vor dem Geist , den Du in mir aufstehen heißest , weil ich ihn nicht aussprechen kann . Du sagst in Deinem Brief , der ganze Mensch müsse aus sich heraustreten ans Licht ; nie hat dies einfache untrügliche Gebot mir früher eingeleuchtet , jetzt aber , wo Deine Weisheit mich ans Licht fordert , was hab ich da aufzuweisen , als nur Verschuldungen gegen diesen inneren Menschen ; siehe da ! Er war mißhandelt und unterdrückt . - Ist aber dieses Hervortreten des innern Menschen ans Licht nicht die Kunst ? - Dieser innere Mensch , der ans Licht begehrt , daß ihm Gottes Finger die Zunge löse , das Gehör entbinde , alle Sinne erwecke , daß er empfange und ausgebe ! - Und ist hier die Liebe nicht allein Meisterin und wir ihre Schüler in jedem Werke , das wir durch ihre Inspiration vollbringen ? Kunstwerke sind zwar allein das , was wir Kunst nennen , durch was wir die Kunst zu erkennen und zu genießen glauben . Aber soweit die Erzeugung Gottes in Herz und Geist erhaben ist über die Begriffe und Mitteilungen , die wir uns von ihm machen , über die Gesetze , die von ihm unter uns im zeitlichen Leben gelten sollen , ebenso erhaben ist die Kunst über das , was die Menschen unter sich von ihr geltend machen . Wer sie zu verstehen wähnt , der wird nicht mehr leisten , als was der Verstand beherrscht . Wessen Sinne aber ihrem Geist unterworfen sind , der hat die Offenbarung . Alles Erzeugnis der Kunst ist Symbol der Offenbarung , und da hat oft der auffassende Geist mehr teil an der Offenbarung als der erzeugende . - Die Kunst ist Zeugnis , daß die Sprache einer höheren Welt deutlich in der unsern vernommen wird , und wenn wir sie auslegen zu wollen uns nicht vermessen , so wird sie selbst die Vorbereitung jenes höheren Geisteslebens in uns bewirken , von dem sie die Sprache ist . Es ist nicht nötig , daß wir sie verstehen , aber daß wir an sie glauben . Der Glaube ist der Same , durch den ihr Geist in uns aufgeht , so wie durch ihn alle Weisheit aufgeht , da er der Same ist einer unsterblichen Welt . Da das höchste Wunder wahr ist , so muß wohl alles , was dazwischen liegt , eine Annäherung zur Wahrheit sein , und nur der richtende Menschengeist führt in die Irre . Was kann und darf uns billiger Weise noch wundern als unsre eigne Kleinheit ? - Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist ; der irdischen Weisheit Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein , die von ihrem Lichte fabeln . - Die Wärme Deines Blutes ist Weisheit , denn die Liebe gibt das Leben allein . Die Wärme Deines Geistes ist Weisheit , denn die Liebe belebt den Geist allein ; wärme mein Herz durch Deinen Geist , den Du mir einhauchst , so hab ich den Geist Gottes , der nur allein vermag ' s. Diese kalte Nacht hab ich zugebracht am Schreibtisch , um das Evangelium juventutis weiterzuführen , und habe viel gedacht , was ich nicht sagen kann . Die Vorratskammer der Erfahrung hat Vorteile aufgespeichert , diese benützen zu können nach Bedürfnis , ist Meisterschaft ; sie auf den Schüler überzutragen , ist Belehrung ; hat der Schüler alles erfaßt und versteht er es anzuwenden , so wird er losgesprochen ; dies ist die Schule , durch welche die Kunst sich fortpflanzt . Ein so Losgesprochener ist einer , dem alle Irrwege zwar offen stehn , aber nicht der rechte . Aus der langgewohnten Herberge , in die die Lehre der Erfahrung ihn eingepfercht hatte , entlassen , ist die Wüste des Irrtums seine Welt , aus der er nicht herauszutreten vermag , jeder Weg , den er ergreift , ist ein einseitiger Pfad des Irrtums ; des göttlichen Geistes bar , durch Vorurteile verleitet , sucht er seine Kunstgriffe in Anwendung zu bringen , hat er sie alle an seinem Gegenstand durchgesetzt , so hat er ein Kunstwerk hervorgebracht . Mehr hat noch nie das Bestreben eines durch die Kunstschule gebildeten Künstlers erworben . Wer je zu etwas gekommen ist in der Kunst , der hat seiner Kunstgriffe vergessen , dessen Fracht von Erfahrungen hat Schiffbruch gelitten , und die Verzweiflung hat ihn am rechten Ufer landen lassen . Was aus solcher gewaltsamen Epoche hervorgeht , ist zwar oft ergreifend , aber nicht überzeugend , weil der Maßstab des Urteils und des Begriffs immer nur jene Erfahrungen und Kunstgriffe sind , die nicht passen , wo das Erzeugnis nicht durch sie vermittelt ist ; dann auch weil das Vorurteil der errungenen Meisterschaft nicht zuläßt , daß etwas sei , was nicht in ihm begriffen ist , und so die Ahnung einer höheren Welt ihm verschlossen bleibt . Die Erfindung dieser Meisterschaft wird gerechtfertigt durch den Grundsatz : » Es ist nichts neues , alles ist vor der Imagination erfunden . « Ihre Erzeugnisse teilen sich in den Mißbrauch des Erfundenen zu neuen Erfindungen , in das Scheinerfinden , wo das Kunstwerk nicht den Gedanken in sich trägt , sondern seine Entbehrung durch die Kunstgriffe und Erfahrung der Kunstschule vermittelt sind , und in die Erzeugungen , die so weit gehen , als dem Gedanken durch Bildung erlaubt ist , etwas zu fassen . Je klüger , je abwägender , je fehlerfreier , je sicherer , desto wohlverstandener , von und für die Menge , und dies nennen wir Kunstwerke . Wenn wir eines Helden Standbild machen , wir kennen seine Lebensverhältnisse , verbinden diese mit der Genugtuung der Ehre auf eine gebildete Weise , ein jeder einzelne Teil enthält einen harmonischen Begriff seiner Individualität , das Ganze entspricht dem Maße der Erfahrung im Schönen , so sind wir hinlänglich befriedigt . - Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kunstwerks , die durch das Genie gefördert wird ; diese ist nicht befriedigend