, mit seinem Satze noch nicht zu Ende ; aber er hielt jetzt inne , weil er sah , daß meine Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt wurde . Ich horchte . Es klangen Töne , die von oben herabkamen . Waren das Menschenstimmen ? War es ein Lied , welches sie sangen ? Ich konnte die Worte nicht vernehmen . Die Melodie lag nicht bloß in der obern Stimme , sondern auch in den unteren . Die Harmonisierung war eine sehr eigenartige , ganz gegen unsere Generalbaßregeln und aber doch nichts weniger als fehlerhaft . Mehr diese Seltsamkeit als der Gesang überhaupt war es , die mich frappierte . Der Pedehr lächelte . » Ueberrascht dich der Gesang ? « fragte er . » Ja , « gestand ich ihm . » Weil du ihn hier in einer so abgelegenen Gegend hörst ? Bei Leuten , von denen ihr meint , daß sie gar nicht singen können ? « » Nicht bloß darum . Niemand weiß besser als ich , daß der Orient nicht unmusikalisch ist . « » Aber ihr haltet seine Musik für häßlich ? « » Wenigstens nicht für schön . « » Trifft dieses Urteil auch uns ? Wir sind ja hier im Oriente . Also nicht schön ! « Ich sah , daß er dies scherzend meinte . Es schaute mich dabei der Schalk aus seinen lieben , schönen Augen an . » Ich bitte dich ! So war es nicht gemeint ! « antwortete ich schnell . » Man hat aufgehört . Das Lied ist zu Ende . Schade ! Kaum hatte es begonnen , so hörte es schon wieder auf . Wenn ein fremder Mann nur bloß sehr schnell an dir vorüber geht , kannst du nicht wissen , wer und was und wie er ist . So auch bei diesem Liede . Es ist eine mir ganz fremde Gestalt an meinem Ohre vorübergegangen . Sie trug ein orientalisches Kleid . Es war mir , als ob sie nicht zu den jetzt Lebenden gehöre , sondern im Grabe der Vergangenheit geschlummert habe und nun wieder auferstanden sei . Das ist der Eindruck , den dieses Lied auf mich gemacht hat . « » Wie du das so in dieser Weise sagst ! Das sollte unser Chodj-y-Dschuna128 hören ! « » Wie ? Es giebt hier einen Lehrer , der besonderen Unterricht im Gesang erteilt ? « » Giebt es solche Leute denn nicht bei euch auch ? « » Allerdings . Aber unsere Verhältnisse sind ja doch ganz andere als die eurigen . « » Ich kenne sie nicht . Und was unsern Gesang betrifft , so liebe ich ihn zwar sehr , kann dir aber keine gelehrte Auskunft über ihn erteilen . Du wirst den Chodj-y-Dschuna kennen lernen und von ihm alles erfahren , was du wissen willst . Er ist eine Quelle der Töne , welche trotz seines hohen Alters hell und reichlich fließen . « Jetzt sang man wieder . Es wurde öfters abgebrochen und wieder neu begonnen . Das war Unterricht . » Man scheint zu üben ? « fragte ich . » Ja . Und weißt du , für wen ? « » Nein . « » Für dich ! « » Für mich ? Das klingt so freundlich überraschend ! « » Freundlich ? Ja , weil wir wünschen , daß du es freundlich aufnehmen möchtest . Und überraschend ? Was dich überrascht , ist bei uns ein lieber , alter Brauch . Das Grab war dir schon geöffnet , doch Chodeh ' s Hand hat dich ergriffen und wieder in das Leben zurückgeführt . Was dir geschieht , das geschieht auch uns , denn du bist unser Gast . Wir sind so froh , und für diese Freude soll heute der Tag des Dankes sein . « Das klang so einfach , so selbstverständlich ! Ein Tag des Dankes ! Für mich ! Ich gestehe , daß mich das verlegen machte . Diese Verlegenheit war der Grund , daß ich die ganz überflüssige Frage that : » Warum grad heut ? « » Weil Sonntag ist , der erste Sonntag , nachdem du das Krankenlager verlassen hast . Ich möchte dir da eine Bitte sagen , oder vielmehr nicht bloß eine , sondern zwei , und hoffe , daß du sie mir gewähren wirst ! « » Wie gern , wenn ich kann ! « » Du kannst ! Die erste ist , daß du uns überhaupt erlaubst , zu thun , was uns sowohl vom Herzen als auch von der Religion befohlen wird . Wir würden es zwar auch ohne deine Erlaubnis thun , denn zwischen Chodeh und seinen Menschenkindern darf kein fremder Wille stehen , der da meint , Befehle erteilen zu können . Das mag bei den Muhammedanern geschehen ; bei uns aber ist es anders . Wir haben keinen Imam , welcher sich einbildet , als der Eischikkagazi-Baschi129 des Weltenherrn darüber entscheiden zu können , welchen Besuch Chodeh anzunehmen hat und welchen nicht . Aber wenn du es nicht gestattetest , so würdest du nicht dabei sein können , was für uns sehr betrübend wäre . Die zweite Bitte ist , daß du dich nicht belästigt fühlen mögest . Wir wünschen , daß du dich so frei von allem Zwange fühlest , als ob das , was wir thun , in gar keiner Beziehung zu dir stehe . Denke dir , wir hielten Dankestag für einen Menschen , der dir vollständig unbekannt ist . Willst du das , Effendi ? « Ich gab ihm , tief gerührt , die Hand und antwortete : » Du hast nichts zu fragen , und ich habe nichts zu entscheiden . Wie könnte ich mich als Imam gebärden , nachdem ich von dir hörte , daß es für euch keinen giebt ! Aber sage mir , in welcher Weise ihr diesen lieben , alten Brauch auszuführen pflegt ! « » Du wirst das besser sehen , als