hatte keinen Löffel , ich bot ihm also meinen an , in der Hoffnung , daß ich ihn zurückerhalten würde . Das war aber irrig . Die Gesellschaft hatte nicht Löffel genug , und gingen diese deshalb auf eine Art Pränumeration aus einer Hand in die andere . An mich kam kein Löffel wieder . Nach dem Frühstück ging alles auf seinen bestimmten Posten zur Schlacht ; vorher indessen gaben mir die Generäle noch die Versicherung , sie wollten an diesem Nachmittag noch dem Herzoge von Braunschweig meine Auswechselung vorschlagen . Sie würden zu diesem Behufe das Nähere mit mir in Kaiserslautern , allwo sie ihr Hauptquartier zu nehmen gedächten , verabreden . Bis dahin möcht ich mir die Zeit nicht lang werden lassen . Diese ganze Unterhaltung und besonders der Punkt » in Kaiserslautern Hauptquartier nehmen zu wollen « war in so festem zuversichtlichem Tone gesprochen worden , daß ich jeden Glauben an das gute Glück der Preußen für diesen Tag aufgab . Ich blieb noch ein Weilchen allein , ward aber dann von einem Gendarmen abgeholt und auf die Wache gebracht . Das Wachthaus lag so , daß ich einen großen Teil des Schlachtfeldes übersehen konnte . Nicht mit den angenehmsten Empfindungen . Ich wußte , daß unsere Armee , besonders durch Krankheiten geschwächt , selbst unter Hinzurechnung der Sachsen kaum gegen 60000 Mann ausmachte ; wenn ich nun hörte , daß die Franzosen nach Vereinigung ihrer Rhein- , Maas- und Moselarmee 150000 Mann stark seien , wenn ich sie , so unmittelbar vor mir , alle Felder und Wiesen weit umher bedecken sah , so stand meine Hoffnung niedrig und ich vergaß bei diesem Anblick alle meine eigene Not . Nachmittag brachte man einige Gefangene ein , erst einen Junker von Schulz vom Dragonerregiment Sachsen-Kurland , dann den Kapitän Wilhelmy von demselben Regiment . Auch einige Mannschaften . Wilhelmy sollte später , wie mein Unglücksgefährte so auch mein Freund werden . Wir hatten bereits eine ganze Weile miteinander gesprochen , ich meinerseits ihm schon diese und jene kleine Aufmerksamkeit erwiesen , und er hielt mich immer noch – durch meinen blauen Surtout mit weißen Aufschlägen dazu veranlaßt – für einen Volontär . Als er nun aber von seinem Irrtum zurückkam und mich als einen preußischen Offizier erkannte , da war er froh , ganz wie ich es war , einen Schicksalsgefährten zu treffen . Herzlich und gefühlvoll waren seine Äußerungen ; fest war der Bund , den die neuen Bekannten schlossen ; mir dünkt es ein Freundschaftsbund für die ganze Zukunft , für Zeit und Ewigkeit . Auch er war durch übereilte Hitze seiner Befehlshaber ins Mißgeschick gekommen ; im übrigen unverwundet wie ich . Er war der erste , der mir sagte , daß das Grenadierbataillon von Kalkstein den vorigen Abend nah an sechzig Mann verloren habe , daß ich zu den Toten gezählt worden und daß außerdem Leutnant von Reitzenstein gefallen und zwei Offiziere blessiert seien . Abends in der Dämmerung erschien abermals Freund Malwing . Er trat ein mit einem : à présent tout est au diable ! Dies hatte zum Teil Bezug auf die mir abgenommenen Habseligkeiten . Er hatte sie zusammen in ein Papier gewickelt , in seine Rocktasche gesteckt , und diese war ihm durch eine preußische Kanonenkugel weggerissen , oder wie er sich ausdrückte » zum Teufel geschickt worden « .Er hatte dabei eine Kontusion davongetragen , weshalb er zurück in ein Lazarett gehen mußte . Ich bot ihm , da mir sein Verlust leid tat , nochmals meine Schärpe an , aber er lehnte nochmals ab und verwies mir meine Unfolgsamkeit , sie nicht nach seinem Rate besser versteckt zu haben . Dann mahnte er mich zu Geduld und Vorsicht , reichte mir seine Flasche und ging fröhlich und guter Dinge ab , mit dem Versprechen , mich wieder zu besuchen . Und so beschloß sich der zweite Tag meiner Gefangenschaft . Durch tausend Bemerkungen belästigt , von Ahnungen und Besorgnissen gequält , dazu von der Hoffnung einer baldigen Änderung meines Geschicks nicht mehr geschmeichelt , setzte ich mich , meinem neuen Freunde Wilhelmy gegenüber , auf einen Schemel und wünschte mir Schlaf . Doch ihn zu finden , daran war nicht zu denken . Die Stube zum Ersticken heiß und mit Menschen derart gefüllt , daß ich schlechterdings meine Füße nicht regen konnte , ohne jemanden zu treten . Meine Lage war äußerst lästig , und endlich durch die Bewegungslosigkeit , zu der sich mein Körper gezwungen sah , dem Erstarren nahe , blieb mir kein anderes Mittel , als auf den Schemel zu steigen . Hier stand ich wie ein Säulenheiliger . Alles schlief und schnarchte , nur Wilhelmy und ich nicht . Genug , es war nicht die schmerzhafteste , aber doch die peinlichste Nacht meines ganzen Lebens . Endlich kam der so lang ' ersehnte Morgen , und alles regte und reckte sich . Ach wie war ich so froh . Den 30. November 1793 . Der Morgen kam und mit ihm die Sterbestunde für so manchen , Freund wie Feind . Viele fanden ihren Tod gestern schon , viele ehegestern , noch mehr fanden ihn heute . Früh mit der ersten Morgendämmerung begann die Schlacht von neuem ; das Feuer der Kanonen war dabei so heftig , wie ich es noch nie gehört hatte . Etwa um elf war die Bataille völlig zum Vorteil der Preußen entschieden . Die Franzosen machten indessen , wie bekannt , einen meisterhaften Rückzug , so daß sie trotz des schlechten Terrains , auf dem sie sich bewegten , keine Kanone verloren . Es kam ihnen dabei freilich zustatten , daß unsere Kavallerie ganz entkräftet war . Von dem Gewimmel der Zurückkommenden sahen wir nur wenig , da auch wir , als die Retirade begann , zurück mußten . Wir bildeten nur ein kleines Häuflein , Wilhelmy , ich , der Junker und etwa acht Gemeine , das war die ganze gefangene Gesellschaft , schließlich noch durch sechs oder