiner Glieder , in ihren Verhältnissen gegen einander , und in ihrer Verbindung zur harmonischen Einheit des Ganzen ? Ich und Epigenes und die übrigen alle waren sogleich mit unserm Ja bei der Hand . Nur Speusipp lächelte beinahe unmerklich und schwieg . Euphranor . Aber die schlummernde Mänas zu seinen Füßen - kann man läugnen daß sie schön ist ? Learchus . Ich glaube in aller Männer Namen kühnlich sagen zu dürfen , sie ist sehr schön . Euphranor . Und der junge Faun ? Lais . Ich wenigstens habe noch keinen schönern gesehen . Euphranor . Also der Gott ist schön , der Faun ist schön , die Bacchantin ist schön , ungeachtet das , warum wir jedes für schön halten , die Formen und Verhältnisse der einzelnen Theile und die Symmetrie des Ganzen , an allen dreien die augenscheinlichste Verschiedenheit zeigt . Würden wir aber zufrieden seyn , wenn der Faun für den Weingott angesehen werden könnte , oder der Weingott für einen Faun ? Mit der Form des schönsten Fauns würden wir den Bacchus nicht schön genug , mit den Formen des letztern hingegen jenen allzu schön finden . Und wenn die Mänas ihren hohen Busen gegen die breite Brust des Bacchus , er seine Schultern und Hüften gegen die ihrigen umtauschte , würden nicht beide dabei verlieren , wiewohl sie Schönes um Schönes gäben ? Epigenes . Ganz gewiß . Schön wäre demnach etwas so Verhältnißmäßiges , daß es unter veränderten Umständen häßlich werden könnte ; wie z.B. ein schönes Weib einen mißgestalteten Mann , ein schöner Faun einen häßlichen Bacchus abgäbe ? Euphranor . Dieß möchte doch wohl zu viel gesagt seyn . Ein Mann mit weiblichen Gliederformen wäre doch immer ein schönes Ungeheuer , und ein Bacchus mit den Formen eines schönen Fauns würde nur unedel , nicht häßlich seyn . Indessen könnte auch aus lauter schönen Theilen ein sehr widerliches Ganzes zusammengesetzt werden , ohne daß die Theile aufhörten schön zu seyn ; es braucht dazu nichts weiter , als jedem eine unrechte Stelle zu geben . Der schönste Munde schief auf die Stirn , das schönste Auge an die Stelle des Mundes , und die zierlichste Nase an den Platz des Auges gesetzt , würde aus dem Gesicht einer Lais eine lächerliche Fratze machen . Lais . Führt uns dieß nicht unvermerkt auf den Sokratischen Begriff42 zurück , daß jedes Ding schön ist , wenn es das ist , was es seiner Natur und seinem Zwecke nach , seyn soll ? Epigenes . Wenn dieß keine Ausnahmen leidet , so würde der Elephant , der Dachs und die Fledermaus eben so wohl an Schönheit Anspruch zu machen haben , als der Onager43 , das Reh und der Fasan . Lais . Warum nicht , wenn wir dem unerschöpflichen Erfindungsgeiste der göttlichen Bildnerin Natur nicht unbefugte Schranken setzen , und durch eigensinnige Vorliebe für gewisse uns vorzüglich gefällige Gestalten uns zu kleinlichen einseitigen Urtheilen verleiten lassen wollen ? Euphranor . Mit allem Respect , den ich dir und der göttlichen Bildnerin schuldig bin , verzweifle ich doch es jemals so weit zu bringen , daß mir die Fledermaus oder der Krokodil schön vorkomme , und ich glaube hierin die Augen aller Menschen , und die deinigen zuerst , auf meiner Seite zu haben . Auch sehe ich nicht , warum alles , was die Natur hervorbringt , gerade für unsern Schönheitssinn gebildet seyn müßte ; und da es uns an Worten nicht mangelt , warum muß denn etwas , das nur dem Verstande schön ist , mit einem Worte bezeichnet werden , welches in seiner eigentlichen Bedeutung vorzüglich solchen Dingen zukommt , die durch Formen und Farben , harmonische Verhältnisse und Symmetrie unsre Augen , oder vielmehr den innern Sinn , dessen Werkzeug sie sind , vergnügen ? Die meisten Schöpfungen der Natur haben diese Eigenschaft in höhern und mindern Graden . Ich zweifle sehr , daß ein Mensch in der Welt ist , der nicht auf den ersten Anblick die Gans schöner als die Ente , den Schwan schöner als die Gans , den Pfau schöner als den Schwan finden sollte : aber vor der Fledermaus schaudert jeder , der sie erblickt , zurück . Lais . Wiewohl die Unverschämtheit zu Athen eine Göttin ist , so verlasse ich mich doch nicht genug auf ihren Beistand , um dir hierin zu widersprechen ; sie könnte mich häßlich im Stiche lassen , wenn einer dieser schönen Nachtvögel unversehens daher geschossen käme , um sich für die unverdiente Ehre zu bedanken , die ich ihm erwiesen habe . Dieser unzeitige Scherz stimmte sogleich die ganze Gesellschaft