Bekenntnisse einer Sterbenden Kernbeißer war zerbrochen und vernichtet . Dürr schlief . Ich war stark im Glauben und hoffte auf den nächstkünftigen Mittwoch . Aber die Entscheidung sollte noch rascher heranrücken . Gegen zehn Uhr abends ließ uns die Schnotterbaum rufen . Wir fanden sie völlig entkräftet und kaum noch fähig zu reden . Die Magd wurde herbeigeholt , unterstützte sie mit ihren Armen , und so halb emporgerichtet , gab sie uns , oft unterbrochen von ihrer Schwäche , folgendes zu vernehmen : » Ihr Herren , es geht mit mir zu Ende . Die Geistersachen haben mich zu sehr mitgenommen . Vielleicht hätt ' einige irdische Arznei meinen schwachen und gebrechlichen Leib länger hingehalten ; indessen sei es fern ' von mir , an den Pforten der Ewigkeit jemand anzuklagen . Ich werd ' den nächstkünftigen Mittwoch schwerlich erleben . Ob der Grobschmidt oder der Magister , mein seliger Herr Vater , in mir gesessen , ich weiß es nit , nehm ' auch keinen Anteil mehr daran . Ich muß ohne sie oder einen von beiden vor Gott . Der Magister hat mir etwas anvertraut , worüber er auf einer seiner Wanderungen Licht erhalten , und welches derart ist , daß kein Mensch sich dergleichen denken kann . Es hat mich überaus sehr gequält , ist aber nicht über meine Lippen gekommen . Ich hielt ' s auch meistenteils für eine Schnurr ' , darin der Magister von jeher stark war . Weiß auch noch nit , ob etwas Wahres daran ist . Nun aber höret und vernehmet , Ihr Herrn . Der Magister hat mir auch erzählt , daß er diese verborgene Sache zu Papier gebracht , und das verschlossene Papier sein Testament benamset habe . Bisher wußte ich nun dessen Aufbewahrungsort nicht . Vor kurzen jedoch ist mir offenbart worden , daß es im hiesigen Polizeiarchive und zwar in dem Gefach S unter verschiedenen nicht mehr brauchbaren und staubigen Papieren hinterlegt worden sei , und dorten allerdings noch beruhe . Nun aber Ihr Herren tut mit meiner Entdeckung und in betreff des bisher unbekannt gebliebenen Testamentes , was Euch gut dünkt . Mich laßt mit mir allein und schickt mir , wenn ich bitten darf , geistlichen Beistand . « Die Magd mußte sie zurücklegen , und ihre Brust begann zu röcheln . Wir verließen das Zimmer und sandten nach dem Geistlichen . Keiner von uns legte sich nieder . Gegen Mitternacht kam die Magd und sagte , daß sie verschieden sei . Kurz vor ihrem Ende habe sie geäußert : » Es steht kein Engel bei mir , aber ich bin dennoch getrost . Das Unheil ist ohne meinen Willen über mich gekommen ; es wird mir vergeben werden . « » Also wieder eine , die in die Stricke des Zerebralsystems zurückfiel ! « rief Eschenmichel . » Dieser Umstand , meine Herren , bleibt vorderhand unter uns . « Alle unsere Gedanken wendeten sich mit Macht gegen das Testament des Magisters Schnotterbaum . Nach kurzer Verfinsterung durch den dunkeln Körper der Polizei schien die Sonne der höheren Welt nur um so sieghafter leuchten zu sollen . Denn Eschenmichel schrieb auf der Stelle an den Beamten , teilte ihm die Entdeckung mit , und bat ihn um die Erlaubnis für die Etablissementsgenossen , an dem bezeichneten Orte nach dem Testamente suchen zu dürfen . » An dem Rande des Grabes « , so schloß der Brief , » in dem Augenblicke , wo der scheinbare Tag weicht und die heiligen Finsternisse ihre Lichter anzünden , trat die Welt der Geister wieder in ihre unzerstörlichen , urewigen Rechte ein . Aus ihr erscholl die Stimme , welche einen Moment lang zum Schweigen gebracht worden war , um den Glauben am Zweifel zu prüfen . Hat sie Wahrheit gesprochen , so müssen alle Staubwirbel , welche die Geschäftigkeit des modernen Unglaubens aufwühlt , sich zerstreuen und verschwinden . « » Eigentlich ist ' s nicht ganz richtig « , sagte Kernbeißer , als er den Brief überlesen hatte . » Denn der Magister hatte ihr bei Lebzeiten vom Testament gesagt , soweit ich die gute Schnotterbaum verstanden habe . « - » Schweig ! « rief Eschenmichel , und siegelte den Brief . Zwischen der Leiche im Hause und dem verhängnisschwangern Polizeiarchiv eingeklemmt verbrachten wir den Rest der Nacht in einer wild-unruhigen , verworrenen Stimmung . Wir wollten dieses sagen , und unsere Lippen sprachen jenes . Wir wollten jubelnde und triumphierende Reden über den Sieg der Thaumaturgie halten , und ehe wir uns dessen versahen , schlugen sie in Klagelieder um . Wir wollten lachen und mußten heiße , schmerzhafte Tränen von den Wangen wischen . Ein Geist , vielleicht mächtiger , als alle bisherigen Poltergeister in und um Weinsberg ging durch das Etablissement . Frühmorgens sandte Eschenmichel seinen Brief an den Beamten . Sehr bald kam eine Antwort von diesem , worin er auf die allerverbindlichste Weise seine Freude über die hergestelte Tätigkeit der Wunder ausdruckte und meldete , daß er , um allen Unterschleif zu vermeiden , sofort das Polizeiarchiv habe unter Siegel legen lassen . Er bestimmte die Stunde der Nachsuchung und schloß damit , daß er , um dem ganzen Einhergange die größtmögliche Offenkundigkeit und feierlichste Würde zu geben , mehrere Honoratioren des Städtchens und einige Fremde von Auszeichnung dazu einladen lassen werde . Eschenmichel mühte seinen Geist in Vermutungen ab , was das mystische Testament enthalten werde . » Vielleicht die Entdeckung , wo er die Kleider des erschlagenen Knechts gelassen « , sagte er unter anderem . - » Du vergissest « , erwiderte Kernbeißer , » daß es ja nicht der Grobschmidt , sondern der Magister geschrieben hat . « - » Mir ist hoch zumut ! « rief Eschenmichel . - » Mir angst « , sagte Kernbeißer . Dürr schlief noch immer . Ich packte im stillen meinen Koffer . Warum ? weiß ich nicht . Mir war , als müsse ich packen . Gewiß