mich immer an den unglücklichen Römer erinnerte und ich mir kaum ein Recht zu haben schien , das , was er mich gelehrt , fortzubilden und anzuwenden . Manchmal machte ich den Versuch , eine neue und eigene Art zu erfinden , wobei sich aber sogleich herausstellte , daß ich selbst das Urteil und die Mittel , die ich dazu verwandte , nur Römern verdankte . Dagegen las ich fort und fort , vom Morgen bis zum Abend und tief in die Nacht hinein . Ich las immer deutsche Bücher und auf die seltsamste Weise . Jeden Abend nahm ich mir vor , den nächsten Morgen , und jeden Morgen , den nächsten Mittag die Bücher beiseite zu werfen und an meine Arbeit zu gehen ; selbst von Stunde zu Stunde setzte ich den Termin ; aber die Stunden stahlen sich fort , indem ich die Buchseiten umschlug , ich vergaß sie buchstäblich ; die Tage , Wochen und Monate vergingen so sachte und heimtückisch , als ob sie , leise sich drängend , sich selbst entwendeten und zu meiner fortwährenden Beunruhigung lachend verschwänden . Jedoch brachte der Frühling eine kräftige Erlösung aus diesem unbehaglichen Zustande ; ich hatte nun das achtzehnte Jahr überschritten , war militärpflichtig geworden und mußte mich am festgesetzten Tage in der Kaserne einfinden , um die kleinen Geheimnisse der Vaterlandsverteidigung zu lernen . Ich stieß auf ein summendes Gewimmel von vielen hundert jungen Leuten aus allen Ständen , welche jedoch bald von einer Gruppe grimmiger Kriegsleute zur Stille gebracht , abgeteilt und während vieler Stunden als ungefüger Rohstoff hin- und hergeschoben wurden , bis sie das Brauchbare zusammengestellt hatten . Als sodann die Übungen begannen und die Abteilungen zum ersten Mal unter den einzelnen Vorgesetzten , welches vielumhergeratene Soldatennaturen waren , zusammenkamen , wurde mir , der ich nichts bedacht hatte , unter Gelächter mein langes Haar dicht am Kopfe weggeschnitten . Aber ich legte es mit dem größten Vergnügen auf den Altar des Vaterlandes und fühlte behaglich die frische Luft um meinen geschorenen Kopf wehen . Jetzt mußten wir aber auch die Hände darstrecken , ob sie gewaschen und die Nägel ordentlich beschnitten seien , und nun war die Reihe an manchem biedern Handarbeiter , sich geräuschvoll belehren zu lassen . Dann gab man uns ein kleines Büchelchen , das erste einer ganzen Reihe , in welchem Pflichten und Haltung des angehenden Soldaten in wunderlichen Sätzen als Fragen und Antworten deutlich gedruckt und numeriert waren . Jeder Regel war aber eine kurze Begründung beigefügt , und wenn auch manchmal diese in den Satz der Regel , die Regel aber hintennach in die Begründung hineingeraten war , so lernten wir doch alle jedes Wort andächtig auswendig und setzten eine Ehre darein , das Pensum ohne Stottern herzusagen . Endlich verging der Rest des ersten Tages Über den Bemühungen , von neuem stehen und einige Schritte gehen zu lernen , was unter dem Wechsel von Mut und Niedergeschlagenheit sich vollendete . Es galt nun , sich einer eisernen Ordnung zu fügen und sich jeder Pünktlichkeit zu befleißen ; obgleich dies mich aus meiner vollkommenen Freiheit und Selbstherrlichkeit herausriß , so empfand ich doch einen wahren Durst , mich der Strenge hinzugeben , so komisch auch ihre nächsten kleinen Zwecke waren , und als ich einigemal nahe an der Strafe hinstreifte , und zwar nur aus Versehen , überkam mich ein wahrhaftes Schamgefühl vor den Kameraden , welche sich ihrerseits ganz ähnlich verhielten . Als wir soweit waren , mit Ehren über die Straße zu marschieren , zogen wir jeden Tag auf den Exerzierplatz , welcher im Freien lag und von einer Landstraße durchschnitten wurde . Eines Tages , als ich mitten in einem Gliede von etwa fünfzehn Mann nach dem Kommando des Instruktors , der unermüdlich rückwärts vor uns herging , schreiend und mit den Händen das Tempo schlagend , so schon stundenlang den weiten Platz nach allen Richtungen durchmessen hatte , kamen wir plötzlich dicht an die Landstraße zu stehen und machten dort halt und Front gegen dieselbe . Der Exerziermeister , welcher hinter der Front stand , ließ uns eine Weile regungslos verharren , um einige Ausstellungen an unseren Gliedmaßen anzubringen . Während er hinter unserm Rücken lärmte und schalt , soweit es ihm Gesetz und Sitte nur immer erlaubten , und wir so mit dem Gesichte gegen die Straße gewendet ihm zuhörten , kam ein großer , mit vier Pferden bespannter Wagen angefahren , wie die Auswanderer ihn herzurichten pflegen , welche sich nach den Seehäfen begeben . Dieser Wagen war mit ansehnlichem Gute beladen und schien mehreren Familien zu dienen , die nach Amerika zogen . Kräftige Männer gingen neben den Pferden , vier oder fünf Frauen saßen auf dem Wagen unter einem bequemen Zeltdache nebst mehreren Kindern und selbst einem Greise . Aber diesen Leuten hatte sich Judith angeschlossen ; denn ich entdeckte sie , als ich zufällig hinsah , hoch und schön unter den Frauen , mit Reisekleidern angetan . Ich erschrak heftig , und das Herz schlug mir gewaltig , während ich mich nicht regen noch rühren durfte . Judith , welche im Vorüberfahren , wie mir schien , mit finsterm Blicke auf die Soldatenreihe sah , erschaute mich mitten in derselben und streckte sogleich die Hände nach mir aus . Aber im gleichen Augenblicke kommandierte unser Tyrann » Kehrt euch ! « und führte uns wie ein Besessener im Geschwindschritte ganz an das entgegengesetzte Ende des weiten Platzes . Ich lief immer mit , die Arme vorschriftsmäßig längs des Leibes angeschlossen , » die Daumen auswärts gekehrt « , ohne mir etwas ansehen zu lassen , obgleich ich heftig bewegt war ; denn in diesem Augenblicke war es mir , als ob sich mir das Herz in der Brust drehen wollte . Als wir endlich das Gesicht wieder der Straße zuwandten , nach den maßgebenden Zickzackgedanken im Gehirne des Führers , verschwand der Wagen eben in weiter Ferne . Glücklicherweise ging man nun auseinander , und indem ich