verantwortlich . Indem der Thron gestürzt ward , hat man die Blätter , worauf Metz und Sedan verzeichnet stehen , einfach aus dem Buche von Frankreichs Geschichte herausgerissen . Jetzt erst wird das Land selber Krieg führen , wenn anders Deutschland es wagt , die verruchte Invasion fortzusetzen ... » Wie aber , wenn Napoleon gesiegt hätte ? « fragte ich , als mir Friedrich obige Mitteilungen gemacht . » Dann hätten sie seinen Sieg und seinen Ruhm als des Landes Sieg und Ruhm aufgefaßt . « » Ist das gerecht ? « » Kannst Du Dir diese Frage denn nicht abgewöhnen ? « Meine Hoffnung , daß die Katastrophe von Sedan den Feldzug zu seinem Ende gebracht , mußte ich bald schwinden sehen . Alles um uns geberdete sich kriegerischer als je . Die Luft war mit wildem Groll und heißer Rachgier geladen . Groll gegen den Feind und beinahe ebenso gegen die gestürzte Dynastie . Die Schmähreden , die Pamphlete , die jetzt auf Kaiser und Kaiserin und auf die unglücklichen Feldherrn regneten , die Verdächtigungen und Verleumdungen , der Schimpf , der Spott - : es war ekelerregend . Damit glaubte die rohe Menge die ganze Niederlage vom Lande auf ein paar Menschen abzuwälzen ; und nun diese Menschen zu Boden lagen , bewarf man sie mit Kot und Steinen - und jetzt erst würde das Land es zeigen , daß es unüberwindlich sei . Die Vorbereitungen zur Verschanzung von Paris werden eifrig fortgesetzt . Die Gebäude in dem Gefechtsbereich der Haupt-Enceinte werden geräumt oder gar eingerissen . Die Umgebung wird zur Einöde . Truppen von Menschen ziehen von draußen mit ihrem Haushalt in die Stadt . O diese traurigen Züge von Wagen und Packpferden und beladenen Menschen , die da die Trümmer ihrer aufgestörten Herde durch die Straßen wälzen ! Das hatte ich schon einmal in Böhmen gesehen , wo das arme Landvolk vor dem siegenden Feinde floh , und nun mußte ich in der fröhlichen , glänzenden Weltstadt das gleiche Jammerbild erschauen - es waren dieselben ängstlichen , trüben Mienen , dieselbe Mühseligkeit und Hast , dasselbe Weh . Endlich , Gottlob , wieder einmal eine gute Nachricht : Durch englische Vermittelung angeregt , wird in Ferrières eine Zusammenkunft zwischen Jules Favre und Bismarck veranstaltet . Da würde man doch zu einer Einigung , zu einem Friedensschluß gelangen ! Im Gegenteil ! Die Kluft wird jetzt erst recht offenbar . Schon seit einiger Zeit wird von den deutschen Zeitungen die Besitznahme von Elsaß-Lothringen befürwortet . Man will das ehemals deutsche Land sich wieder einverleiben . Das historische Argument für den Anspruch auf diese Provinzen zeigt sich nur teilweise haltbar , daneben wird das strategische Argument vorgebracht : » als Bollwerk bei voraussichtlichen , zukünftigen Kriegen unentbehrlich . « Und bekanntlich sind ja die strategischen Gründe die hochwichtigsten , die unumstößlichsten - daneben darf sich ein ethischer Grund erst in zweiter Linie geltend machen . - Andererseits : die Kriegspartie war von Frankreich verloren worden ; war es nicht billig , daß dem Gewinner ein Preis zufiel ? Hätten im Falle ihres Erfolges die Franzosen nicht die Rheinprovinzen sich aneignen wollen ? Wenn der Ausgang eines Krieges nicht für den einen oder den anderen Teil Gebietserweiterung zur Folge haben soll , wozu wird dann überhaupt Krieg geführt ? Unterdessen läßt das siegreiche Heer im Vormarsche sich nicht abhalten : die Deutschen sind schon vor den Thoren von Paris . Die Abtretung Elsaß-Lothringens wird offiziell verlangt . Dagegen erhebt sich der bekannte Ausspruch : » Keinen Zoll unseres Territoriums - keinen Stein unserer Festungen « - ( pas un pouce - pas une pierre ) . Ja , ja - tausend Leben - nur keinen Zoll Erde . Das ist der Grundgedanke des patriotischen Geistes . » Man will uns demütigen , « riefen die französischen Patrioten , » eher wird sich das erbitterte Paris unter seinen Trümmern begraben . « Fort , fort ! entscheiden wir jetzt . Wozu ohne Notwendigkeit in einer belagerten fremden Stadt verbleiben , wozu unter Leuten leben , die von keinen anderen als Haß- und Rachegedanken erfüllt sind , die uns mit scheelen Blicken und oft mit geballten Fäusten betrachten , wenn sie uns deutsch reden hören ? Freilich , ohne Schwierigkeiten konnten wir jetzt nicht mehr aus Paris , aus Frankreich hinaus ; man hatte überall Gefechtsgebiete zu passieren , der Eisenbahnverkehr war für Privatreisende häufig verschlossen ; unseren Neubau im Stiche lassen , war auch nicht angenehm , aber gleichviel : unseres Bleibens war nicht mehr . - Eigentlich waren wir schon viel zu lange dageblieben ; die Erregungen , die ich in letzter Zeit durchgemacht , hatten mich so stark erschüttert , daß meine Nerven darunter litten . Ich wurde häufig von Schüttelfrost und ein paarmal auch von Weinkrämpfen befallen . Schon waren unsere Koffer verpackt und Alles zur Abfahrt bereit , als ich wieder einen Anfall bekam , diesmal so heftig , daß ich ins Bett gebracht werden mußte . Der herbeigeholte Arzt erklärte , daß ein Nervenfieber oder gar eine Gehirnentzündung im Anzug sei und man vorläufig nicht daran denken dürfe , mich den Strapazen einer Reise auszusetzen . - Ich lag lange , lange Wochen darnieder . Nur eine sehr traumhafte Erinnerung ist mir von dieser ganzen Zeit geblieben . Und sonderbar : eine süße Erinnerung . Ich war doch schwer krank und Trauriges und Schauriges trug in dem Orte meines Aufenthaltes - eine belagerte Stadt - unaufhörlich sich zu und dennoch , wenn ich daran zurückdenke : es war eine eigentümlich freudenvolle Zeit . Freuden , ja , so recht intensive Freuden , wie Kinder sie zu empfinden pflegen . Die Gehirnkrankheit , die ich durchgemacht , die fast immerwährende Abwesenheit oder doch nur halbe Anwesenheit des Bewußtseins machte , daß alles Denken und Urteilen , alles Erwägen und Überlegen aus meinem Kopf geschwunden war und nur ein vager Daseinsgenuß zurückblieb , wie solcher - wie gesagt - von Kindern , namentlich von zärtlich