das wußte er nicht , und die Kammerfrau der Herzogin , von der man Auskunft erwarten durfte , ließ sich gar nicht sehen . Des Vermuthens , des Fragens , des Meinens und des Prophezeiens war auf den Treppen , in den Vorsälen und in den Domestikenzimmern gar kein Ende , und doch brachte man ' s zu keinem festen Abschlusse . Nur das Eine wußte man sicher , die Kammerfrau der Herzogin hatte dem Freiherrn gegen Abend einen Auftrag , der Secretair behauptete sogar , einen Brief gebracht . Die Herzogin läßt auch packen , sagte der Diener , welcher nach der Mahlzeit die Tafel in ihrem Zimmer abzuräumen gehabt hatte , und als ich eben fortging , kam der Herr Baron den Corridor entlang und ging zu ihr . Es geschah sonst niemals , daß der Freiherr die Herzogin in ihrer Wohnung aufsuchte , ohne sich bei ihr vorher förmlich anmelden zu lassen , denn er wünschte ihr auch in seinem Schlosse das Gefühl zu erhalten , daß sie Herrin bei sich sei . Heute jedoch klopfte er selbst an ihre Thüre . Die Kammerfrau öffnete ihm und ließ ihn ein , aber die Herzogin war nicht anwesend . Erst als er nach ihr fragte , trat sie aus dem Nebenzimmer hervor . Ihre Haltung , ihr Blick waren noch ruhiger , noch würdevoller als gewöhnlich , und ohne abzuwarten , was er ihr zu sagen habe , reichte sie ihm die Hand entgegen und sprach mit sanfter Freundlichkeit : Sehen Sie , mein Cousin , da stehen wir wieder einmal vor einem jener Ereignisse , von denen ich Ihnen oft gesprochen habe , vor einem jener Zufälle , die uns unerwartet daran mahnen , daß nichts in unserem Leben Dauer hat , und die uns davor warnen , uns keiner friedensvollen Sicherheit zu überlassen ! Sie hatte sich mit den Worten auf das Canapee gesetzt , und während der Freiherr ihr zur Seite auf einem Sessel Platz nahm , wies sie , mit einer leichten Bewegung ihn um Entschuldigung dafür bittend , daß sie in seinem Beisein eine solche Anordnung treffe , ihre Kammerfrau an , die Schreibgeräthschaften , welche auf dem Tische standen , in ihre Schatulle einzupacken . Als die Dienerin sich entfernt hatte , sagte der Freiherr , indem er sich bittend gegen die Herzogin neigte : Lassen Sie uns nicht dem Schicksale aufbürden , was in unserer Hand liegt , meine Freundin ! Gönnen wir einem Zufalle , gönnen wir der Unüberlegtheit und dem heißen Temperamente eines jungen Mannes nicht die Macht , dasjenige zu zerstören , was wir durch ein Leben lang heilig gehalten haben , unsere Freundschaft , und uns dessen zu berauben , was mir wenigstens ein Unersetzliches ist ! Gehen Sie nicht von uns , Herzogin , ich bitte Sie darum ! Sein Ton war weich , seine Geberde mild und traurig , denn er hatte in diesen letzten Tagen innerlich viel durchgemacht . Er liebte es , mit großmüthigem Herzen die Menschen , welche in seiner Nähe lebten , zu beglücken , und wohin er in diesem Augenblicke sah , wußte er , daß man seiner mit Unzufriedenheit gedachte . Das Schloß , das Amthaus , Alles stand in düsterm Lichte vor ihm . Alles versagte sich ihm , Alles verließ ihn , worauf er sich gestützt hatte ; und nun wollte auch sie , die bewährte Freundin , von ihm gehen , die ihn mit seiner Jugendzeit verknüpfte , der er gewähren konnte , was sie sonst nirgends fand : eine Heimath und eine Sorgenfreiheit , die sie von ihm , dem Blutsverwandten , dem alten Freunde , ohne das Gefühl erniedrigender Wohlthat anzunehmen vermochte . Die Herzogin in Unfrieden von seiner Schwelle scheiden zu lassen , wäre ihm ein Schmerz und nach seiner Anschauungsweise eine neue und schwere Kränkung seiner Ehre , seiner Standes- und Familienehre gewesen . Sie kannte ihn auch genugsam , um seine Empfindungen und Anschauungen in diesem Punkte richtig zu beurtheilen , und sie hatte sich auf dieselben mit Zuversicht verlassen . Zum ersten Male hatte es einen Streit zwischen ihr und dem Marquis gegeben . Sie befand sich nicht mehr in der Lage , in welcher sie dem verwöhnten Lieblinge jede Grille durchgehen lassen und jeder seiner Thorheiten mit ihrem Vermögen und Einflusse begegnen konnte . Sie hatte es mit widerstrebendem Herzen gelernt , sich in die Verhältnisse zu schicken , und sich beschieden , für ihre verlorene Lebensfreiheit so weit als möglich in der Herrschaft Ersatz zu suchen , welche sie über diejenigen ausübte , von denen sich abhängig zu wissen ihr Stolz nur schwer ertrug ; denn es ist das Glück der Herrschsüchtigen , daß sie in dem Herrschen an und für sich einen Genuß empfinden und daß ihre Befriedigung nur bis zu einem gewissen Grade von dem Gegenstande , über den sie herrschen , abhängig ist . Sie konnte hier in Richten , wie die Verhältnisse jetzt lagen , zusehen , abwarten , geschehen lassen , ohne Langeweile dabei zu empfinden ; sie brauchte nur wie ein geübter Schachspieler die Figuren , welche man von beiden Seiten in das Spiel und in Bewegung brachte , im Auge zu behalten , um den rechten Moment nicht zu verfehlen , in welchem ein geschickter Eingriff die ihr erwünschte Lösung bringen mußte . Sie hatte sich ihre Stellung in Schloß Richten zu gewinnen und zu behaupten gewußt , und sie war ihr lieb und lieber geworden , je unmöglicher die Rückkehr in ihre früheren Verhältnisse sich durch den Fortgang der französischen Revolution gezeigt hatte . Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der Provinz gewesen war , und Hof gehalten hatte in ihrer Weise , so hatte sie sich allmählich in diesem entlegenen Theile Deutschlands festgesetzt , und das Zartgefühl der Baronin , die Großmuth des Barons hatten ihr dazu den Weg geebnet . Allen ihren Bedürfnissen ward im Voraus begegnet , ja , der Freiherr hatte es in