, ein glückliches Kind , bis in mein fünftes Jahr neben ihrem dicht daranstoßenden Zimmer gewohnt habe . Ich bin in diesem Schlosse geboren , theure Gabriele , ich wußte es nur nicht , aber der Greis sagte es mir jetzt . Es war meine Wiege an der ich stand , in der auch mein Vater , vielleicht mein Großvater einst ruhten ; denn seit einem Jahrhundert wenigstens ist hier nichts verändert worden . Die Morgensonne meines Lebens ging mir plötzlich wieder auf und leuchtete um mich her , so klar , daß ich alles , was mich umgab , in ihrem rosigen Abglanz wieder erkannte . Ich blickte auf zum Bilde meiner Mutter , in ihren Augen schienen mir jetzt Thränen zu glänzen , wie in jener Nacht , da ich , halb erweckt von ihren heißen Küssen , sie weinen sah und mit ihr weinend , wieder einschlief . Am Morgen nach dieser Nacht , erwachte ich das erstemal zum Schmerz der Trennung , der bängsten Sehnsucht nach einem geliebten entschwundnen Wesen . Die Fenster des Kabinetts gehen in einen kleinen Nebenhof ; ich erkannte jetzt auch in ihm die Stelle , wo vor beinahe zwanzig Jahren der Wagen hielt , in welchen ich von ganz fremden Leuten getragen ward und dann still weinend und , bänglich neben dem ernsten schweigenden Vater sitzend , von allen Freuden meiner Kindheit Abschied nahm . Ich habe seit jener Nacht meine Mutter nicht wieder gesehen , nie hat man wieder mit mir von ihr gesprochen , und die unglückliche Ursache unsrer Trennung ist mir nie recht deutlich geworden . Ich weinte lange der Mutter nach , endlich vergaß ich sie doch nach Kinderart . Die Liebe blieb aber dennoch in meinem Herzen , und hielt ihr Bild darin fest ; darum erkannte ich es in dem Gemälde gleich wieder , so wie dieses mir vor die Augen trat . Es ist das Einzige was von ihr übrig ist . Dank sey es dem alten treuen Kastellan , der es heimlich gerettet . Alle andere sie darstellenden Gemälde , die sich im Schlosse befanden , wurden nach der Entdeckung ihrer Flucht von uns , auf Befehl meines erzürnten Vaters verbrannt . Der Unglückliche ! Das Eine Bild in seinem Herzen vermochte er doch nicht zu vertilgen , das wie ein unheilbringender Dämon ihn überall hin verfolgte , alle seine Tage trübte , ihn in Lebenshaß und Bitterkeit erstarren ließ . War es Schuld meiner Mutter , oder ihr Unstern , der hier vorwaltete ? Fern von mir sey es , hierüber forschen zu wollen . Sie hat mich einst geliebt , sie hat um mich geweint , dieß genügt meinem Herzen . Ich beziehe noch heut mein ehemaliges Kabinett , vielleicht senkt in der Wohnung meiner harmlosen Kindheit sich mir ein Strahl ehemaligen Friedens wieder in das wunde Herz . « » Es ist vergebens . Auch hier , wo ich zuerst athmete , wohnt für mich keine Ruhe ! Gabriele , hörten Sie je das Mährchen von jenem Unglückseligen erzählen , der seit langen Jahrhunderten rastlos umher wandert , ohne den Tod zu finden , von den Menschen geflohen , in deren Mitte auch ihm grimmiges Schauern erkältend bis tief in das innerste Herz dringt und dem müden Fuße keine Ruhestätte gönnt ? Ich dachte lange nicht mehr daran , aber hier , in diesem Zimmer , wo ich als Kind mit ängstlichem Behagen darauf horchte , und es mir immer wieder und wieder erzählen ließ , hier fällt es mir oft recht grausenhaft ein . Von jeher dünkte mir das Geschick dieses Rastlosen ganz über allen Ausdruck entsetzlich , und nun wandre auch ich so ohne Ruhe und Rast , und wohin ich mich wende , verstöre auch ich jedes glückliche Geschöpf . Lachen und Freude verstummen im Dorfe , so wie ich mich zeige ; meine Bedienten schleichen leise wie Gespenster um mich her , wenn ihr Dienst oder der Zufall sie in meine Nähe bringt ; die alten Leute , welche meinen Großvater , der stets hier gewohnt , noch gekannt haben , sehen meiner bleichen trüben Gestalt bedenklich nach , und flüstern einander mitleidige Bemerkungen , oder abentheuerliche Vermuthungen über mich zu , wenn sie bei meinen einsamen Spaziergängen mir begegnen . Glauben Sie mir es , Gabriele , ich möchte gern Ihrem Willen folgen , ich möchte mich wenigstens zwingen , auszusehen , als nähme ich das Leben wie andre Leute thun ; doch kann ich dafür , daß alles , was ich ergreifen müßte , um zu seyn , wie jene , mir so schaal , so abgeschmackt vorkommt ? « » Jede Noth und jede Freude , jede Tugend und jedes Vergehen der Bewohner meiner Herrschaft , während der ganzen Zeit daß diese mein ist , möchte Max mir jetzt ans Herz legen , und quält mich dabei unaufhörlich , zu entscheiden , ob ich mit dieser oder jener seiner Einrichtungen zufrieden sey . Dazu wimmelt das Schloß von Nachbarn und Verwandten , die Max zwar allein besucht hat , weil er mit aller freundlichen Gewalt , die er über mich übt , es doch nicht vermochte mich mit sich zehn Meilen in die Runde umher zu schleppen . Doch da er mein Hierseyn nicht verschweigen konnte , hat er mein Nichtkommen durch den üblen Zustand meiner Gesundheit zu entschuldigen gesucht , und nun strömt alles in freundlicher Theilnahme herbei , den Kranken zu besuchen . Fremde , nie gesehne Gestalten umschwärmen mich , deren Namen ich zu meiner großen Beschämung alle Augenblicke verwechsele , und die doch durch Bande der Verwandtschaft oder des früheren nahen Umgangs mit meinen Eltern , bedeutende Ansprüche an mein Vertrauen und meine Zeit zu haben glauben . Nein , wenn es denn so seyn muß , wenn ich denn im Geräusche leben soll , so will ich es doch lieber in einer großen lebensreichen Stadt , wo ich mitten im Getümmel mit meinem tiefen Herzeleid einsam und unbeachtet