Beleidigung dieses Menschen zu rügen , wie zu ertragen . Alle diese Gedanken flogen in einem Augenblicke mit Blitzesschnelle durch den Geist des Grafen und er sah unruhig auf den Arzt , der kampffertig da stand , mit glühenden Wangen und halb zugedrückten blitzenden Augen . Nur eines Wortes hätte es noch bedurft und seine Brust hätte sich ohne Rücksicht des furchtbaren Zornes entladen ; da rettete ihn ein Zufall , den er oftmals während des Laufes seines Lebens segnete . Die Thüre wurde geöffnet , und ein Adjudant trat in den Vorsaal und sagte französisch : Der Herr General kann heute Niemand mehr hören , da andere Geschäfte seine Zeit in Anspruch nehmen , und Wer noch etwas vorzutragen hat , mag morgen um dieselbe Stunde wieder erscheinen . Sagen Sie das deutsch , Herr Sekretair , fuhr er zu Lorenz gewandt fort , für diejenigen , die nicht französisch verstehen . Mit einem boshaften Blick auf den Arzt , wiederholte Lorenz , nachdrücklich betonend , die Worte des Adjudanten , und die noch im Saale gewartet hatten , verließen ihn mißmüthig , und Lorenz hatte die Unverschämtheit , mit eimem Ausdrucke der Verwunderung den Grafen anzusehen , so daß sein Blick zu fragen schien , was ihn nach dieser Erklärung noch bestimmen könne , zu verweilen . Der Graf , auf ' s Aeußerste darüber empört , sich auf diese demüthigende Weise abgewiesen zu sehen , wollte eben den Adjudanten anreden , zu dem auch schon St. Julien treten wollte , als die Flügelthüre geöffnet wurde und der Kommandant , von einigen Adjudanten begleitet , heraustrat . Der Graf , mit all der natürlichen Würde , die ihm eigen war , und mit der Höflichkeit der Gebehrden , die durch die Erziehung und das Leben in der großen Welt erworben wird , trat dem Kommandanten entgegen und sagte : Mein Herr General , wenn es Ihre Zeit noch irgend erlaubt , so bitte ich Sie , mir , dem Grafen Hohenthal , und dem Kapitän St. Julien noch einen Augenblick Gehör zu verleihen . Der General verbeugte sich verbindlich und fragte , zu dem Kammerdiener gewendet : Weßhalb sind die Herren nicht gemeldet ? Der Kammerdiener deutete stumm auf Lorenz , und dieser sagte ohne alle Verlegenheit : Da Ew . Excellenz befohlen haben , die Personen nach der Reihefolge , wie sie gekommen sind , vorzulassen , und der Herr Graf mit seinen Begleitern zuletzt kam , so glaubte ich keine Ausnahme machen zu dürfen . Es ist gut , sagte der General kurz ; ich hatte Ihnen befohlen , vorläufig die Vorträge derer zu hören , die nicht französisch verstehen , um Zeit zu ersparen . Vergessen Sie nicht , daß dieß Ihr Hauptgeschäft ist . Er lud hierauf den Grafen und St. Julien ein , ihm in sein Kabinet zu folgen , und der Arzt schloß sich uneingeladen an , indem er einen triumphirenden Blick auf seinen Feind Lorenz schoß . Mit ächt französischer Höflichkeit wurde das Geschäft behandelt . St. Julien fand nicht die Schwierigkeiten , die er befürchtet hatte . Er erhielt als dienender Offizier seines Regiments einen Urlaub auf zwei Monate , um seine Gesundheit zu befestigen , wie seine Mutter es ihm schon gemeldet hatte . Der Graf empfing die für seine Behörde wichtige Bescheinigung , und der General dankte ihm verbindlich , daß seine Menschlichkeit einen hoffnungsvollen Offizier erhalten habe , den er damals , als er sich seiner angenommen , doch als einen Feind hätte betrachten müssen . Der Graf erwiederte , daß er überzeugt sei , ein französischer Krieger würde in ähnlichen Fällen eben so handeln und in dem leidenden Menschen keinen Feind erblicken . Wenn aber die Rettung des Kapitäns , fuhr er fort , als ein Verdienst anerkannt werden muß , so darf ich mir dieß nicht anmaßen , denn mein Beistand würde ihn kaum einige Stunden erhalten haben . Daß er lebt und blühend vor uns steht , haben wir nur der Geschicklichkeit und dem Eifer des Herrn Doktor Lindbrecht zu danken . Der Graf erwähnte aus Mitleid das Verdienst des Arztes , denn dieser stand seitwärts und drückte mit großer Verlegenheit sein ansehnliches Manuskript an die Brust , welches er in der Nacht ausgearbeitet hatte , um dem Kommandanten eine Uebersicht davon zu verschaffen , auf welche Weise die Heilung St. Juliens bewerkstelligt worden sei . Er hatte dieß Manuskript im Busen , um es auf den ersten Wink vorzulegen , und nun richtete Niemand eine Frage an ihn , kein Mensch kümmerte sich um ihn und er hatte alle seine Philosophie nöthig , um diese Vernachläßigung des Verdienstes mit Anstand zu ertragen . Der General sagte ihm nun noch einige verbindliche Worte , die sein Herz einigermaßen erquickten , und entschuldigte sich gegen den Grafen , daß ihm seine Zeit für jetzt nicht erlaube , das Vergnügen seiner Gesellschaft länger zu genießen , er hoffe aber ihn und St. Julien bei der Mittagstafel zu sehen . Der Graf und sein junger Freund nahmen die Einladung an , und Alle verließen das Kabinet des Generals , und indem sie den Vorsaal betraten , in welchem Lorenz noch auf und ab ging , nahmen alle drei Abschied vom General , der seine Einladung wiederholte und sagte : Ich hoffe , mein Herr Doktor , daß Sie den Herrn Grafen begleiten werden . Ein Sonnenschein triumphirender Genugthuung verbreitete sich über des Arztes Gesicht , und nachdem er sich tief vor dem Generale gebückt hatte , sah er seitwärts nach Lorenz , ohne ihn zu grüßen , und ging wie ein siegender Held hinweg . Mit sehr verschiedenen Empfindungen nahmen die drei Freunde das Mittagsmahl bei dem Kommandanten ein . Der Graf sowohl , als der General fühlten , daß eine freundschaftliche Annäherung unmöglich sei , denn obgleich der Friede geschlossen war und die Franzosen nun als Freunde in Preußen zu stehen behaupteten , so konnte es doch einem einsichtsvollen Manne nicht entgehen , daß der Druck