ihr ruhenden Blick des Majors bald fragend suchte , bald erschreckend vermied , erzählte der Dechant : Ehe noch die Juden in Kocher am Fall den Muth gehabt hätten , an Christen von ihrer eigenen Metzgerkunst mehr zu verkaufen als Gänseblut ... Allen Bewohnern von Kocher war gegenwärtig , daß die Hasen-Jette , Frau Henriette Lippschütz , die jetzige Wildprethändlerin , die Witwe eines einst auch von Christen stark in Nahrung gesetzt gewesenen jüdischen Metzgers war ... Und ehe noch , fuhr der Dechant fort , die Blume der ganzen Judenschaft in Kocher am Fall , mein unvergeßlicher theuerster Busenfreund Dr. Leo Perl , zu unserer Kirche übergetreten war - er hat einst in Borkenhagen unsern guten Bonaventura getauft ... Sieh , sieh ! unterbrach sich der Dechant selbst , - käme Bona noch , der Wunsch der Frau wenn sie stürbe wäre erfüllt ; von ihm hätte sie am liebsten die letzte Zehrung empfangen ... Frau von Gülpen stellte die Nothwendigkeit einer schon so nahen Gefahr und die Erfüllung jenes Wunsches , den Lucinde schon vorgestern aus dem Munde Grützmacher ' s kannte , wiederholt in Abrede ... Kurz , vor langer Zeit schon , nahm der Dechant seine Erzählung auf , war der angesehenste Metzger hier im ganzen Orte Treudchens Großvater , der alte Petrus Ley . Als ich hierher an den Dom kam - auf Veranlassung hauptsächlich jenes , so früh dahingegangenen Seltensten der Menschen Leo Perl - , stand niemand unter seinesgleichen höher im Ansehen als Herr Petrus Ley . Eine Freude war ' s , den Mann in seinem stattlichen Hause unten am Fall zu sehen , wie er , über der Brust die weiße Schürze und mit dem Messer im Brustlatz , an seiner Schranne stand ! Den Mann plagte aber plötzlich das Wohlleben , der Müßiggang und mit ihm , wie es auf dem Lande geht , die Jagdlust . Hatten entweder , wenn er über Land zum Einkauf von Schlachtvieh reiste , seine Hunde die Neckerei , Hasen aufzustöbern , die sie ihm zuschleppten - so erzählte er später selbst den Ursprung seiner Jagdlust - oder reizte ihn sein bürgerliches Wohlbefinden , er pachtete eine Jagd und wurde ein so leidenschaftlicher Jäger , daß ihm sein eigenes Gebiet nicht mehr genügte . Die Kugel , einmal im Lauf , sagt unser großer Schiller , ist verhängnißvoll ! Sie fuhr auch für Petrus Ley heraus , wenn die Grenzmarke seines Geheges längst überschritten war . Ich mag nicht leiden , wenn ein Bäcker , der für tägliches Brot , meinetwegen Sonntags für Kuchen zu sorgen hat , sich zu feinern Näschereien versteigt . Ein Metzger , der dem Wild nachstellt und das dann zwar nicht aufhängt unter seine Rindsviertel und gespaltenen Lämmer , aber unter der Hand doch auch verkaufen muß , begeht fast eine Untreue an seinem Beruf . Ich will nicht sagen , daß sich sein Beruf rächte , aber Petrus Ley erlebte das Unglück , nach einer heißen Jagd , die ihn nicht wenig mitgenommen hatte , auf freiem Felde von einem Unwetter überfallen zu werden . Der Regen goß in Strömen . Kein Baum , kein schützendes Gestein . Das Wetter endete nicht . Darüber brach die Nacht an ; die Nebel umspannen vollends die Gegend . Voll Unmuth wirft sich der reizbare , zum Jähzorn geneigte Mann auf die Erde und bleibt liegen bis zur Besinnungslosigkeit . Das Winseln seines gleichfalls halbtodten Hundes machte einen vorüberfahrenden Bauer aufmerksam ; Petrus Ley wurde mit seinem Hunde vor dem immer fortströmenden Regen unter dem Stroh des Wagens geborgen . Herr und Hund kamen nach Hause , Ley aber wurde todtkrank und behielt von dem Tage an die Gicht in einem Grade , der sich aufs höchste steigerte und ganz unheilbar wurde . Der vermögliche Mann reiste in die Bäder und kam immer kränker zurück . Fast gelähmt an allen Gliedern , hatte er Schmerzen , die den Unglücklichen zum Gegenstand des allgemeinsten Mitleids machten . Wie oft hab ' ich für ihn die Fürbitte gehalten ! Fast immer im Bett liegend , mußte er die Führung seines Gewerbes seinem Sohn überlassen , der in keiner Hinsicht ihm ähnlich war . Ein träger und bequemer Mensch , hatte Joseph Ley die Früchte der Anstrengungen seines Vaters geerbt , liebte aber die Gesellschaft , das Kartenspiel , den Wein und vernachlässigte so sehr die ihm nun ganz allein übertragenen Geschäfte , daß sie zurückgingen und der zusammengekrümmte , auf seinem Lager stöhnende alte Vater Verwünschungen über Verwünschungen über den Buben , wie er ihn nannte , ausstoßen mußte . Joseph hatte selbst schon lange ein einst vermögendes Mädchen geheirathet , die Tochter eines angesehenen , nur mit zu viel Kindern gesegneten Landwirths . Das immerhin beträchtliche Eingebrachte derselben war bei dem Zurückgehen des Geschäfts bald verbraucht ; die Kundschaft verminderte sich , die Concurrenten machten bessere Einkäufe . Alledem sah der von der Gicht krummgezogene Alte , der inzwischen Großvater geworden war , von seinem Lager mit Verzweiflung zu . Innerer und äußerer Schmerz folterten den Greis , der nicht mehr gehen und stehen konnte . Hörte man wilde und laute Verwünschungen aus dem einst so stattlich gewesenen , jetzt die Spuren des Verfalls tragenden Hause , so wußte man schon nicht mehr , waren es die Ausbrüche des Zankes mit seinem Sohn oder die Klagerufe des von seinen Schmerzen Gepeinigten . Dieser Zustand dauerte einige Jahre . Die Verlegenheiten wuchsen ; das Haus gehörte schon nur den Gläubigern ; Pfändungen folgten auf Pfändungen , und wie es zu gehen pflegt , das Verderben wird unaufhaltsam und wird es auch innerlich für den Charakter des davon Betroffenen . Joseph Ley verkaufte und versetzte ein Stück nach dem andern ; die Frau , eine redliche , brave , treue Seele , mühte sich mit der Befriedigung des letzten Restes von Kundschaft , um nur die Kinder erhalten und erziehen zu können . Die Vergünstigungen der Armuthspenden in Empfang zu nehmen , war man