Genuß auch das Recht zu genießen verliehen und Alles , wofür wir sorgen müssen , ist , daß der Genuß schön und edel sei . Es ist eine falsche Scham , die das zu verleugnen sucht , dessen sie sich doch nicht entäußern kann — es ist gerade bei Ihnen , der Naturphilosophin , ein seltsamer Widerspruch . Vor wem wollen Sie sich schämen ? Vor Ihrem Mitmenschen ? Nicht doch , der teilt Ihre irdische Schwäche . Wo aber ist für Sie , die an keinen Gott glaubt , das überirdische Ideal , der körperlose , keinem Wechsel , keiner Begierde unterworfene Geist , vor dem Sie die Augen niederzuschlagen hätten , weil Sie Mensch sind ? “ „ In mir ist es , in meiner eigenen Phantasie . “ „ Ja , ja , das sind so die Redensarten . Weil Sie keinen Gott haben und ihn doch bedürfen , deshalb wollen Sie sich selbst zu einer Gottheit machen , und es demütigt Sie , daß Sie im Menschenleib umherwandeln müssen ! “ „ O nein , so eitler Hochmut ist mir fern . Es ist , wenn ich so sagen darf , eine Keuschheit der Seele , die durch die plumpen Anforderungen der Materie beleidigt wird . Und ich fürchtete , mich vor mir selbst zu entwürdigen , wenn ich diesen Anforderungen Zugeständnisse machte , die mir Zeit und Kraft für meine geistigen Arbeiten entzögen . “ „ Sie sprechen , als verstände ich unter den Obliegenheiten einer Hausfrau ein Aufgehen in den Raffinements des Materialismus . Ich verstehe darunter noch etwas Anderes als die Sorge für Essen und Trinken . Ordnung und Reinlichkeit zum Beispiel sind Lebensbedingungen und gerade ästhetischen Naturen am unentbehrlichsten , denn sie gehören in das Gebiet des Schönen , und die Hausfrau muß sie überwachen , wenn sie auch noch so viele Dienstboten halten kann . Freilich gibt es Frauen , die sich so viel mit Kehricht und Spülwasser zu schaffen machen , daß man glauben könnte , sie seien aus Liebe zum Schmutze reinlich . Auch das sind Extreme , von denen ich nicht rede . — Die Anleitung der Untergebenen , wenn man deren hat , die Einteilung und Erhaltung des Besitzes , die Beschaffung der Kleidung mit ihren hunderterlei Erfordernissen , endlich die Pflege der Kinder , das alles sind Notwendigkeiten , die keine Frau umgehen kann , nicht die reichste , die sie aber am wenigsten dem Manne aufbürden darf . Ich betrachte es als eine unserer heiligsten Pflichten , ihm die materiellen Sorgen abzunehmen , damit er für die idealen Güter der Menschheit kämpfen könne . Wir helfen so , wenn gleich nur in bescheidenster Weise , doch auch mit an ihren großen Werken , indem wir ihnen die Arbeitskraft frei und frisch erhalten . “ „ Ich bekenne offen , daß ich dieser Bescheidenheit nicht fähig bin . Ich kann mich nicht begnügen mit einem Verdienst , das ich mit jeder Haushälterin teilen müßte . Ich fühle die Kraft in mir , der Sache der Menschheit direkt zu nützen , warum soll ich sie an eine Tätigkeit verschwenden , zu welcher auch die Unfähigkeit ausreicht , um den Mann zu unterstützen ? “ „ Sie unterschätzen diese Tätigkeit , weil Sie sie nicht kennen . Im rechten Sinn erfaßt , mit dem rechten Geiste ausgeübt , kann sie geadelt und von hoher Bedeutung werden . Denn je gebildeter , je geistvoller eine Frau ist , desto mehr wird sie die Wichtigkeit der Aufgabe begreifen , die der Mann zu lösen hat , und mit ihr die Notwendigkeit , sie ihm durch zarte Sorge für sein körperliches und geistiges Wohl zu erleichtern . Und mit diesem Gedanken vor Augen wird die profanste Beschäftigung ideal , die widerwärtigste Arbeit eine Tat der Liebe . So viel Zeit bleibt aber auch der fleißigsten Hausfrau , wenn sie nur den Willen dazu hat , sich weiter zu bilden und ihre Talente zu üben , um des Gatten Mußestunden zu erheitern . Das , mein liebes Fräulein , das ist es , was ich unter einer Frau , wie sie sein soll , verstehe . “ Sie faßte plötzlich Ernestinens Hand und zog sie näher zu sich . „ Und so — warum soll ich es nicht offen sagen , so möchte ich das Weib finden , dem ich eine Mutter werden soll ! “ Ernestine sah sie erstaunt an . „ Wollen — sollen Sie mir denn Mutter sein ? “ Die Staatsrätin stockte einen Augenblick , dann sagte sie : „ Ich möchte es sein . Sie sind eine Waise , und ich beklage Sie ! Wenn Sie ein Weib würden , wie es sein soll , wenn Sie sich unseren sozialen und christlichen Einrichtungen fügten , dann könnte ich Sie wie eine Mutter lieben ! “ Ernestine entzog ihr die Hand . „ Ich danke Ihnen für Ihre gute Absicht . Aber wenn Sie mit Ihr Wohlwollen nur unter solchen Bedingungen gewähren , dann kann ich es schwerlich verdienen . “ Die Staatsrätin schüttelte das Haupt mit wachsendem Unmut . „ Sie haben mich nicht verstanden . “ „ Ich habe Sie verstanden — besser als Sie mich ! “ „ Sie denken wohl , meine hausbackene Weisheit sei für Sie faßlich — die Ihre aber für mich zu hoch ! “ Die Staatsrätin legte das Messer in die Bohnen und schob die Schüssel zurück . „ Und ich sage Ihnen , es kann auch für Sie die Zeit noch kommen , wo Sie an meine schlichten Lehren denken und es vielleicht bereuen werden , mich zurückgestoßen zu haben . “ „ Frau Staatsrätin , ich stoße Sie nicht zurück — ich bin nur zu ehrlich , um ein Gefühl für mich in Anspruch zu nehmen , das mir unter Bedingungen angeboten wird , die ich nicht erfüllen kann . Ich müßte heucheln , um Ihre Zufriedenheit zu erringen — ich bin aber stets wahr gewesen . Es