kleine Laterne , die nur ein Glas hatte , und schritt auf das ziemlich weitschichtige Klostergebäude zu . Ein dienender Bruder öffnete mir , erschrak aber , als ich ihn bat , mir nun auch die Kirchentür öffnen zu wollen . » Jetzt in der Nacht bringt mich kein Mensch hinein . « Vergebens sucht ich ihn zu überreden . » Es ist nicht geheuer « , dabei blieb er . Endlich gab er mir wenigstens den Schlüssel zur Kirche , zugleich mit der Weisung : wenn ich zweimal im Schloß gedreht , müßt ich mit aller Kraft gegen die Tür stoßen , weil sie verquollen sei und schwer aufginge . Um bis an die Kirche zu kommen , waren noch zwei lange Kreuzgänge zu passieren . Gerade hier hatte tags zuvor ein erbitterter Infanteriekampf ( der unsererseits durch das Schweizerregiment geführt worden war ) stattgefunden , und alles trug noch die Spuren dieses Kampfes : die Leichen waren zwar weggeschafft , aber die Blutlachen geblieben ; die Standbilder , von den Wänden herabgerissen , lagen zertrümmert am Boden ; selbst die Luft war dumpf und modrig . An diesen Bildern der Zerstörung vorbei ging ich auf die Kirche zu , steckte den Schlüssel hinein , drehte zweimal , stieß die Türe auf , die sich langsam und dröhnend öffnete . Ich legte meinen Mantel ab , der mir jetzt nur hinderlich sein konnte , nahm den Degen in die eine , die Laterne in die andere Hand und schickte mich an , das hochüberwölbte Mittelschiff hinaufzuschreiten . Eine unheimliche Stille herrschte , und der Widerhall meiner Schritte erschreckte mich . So kam ich bis an den Altar . Da stand der Sarg , vorläufig mit einem Brett nur überdeckt . Ich hob es auf , und meines Bruders gläserne Augen starrten mich an . Ich stellte , da kein anderer Platz war , die Laterne zu seinen Füßen und begann langsam Knopf um Knopf den Uniformrock zu öffnen , der sich fest und beinahe eng um seine Brust legte . Ich tat es mit abgewandtem Gesicht ; aber wie ich auch vermeiden mochte , nach ihm hinzusehen , ich hatte doch sein Todesantlitz vor mir . Endlich fand ich das Papier und steckte es zu mir . Dann kam das Schwerste : ich mußte die Knöpfe wieder einknöpfen , da ich es nicht über mich gewinnen konnte , ihn in offener Uniform wie einen Beraubten liegenzulassen . Und als auch das geschehen , trat ich den Rückweg an . Am andern Nachmittage , der Feind griff uns nicht an , wurde mein Bruder mit allen militärischen Ehren durch das Schweizerregiment Wimpfen in derselben Klosterkirche zu Plaa , in der er vierundzwanzig Stunden vor dem Altar gestanden hatte , begraben . An eben derselben Stelle wurden sein Säbel , seine Handschuhe und Sporen aufgehängt und erst einige Monate später , auf Befehl des Generals O ' Donnell , der den Toten dadurch ehren wollte , in die Kathedrale von Tarragona gebracht . Dort befinden sie sich noch . Der Vortragende , als er bis hierher gelesen , rollte das Manuskript zusammen und legte es auf eines der Fensterbretter : die Zuhörer , gesenkten Blickes , schwiegen . Der erste , der sich erhob , war Bninski . » Ich bin selbst Gast in diesem Kreise und fürchte beinahe , mich eines Übergriffes schuldig zu machen , wenn ich vor Berufeneren das Wort ergreife . Aber meine Stellung , was mich entschuldigen mag , ist eine ausnahmsweise . Ich habe zwei Jahre vor Ihnen , Herr von Hirschfeldt , auf denselben Feldern , wenn auch auf der Ihnen feindlichen Seite , gekämpft ; ich kenne die Plätze , von denen Sie uns gelesen : kaum verschwundene Bilder sind mir wieder lebendig geworden . Was Freund , was Feind ! An gleicher Stelle die gleiche Gefahr . Ich bitte , Sie daraufhin als einen mir teuer gewordenen Kameraden begrüßen zu dürfen . « Während dieser Worte hatte Jürgaß die ihm zunächststehende Rheinweinflasche entkorkt und mit einer der Situation angepaßten Raschheit den großen silbernen Kastaliabecher bis an den Rand gefüllt . » Meine Herren , einer jener Ausnahmefälle , wie sie Paragraph sieben unseres Statuts , ich nehme nicht Anstand zu sagen , in seiner Weisheit voraussieht , ist eingetreten . Und so trink ich denn auf das Wohl unseres verehrten Gastes Rittmeisters von Hirschfeldt . Er lebe ! Viele Ehren haben sich auf seinem Scheitel gehäuft , so viele Ehren wie Wunden ; aber eines blieb ihm bis diesen Tag versagt : er hatte noch nicht aus dem Silberbecher der Kastalia getrunken . Auch diese Stunde ist da . Ich trink ihm zu , und er tue mir Bescheid . « Und bei wiederholten Hochs kreiste der Becher . Nach Huldigungen wie diese konnte es Lewin nur noch obliegen , ein Schlußwort zu finden . » Die vorgeschrittene Stunde « , so begann er , » mehr noch das gehobene Gefühl , das uns dieselbe gebracht hat , dringen auf Abbruch und Vertagung . Ich erwarte Ihre Zustimmung . « ( » Ja , ja ! « ) » Unsere nächste Sitzung soll , so sich kein Widerspruch erhebt « ( » Nein , nein ! « ) , » unter Zurückstellung aller bis dahin etwa eingehenden Lyrika , durch die Tagebuchblätter unseres verehrten Gastes , des Herrn von Meerheimb , die heute zu unserm Bedauern nicht mehr zum Vortrag gelangen konnten , eröffnet werden . Ich schließe die Sitzung . « Damit brach man auf in kleineren und größeren Gruppen . Die Mehrzahl hielt sich links ; nur Jürgaß , Bummcke und Hansen-Grell gingen , als sie die Königsstraßenecke erreicht hatten , nach rechts hin auf den Alexanderplatz zu , um in den Tiefen des Mundtschen Weinkellers , natürlich die Kastaliasitzung als Text nehmend , unter Plauderei und Kritik den Abend zu beschließen . Achtes Kapitel Leichtes Gewölk Der andere Morgen war klar und sonnig und gab auch dem Arbeitszimmer des