Mädchen nöthig ist , das sich in den gehörigen Respect bei euch setzen , und wenn sie , unglücklicherweise , der Liebe sich nicht gänzlich erwehren kann , wenigstens keinem andern Amor unterliegen will , als jenem Anakreontischen , den die Musen Mit Blumenkränzen gebunden Der Schönheit zum Sklaven gegeben . Du kannst dir leicht vorstellen , lieber Aristipp , was für eine alberne Celebrität ich mir durch diese , den Söhnen und Töchtern der Achäer so ungewohnte und so vielerlei Vorurtheile vor die Stirne stoßende , Lebensart zuziehen werde . Dieß ist eben nicht was ich wünsche ; aber ich sehe nicht wie ich es vermeiden könnte : wer schwimmen will , muß sich gefallen lassen naß zu werden . Ich habe die traulichen kleinen Symposien , die ich zu Milet bei mir eingeführt hatte , wobei eine freie muntre Unterhaltung über interessante Gegenstände die bessere Hälfte der Bewirthung ausmachte , auch hier wieder in den Gang gebracht ; wiewohl die Korinthier überhaupt genommen keine Liebhaber von so nüchternen Gastmählern sind . Bilde dir darum nicht ein , daß mein Koch sich dabei vernachlässigen dürfe . Wenige Schüsseln , aber das Beste der Jahrszeit aufs feinste zubereitet ; kleine Becher , aber die edelsten Weine Cyperns und Siciliens , - darin besteht meine ganze Frugalität , und ich gestehe gern , daß ich sie - dir selbst abgelernt habe . Zu Athen reicht man damit aus und erhält noch Lob und Dank : aber so genügsam sind unsre Korinthischen Kalokagathen nicht . Außer deinem Freunde Learchus , und einem viel versprechenden jungen Künstler , Namens Euphranor ( der , im Vorbeigehen gesagt , einer meiner wärmsten und hoffnungsvollsten Anbeter ist ) , sind es daher fast lauter Fremde , die sich um den Zutritt zu meinen Aristippischen Orgien40 ( wie ich sie dir zu Ehren nennen möchte ) bewerben , oder von freien Stücken dazu eingeladen werden . Die Unterhaltung gewinnet nicht wenig dadurch , und ich denke es sollte sich aus unsern Tischreden etwas ganz Artiges machen lassen , wenn sie , von einem Geschwindschreiber aufgefaßt , als bloßer Stoff einem Meister wie Xenophon oder Plato in die Hände fielen . Nicht selten wagen wir uns , auf die Leichtigkeit unsrer Hand vertrauend , sogar an die verschlungensten Knoten der Philosophie ; und wenn uns die Entwicklung zu langweilig werden will , ziehen wir uns zuweilen auf die kürzeste Art aus der Sache , und kommen der Subtilität unsrer Finger - mit der Scheere zu Hülfe . Gestern z.B. erwähnte Einer zufälligerweise , daß Sokrates das Schöne und Gute für einerlei gehalten , und also nichts für schön habe gelten lassen wollen , wenn es nicht zugleich gut , d.i. nützlich , ja sogar nur insofern es nützlich sey . Dieß veranlaßte einen Dialog , wovon ich dir , weil ich gerade zum Schreiben aufgelegt bin und ( die Wahrheit zu gestehen ) deine eigene Meinung von der Sache wissen möchte , so viel als mir davon erinnerlich ist , mittheilen will , wenn du anders Lust und Muße hast weiter zu lesen . Die Hauptpersonen des Gesprächs waren der junge Speusipp41 ( Platons Neffe von seiner ältern Schwester , einer der liebenswürdigsten Athener die ich noch gesehen habe ) , ein gewisser Epigenes von Trözen , der seine Geistesbildung vornehmlich von den Sophisten Prodikus und Protagoras erhalten zu haben vorgibt , und Euphranor , welchem , da er Maler und Bildner zugleich ist , ein unstreitiges Recht zukam , mit zur Sache zu sprechen . Daß die Frau des Hauses sich ein paarmal in das Gespräch mischte , wirst du einer so erklärten Liebhaberin alles Schönen zu keiner Unbescheidenheit auslegen . Mich dünkt ( sagte Epigenes , der zu dieser Erörterung den Anlaß gegeben hatte ) , ehe wir uns auf die Frage » was das Schöne sey ? « einlassen , wäre wohl gethan , den Sprachgebrauch um die Bedeutung des Wortes zu fragen , da es so vielerlei , zum Theil ganz ungleichartigen Dingen beigelegt wird , daß der allgemeine Begriff , der mit diesem Worte verbunden zu werden pflegt , nicht leicht zu finden seyn dürfte . Wir sagen : ein schöner Himmel , eine schöne Gegend , ein schöner Baum , eine schöne Blume , ein schönes Pferd , ein schönes Gebäude , ein schönes Gedicht , eine schöne That . Man sagt : dieser Wein hat eine schöne Farbe , dieser Sänger eine schöne Stimme , diese Tänzerin tanzt schön , dieser Reiter sitzt schön zu Pferde . Ich würde nicht fertig , wenn ich alle die körperlichen , geistigen und sittlichen Gegenstände , Bewegungen und Handlungsweisen herzählen wollte , denen das Prädicat schön beigelegt wird . Was ist nun die ihnen allen zukommende gemeinsame Eigenschaft , um derentwillen sie schön genannt werden ? Ich kenne keine allgemeinere als diese , daß sie uns gefallen . Die Menschen nennen alles schön was ihnen gefällt . Speusipp . Ich gebe gern zu , daß das Schöne allen gefällt , deren äußerer und innerer Sinn gesund und unverdorben ist : aber daß alles , woran ein Mensch Wohlgefallen haben kann , darum auch schön sey , kann schwerlich deine Meinung seyn . Lais . Sonst wäre nichts Schöneres als ein mit Fässern und Kisten wohl beladenes Lastschiff voll morgenländischer Waaren ! wenigstens in den Augen des Korinthischen Kaufmanns , vor dessen Hause sie abgeladen werden , und der in diesem Augenblick gewiß mehr Wohlgefallen an seinen ohne Symmetrie über einander hergewälzten Fässern , Kisten und Säcken hat , als an dem schönsten Gemälde des Parrhasius . Epigenes . Also , mich genauer auszudrücken , nenne ich schön , was allen Menschen , ohne Rücksicht auf den Nutzen , der daraus gezogen werden kann , gefällt . Speusipp . Sollte damit zu Erhaltung des Begriffs vom Schönen etwas gewonnen seyn ? Was gefällt , ist ( deinem eigenen Geständniß nach ) nicht immer schön ; aber das Schöne gefällt immer , bloß weil es schön