genommen , wie wenn er von seiner Gesinnung irgendwie Kunde erhalten hätte . Das säuerlich höhnische Lächeln erstarb in Jason Philipps Gesicht , er verspürte eine laue Unkraft , Angstschweiß perlte auf seiner Stirn , unwillkürlich drückte er die Knie durch und die Brust heraus , riß den Hut herunter , öffnete den Mund und schrie : » Hurra ! « Er schrie Hurra . Der Blick des Fürsten wandte sich wieder von ihm ab . Aber Jason Philipp hatte Hurra geschrien . Er schlich beschämt nach Hause . Er zog die Pantoffeln an die Füße ( » dem Müden zum Trost « ) ; sie waren schon recht zerfranst , die Pantoffeln , sie hatten gelitten im Lebenskampf ; er streckte sich auf dem Sofa aus , das Gesicht zur Wand , den Rücken gegen das Fenster , gegen die Welt gekehrt . 5 Wochenlang hatte Daniel in Berlin einsam gelebt , weit draußen , im Osten der riesigen Stadt . Da kam einer der Leiter des Hauses Philander und Söhne zu ihm . Er besuchte den Mann wiederum , und im Verlauf von zwei Stunden wurde er gegen seinen Willen mit einem ganzen Schwarm von Komponisten , Dirigenten , Virtuosen und Musikkritikern bekannt . Einige hatten von ihm gehört , er erschien ihnen merkwürdig , sie warfen ihre Netze nach ihm aus , er entschlüpfte , mußte sich bei unvermuteten Begegnungen dennoch fangen lassen , mußte Rede stehen , sich enthüllen , fand sich verpflichtet , interessiert , aber keiner hatte Gewalt über ihn , er ging nur zwischen ihnen durch . Sie lachten über seine Mundart und seine Unmanierlichkeit . Was sie anzog , war sein Selbstrespekt , was sie reizte , war sein verschlossenes Wesen , was sie originell fanden , war , daß er immer wieder für Monate aus ihrem Gesichtskreis schwand . Eine geschiedene junge Frau , eine Jüdin , Regina Sußmann mit Namen , faßte eine Schwärmerei für ihn . Sie erkannte in Daniel die elementare Natur ; je mehr er ihr auswich , je hartnäckiger warb sie um seine Beachtung . Manchmal tat es ihm wohl , wieder eine Frau zu spüren , den helleren Laut , den zarteren Schritt , den reineren Atem , doch glaubte er nicht an Regina Sußmann , weil sie ihm zu wissend schien . Da war nichts von jener Pflanzenart , ohne die ihm eine Frau bildlos und verwildert vorkam . An einem Wintertag besuchte sie ihn in dem öden Mietszimmer , das er in der Greifswalder Straße bewohnte . Sie setzte sich an das Pianino und phantasierte vor sich hin . Zuerst war es wie Dunst ; plötzlich lauschte er betroffen . Was er hörte , klang ihm auf eine halb unbehagliche , halb schmerzliche Weise vertraut . Es waren Motive aus dem Quartett , dem Lenoren-Quartett , wie er es für sich benannt hatte . Es stellte sich heraus , daß Regina Sußmann vor drei Jahren bei der Aufführung in Leipzig gewesen war . Nach einer lastenden Stille griff eine Frage Reginas kühn in sein Inneres . Sie wollte Fäden vom Werk zum Menschen knüpfen ; sie wollte von seinem unbekannten Schicksal den Schleier reißen . Er stieß sie zurück . Danach tat sie ihm leid , und zögernd fing er an , von seiner Symphonie zu sprechen . Die leidenschaftlich-stumme Teilnahme der Frau hatte etwas Verzauberndes ; er verlor sich , er vergaß sich , er eröffnete sich . Er baute das Werk in Worten vor ihr auf , die sieben Sätze gleich sieben Treppen eines Tempelturms , ein herrliches Empor in die oberen Sphären , ein tragischer Sturm mit tragisch heitern Pausen der Erinnerung und Besinnung , von lächelnden Genien begleitet , welche die Pfeiler der Traumregion schmückten und bekränzten . Dann begab er sich ans Klavier , schlug das wehvolle Hauptmotiv an und die beiden Seitenthemen , kontrapunktierte sie , steigerte , variierte , modulierte und sang zugleich . Seine Pupillen hatten sich erweitert und loderten hinter den Gläsern der Brille in grünem Feuer . Da kniete Regina Sußmann neben dem Instrument nieder . Vielleicht zwang sie die Ergriffenheit , dies zu tun , vielleicht wollte sie ihm einen sichtbaren Beweis ihrer Andacht und Verehrung geben . Da wurde ihm die Frau plötzlich widerwärtig , das gelöste Schmachten ihrer Augen erregte seinen Ekel , ihre kniende Stellung dünkte ihm wie Spott und Grimasse , eine Erinnerung war entweiht , er sprang auf , eilte wortlos , mit zornig verkniffenen Lippen hinweg und ließ sie , in seinem Zimmer , allein zurück . Als er spät in der Nacht heimkehrte , fürchtete er , sie noch zu treffen , aber sie war nicht mehr da . Nur ein Brief lag neben der Lampe auf dem Tisch . Sie schrieb , daß sie ihn verstanden habe ; sie habe verstanden , daß er in seiner Vergangenheit wie in einer Festung wohne , und daß Schatten um ihn seien , die durch keine Anmaßung eines Lebendigen verscheucht werden dürften . Sie wolle sich nicht in sein Inneres drängen , doch habe sie Angst um seine Zukunft und wie er den Hunger des Leibes , den Hunger des Herzens einst niederkämpfen würde . » Schamlose , « murmelte Daniel , » Spionin ! « Sie habe seine Größe erkannt , hieß es in fast perverser Demut weiter , er sei der Genius , dem sie entgegengeharrt , und sie wünsche sonst nichts , als ihm zu dienen . In der Ferne , da er ihre Nähe nicht ertragen wolle ; er möge es sich um seinet- und der Menschheit willen gefallen lassen . Daniel verbrannte den Brief . In der Nacht wachte er auf und hatte Sehnsucht nach der zärtlichen Berührung einer Unberührten . Er träumte ein Lächeln auf dem Antlitz einer Siebzehnjährigen , arglos Spielenden , und es schauderte ihm vor sich selbst . Kurze Zeit hernach fuhr er nach Dresden , wo er in der Königlichen Bibliothek zu arbeiten hatte . Es kamen