aufzusuchen , und so Gott will , will ich keine Gelegenheit dazu leichtsinnig vorübergehen lassen . Aber die Stelle , wo ich selbst , wo meine Eltern , meine Brüder und Schwestern hülflos lagen , ohne daß sich eine Hand eher nach ihnen ausstreckte , als bis es zu spät war , die Stelle will und kann ich nicht mehr sehen . « Helene faßte den Freund fester und flüsterte : » Du hast recht - komm , komm ! Laß uns fort , laß uns fort zu den Freunden . Es wird Abend , sieh , da ist auch schon der Abendstern . « » Grad über dem alten Hause ! « flüsterte Robert ebenso leise wie die Braut . » Wie still und friedlich alles ! Wie als wenn hier nie um Hülfe geschrien worden wäre ! Über der Hütte der Stern - ich will nie mehr an die eine ohne den andern denken . « Sie gingen zurück durch den Wald , und Stern auf Stern trat am klaren Abendhimmel hervor . Auf einem breitern Wege erreichten sie kurz vor dem Dorfe die Kunststraße . Es war jetzt vollständig Nacht , eine helle warme Nacht . Bei jedem Schritte vorwärts stieß das heimkehrende Kind von Poppenhagen auf eine Jugenderinnerung , und auf alles machte Robert die Braut , die er mitbrachte aus der weiten Welt , aufmerksam . Da rauschte der Brunnen am Eingange des Dorfes noch grade so wie sonst ; wie sonst trieben die Kinder auf der Gänseweide ihre Spiele . Es herrschte große Aufregung in Poppenhagen , die Männer und Weiber steckten die Köpfe zusammen ; man lief von Tür zu Tür und gestikulierte ; es war aber auch ein Ereignis , die Rückkehr der » Ortsleute « . Die drei Alten , Ulex , Fiebiger und das Freifräulein , waren freilich so ziemlich vergessen ; nur ganz wenige Grauköpfe erinnerten sich ihrer . Robert Wolf vom Eulenbruch aber war noch in jedermanns Gedächtnis , und jetzt - kam der heim aus der Fremde , so reich , » daß es nicht auszusagen war « . Der Poppenhof gehörte dem roten Wolf vom Eulenbruch , welchen der Pastor Tanne seliger doch gewiß eine geheime Kunst aus seinen Büchern gelehrt hatte ; sonst wäre so etwas doch gewiß nicht möglich gewesen ! Und der volle Mond stieg empor und beleuchtete Berg und Tal , das Dorf , das aufgeregte Volk , die Kirche und den Kirchhof . Auf dem Kirchhof schritt gebückt eine Gestalt unter den Gräbern umher und suchte alte Namen auf eingesunkenen Steinen und morschen Kreuzen . Wo die Hecken des Kirchhofs , des Pfarrgartens und des Gartens der Schulmeisterei zusammenstießen unter der hohen Esche , wo einst Eva Dornbluth mit Fritz und Robert Wolf Zwiesprache gehalten hatte , lehnte jetzt eine ganz junge Schulmeisterin mit einem Kind auf dem Arm und beobachtete scheu neugierig den Greis zwischen den Gräbern , den Mann aus dem Giebel des Nikolausklosters , den Sternseher Heinrich Ulex aus Poppenhagen . Auch Robert und Helene erstiegen die ausgetretenen Stufen , welche auf den Friedhof führten . Der Greis trat ihnen entgegen und seufzte : » Ich finde meine Gräber nicht mehr - nicht eines . Es ist wohl gut so , aber auch sehr traurig . Ach , ich hätte euch doch nicht hierher folgen sollen ! « Er stützte sich schwer auf den Arm des Schülers und ließ sich von ihm führen wie ein Vater von seinem Sohne . Seine Gräber fand Robert Wolf noch und zeigte sie seiner Braut ; nur die Stelle war bereits etwas undeutlich , wo die vier kleinen Särge , die einst im Laufe einer Woche vom Eulenbruch hergetragen wurden , beigesetzt worden waren . Still schritten die drei wieder herab von dem Kirchhof und weiter durch das Dorf . Unter der großen Linde fanden sie den Polizeischreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen bereits im vollen lebhaften Verkehr mit der Gemeinde . Er nahm den Personalbestand des Dorfes an Menschen und Vieh auf und verfehlte nicht , den jungen Gutsherrn und seine Braut dem Kreise der dörflichen Notabilitäten vorzustellen . Der Polizeischreiber war ebenso erregt und melancholisch gestimmt wie die andern , die heute mit ihm gekommen waren ; er hielt es aber für seine Pflicht , in seiner Weise der Stimmung der andern ein Gegengewicht zu geben . Er nahm für jetzt Abschied von dem neugewonnenen Bekanntenkreise und schloß sich dem Sternseher und seinen beiden jungen Begleitern an . In ihrer Gesellschaft überschritt er den Dorfbach , und ein kurzer Weg brachte alle zum Einfahrtstor des Poppenhofes . Hatte sich im Dorfe wenig verändert , so war hier die Umwandlung desto augenscheinlicher . Alles lag in der schlimmsten Verwahrlosung , alles war vernachlässigt und verfallen ; an dem Unbedeutendsten sah man , daß lange Jahre hindurch das Auge des Herrn gefehlt haben mußte . In dem Herrenhause standen die Gemächer leer ; zerschlagene Fenster und zerbrochene Dächer gab es bedeutend mehr als ganze . Düngerhaufen waren über den ganzen Hofraum verzettelt , und ein paar magere Schweine samt einigen Hühnern trieben sich , wie es schien , vollständig herrenlos darauf umher . Ein bösartiger Hofhund zerrte laut heulend an seiner Kette , als habe er die ungeheuerste Verantwortung dafür , daß nichts von dem Schmutz , dem Dünger , den Trümmern abhanden komme . Außer einem kretinartigen Kinde , welches mit einem andern kleinen ähnlichen Geschöpf auf dem Rücken vor den eintretenden Fremden die Flucht nahm , war niemand von den bisherigen Bewohnern des Gutes zu erblicken . In der Mitte des Hofes stand im Mondenschein neben einem alten wunderlichen , halb verfaulten Pfosten noch eine Gestalt ; aber diese gehörte nicht zu den bisherigen Bewohnern des Herrenhauses . Eine rostige Kette hing von dem häßlichen Pfahl , und das Freifräulein Juliane von Poppen hielt diese Kette gefaßt . Als die andern auf sie zukamen , warf sie aber dieselbe von sich , daß sie klirrend um den alten Pfosten schlug .