Beispiel gegen ihren Vater , und auch gegen ihn , obgleich er durchaus nicht behaupten wolle , daß sie ihn lieb habe - so arrogant sei er durchaus nicht - aber so viel sei gewiß , daß sie eines Abends , als es schon sehr spät war und er , von dem vielen Fahren müde , die Augen nicht mehr aufhalten , vor all dem Rütteln und Schütteln aber nicht zum Schlafen kommen konnte , es sich ruhig gefallen ließ , als sein Kopf in der Schlaftrunkenheit auf ihre Schulter sank , und dort wohl eine halbe Stunde liegen blieb . Das werde er ihr nie vergessen und wenn er einmal Gelegenheit haben sollte , ihr einen Dienst zu leisten , dann wünsche er nur , daß es dabei um Hals und Kragen gehe , sonst hätte es doch keine rechte Art. So sprach der Knabe und seine Worte fielen dicht wie Feuerfunken aus einem Gebäude , das in hellen Flammen steht , und seine Wangen glühten . Oswald bemerkte wohl , daß das schöne Mädchen einen großen Eindruck auf den wilden Knaben gemacht hatte ; aber wie groß , wie allmächtig dieser Eindruck war , welche Revolution in dieser frühreifen , übermächtigen Natur eine erste , wie ein Lavastrom hereinbrechende Liebe hervorgebracht hatte - das ahnte er nicht . Er scherzte über seines Lieblings feurigen Enthusiasmus , um so witziger und feiner , als er denselben in nicht geringem Grade theilte , und Bruno , der sich von Oswald Alles gefallen ließ , lachte mit und lächelnd und scherzend sagten sie sich gute Nacht . Bruno ging in seine Kammer , Oswald setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl . Auf dem Tisch vor dem Sopha brannte die Lampe , dennoch bemerkte Oswald das Flimmern des Mondes , der eben über die Buchen des Walles heraufstieg ; ein einzelner Stern in der Nähe der Mondsichel schimmerte aus dem tiefen Blau des nächtlichen Himmels . Durch das offene Fenster strömte die weiche balsamische Nachtluft - es war so still , daß man die fallenden Thautropfen hörte . Und jetzt , während Oswald saß und lauschte , klangen , wie die Töne einer Aeolsharfe , auf einem Flügel mit kunstgeübter Hand angeschlagene Accorde zu ihm herüber , erst leise , leise als fürchte man die Nacht aus dem Schlafe zu wecken , dann ganz allmälig lauter . Die Accorde flossen zusammen zu der Melodie eines Liedes , und bald begann eine weiche Altstimme das Lied zu der Melodie zu singen . Oswald konnte die Worte nicht vernehmen , aber sie schienen sanft und traurig zu sein , wie die Melodie , deren einfache rührende Klage wunderbar zum Herzen sprach . Diese Musik zu dieser Stunde würde Oswald entzückt haben , auch wenn er nicht hätte ahnen können , wer die Sängerin war . Jetzt aber , wo er wußte , daß es Niemand sein konnte , als das schöne Mädchen , vor dem sich heute Abend , wie vor einer überirdischen Erscheinung , seine Seele anbetend geneigt hatte , bei dessen Anblick es über ihn gekommen war , wie die Offenbarung einer höheren Welt - klangen die tiefsten Saiten seines Herzens mit , und wie der Gläubige , was in ihm wogt und drängt , in ein Gebet zu gießen versucht , so fühlte Oswald den Drang , in Worten auszusprechen , was seine Seele so mächtig erregte . Er erhob sich wie trunken aus dem Sitz am Fenster ; er schritt an den Tisch und schrieb , kaum wissend , was er schrieb : Nie , seit der wunderbaren heil ' gen Stunde , Die Milton ' s keuscher Dichtermund besang , Als von des ersten Menschen reinem Munde Das erste süße Wort der Liebe klang , - Und alle Vöglein sangen ' s in der Runde , Und jedes Blümlein aus der Knospe sprang - Nie ist ein Weib auf Erden je erschienen , Dem , so wie Dir , die Engel sichtbar dienen . O , Du bist lieb ! lieb , wie der Gott der Träume , Der uns Vergessenheit der Schmerzen bringt ; So hold , wie Mondschein der durch Blüthenbäume In unser lauschig dunkles Zimmer dringt - Süß , wie Dein Sang , der durch die stillen Räume In tiefer Nacht zu mir herüberklingt - Du bist so schön , daß man wie sie Dich nannte , Für die der Krieg um Troja einst entbrannte . Doch Krieg und Wunden ziemen nicht dem Schönen ! Als unser Heiland ist es uns gesandt . Es soll uns wieder mit uns selbst versöhnen , Die wir zu stürmisch durch die Welt gerannt ; Und wie mit seiner Harfe gold ' nen Tönen , Isai ' s Sohn des Saulus Weh gebannt , So wird aus Deinen liebetiefen Augen Manch ' düstrer Blick sich Licht und Hoffnung saugen Aus Deinen holden Augen ! wo sie strahlen In ihrer dunklen , märchenhaften Pracht , Da sind vergessen alle Erdenqualen , Da wird es hell in tiefster Leidensnacht , Wo sie erglänzen , wird in kummerfahlen Gesenkten Stirnen Leben neu entfacht Tiefmüder Pilger , die in allen Landen Die blaue Blume suchten und nicht fanden . O Blume , Mädchen ! nie leg ab die Krone , Die jetzt auf Deinem jungen Haupte ruht , Gieb nimmer Raum dem frevelhaften Hohne , Daß , was so engelschön , nicht engelgut ! Wie heute , stets , in heil ' ger Unschuld , wohne , In aller guten Geister treuer Hut , Auf daß getrost in trüber Erdenferne Verirrte Wand ' rer folgen Deinem Sterne . Oswald trat wieder an ' s Fenster ; der Mond und der Stern waren von einer schweren Wetterwolke bedeckt , die hinter ihnen her über den Wall heraufgezogen war ; der Gesang war verstummt , lauter rauschte der Nachtwind in den Bäumen . Er schloß das Fenster und suchte sein Lager auf , aber es dauerte lange , bis der Schlaf das fieberhafte Wogen seines Blutes