heilige Herz der Schöpfung empfunden , wer sich bezaubern ließ durch das magische Zusammenstimmen und in seliger Anbetung sich einer Mitseele geweiht , der hat in sich das Himmelreich , hat es jetzo und allhienieden . Nicht anders vermeinet der Heiland , indem er den Menschensohn , das ist den einen ewigen Menschen verkündet : So jemand zu euch wird sagen , siehe an diesem Orte ist der Menschensohn , an jenem - so sollt ihr es nicht glauben . Wenn sie zu euch sagen werden , siehe er ist in der Wüste , so gehet nicht hinaus , siehe er ist in der Kammer , so glaubet es nicht . Denn in einem Nu allgegenwärtig wie die Helle des Blitzes , der vom Aufgang bis zum Niedergang leuchtet , also wird auch sein die Anwesenheit des Menschensohnes . « Nachdenklich hatten meine Gäste den Kopf geneigt , bis auf Agneten , die noch immer zu mir emporstarrte . Heinrich griff sich an die Stirn und blickte mit traurigem Ernste . Mit bezug auf ihn fuhr ich fort : » Ihr habet den Wunsch geäußert , ich soll von den sieben Brüdern und der siebenfach vermählten Frau reden ! Nun wohlan ! Wollet selber das Urteil fällen und entscheiden , wem von den Sieben die Frau im Himmelreiche gehören soll . Etwa dem Ältesten , der ihr erster Mann gewesen ? Und soll ihr dann verwehrt sein , ihre späteren Gatten lieb zu haben ? Wäre das ein Himmel für die Frau und für die sechs Brüder ? Ist der älteste Bruder etwa paradiesischer Wonne teilhaftig , so er diese , wie einen irdischen Schatz , für sich allein begehret ? Seid eins ! so rauscht der Baum des Lebens im Garten Eden , und solche Einheit ist die wahre Minne . Alle Gattenminne soll sich dazu verklären ; wer aber diese Verklärung verschmäht , hat erst hineingelugt zur Himmelspforte . Wahre Minne bleibet eingedenk , wie viel seliger geben denn nehmen . Will immer nur Liebes erweisen ; und an all ihrem Sonnenschein schmilzt das letzte Eis der Fremdheit , so daß zwo Seelen zu Einem Menschen zusammengetraut sind . Drum heiße ich die wahre Minne das Tor zum Himmelreiche . Wohlan , liebende Seele , bleib nicht unter dem Torbogen stehen , ganz geh hinein ! Fürchtest du aber , in all dem Lichte zu verlieren , was du insonderheit liebst , so sei getrost : Innen findest du auf Schritt und Tritt alles wieder , was du zuvor lieben gelernt hast , und die geliebte Seele schaut dir entgegen aus den Augen aller Verklärten . Drum so gibt es im Himmelreiche kein eifersüchtig Minnen mehr , nicht jenes Freien , vor dem Adam und Eva erröten mußten . O finde jene Liebe , so nicht Genuß will , sondern Andacht ! Ganz oben in lichter Höhe hauset sie , auf dem Gipfel der Verklärung , und ist eine wunderschöne Jungfrau . Erschauen läßt sie sich von manchem Menschenkinde , und am Strahle ihrer Schönheit entzündet , spricht das Menschenkind : Du meine liebste Braut , gern möcht ich kosten deine Süßigkeit . Doch die himmlische Jungfrau erwidert : So deine Liebe mein ewig Gut erstrebt , sei sie willkommen . Bedenke aber , daß du dem ewigen Gute nicht näher kommst , so du es in die Arme schleußest , wie Menschen mit irdischer Habe tun , die sie für sich allein begehren und den andern wegnehmen . Das ewige Gut ist jenes Wunderbrot , mit dem der Heiland die Fünftausend speiste , ohne daß es weniger ward . Wann du aber noch nicht die Kraft hast , aus aller Verblendung dich zu reißen , so wisse , daß deine Umarmung meine Strahlenkrone raubt und trübe macht mein weißes Gewand . Ach , mancher Erdenjüngling hat im Rausch der Sinne sein Ohr verschlossen solcher Mahnung und hat sich selbst hinausgetrieben aus dem Garten Eden , dieweilen der verbotene Apfel ihm die Enttäuschung beigebracht , so als ein Schatten sich heftet an Habgier und Genußsucht . Da muß der Verstoßene irren in Düsterkeit und Regen , durch Dorn und Distel , Gefahr und Sorge , Schande und Reue . Doch wenn er schließlich verzweifelt am Bergeshang gen Mitternacht liegt , wenn als ein Drache schnaubt der Sturm und alle Bäume heulen , so gehet dem armen Jüngling wohl ein Traum wie erlösende Morgensonne auf . Und siehe , diese Morgensonne ist seine Jungfrau , sie bestrahlt ein fernes Tal , daß es engelgleich lächelt . - Ist das nicht Eden ? frägt mit frohem Staunen der Jüngling . Und die Antwort lautet : Das ist die liebe Erde , nur anders angeschaut als sonsten von dir . Im Fegefeuer der Enttäuschung lerntest du nach Unschuld dich sehnen , mit deiner Sehnsucht aber ist auch die Erfüllung erwachsen . Im Auge blühet dir dein Himmelreich . Sei denn mit uns allen der Unschuld Friede ! « Nach dieser Rede griff ich wieder in die Harfe und sang dazu dies Lied : Es sprach die Ewigkeit : » Nur still , ihr Kindlein , ruht ! Bewahrt vor allem Streit , Bleibt Gottes Fleisch und Blut ! « Doch ein Geschrei erwacht : » Laß uns geboren werden ! « - So wurden Tag und Nacht , Luft , Wasser , Himmel , Erden . Das Menschenkindlein sog Mit Auge , Mund und Ohr . Die Sondergier betrog , Daß es sein Herz verlor . Von Habsucht ausgefüllt , Denkt es der Herkunft kaum ; Die Heimat liegt verhüllt , Vergessen wie ein Traum . Und wenn es rückwärts lauscht , Grüßt keine Mutter mehr ; Ach , nur ein Garten rauscht , Ein wogend Wipfelheer . Mit lichtem Schwerte droht Ein Wächter vor der Pforte , Wie Blitz sein Auge loht , Wie Donner seine Worte : » Im Heim der Ewigkeit War einer bei dem andern . Die unrastvolle Zeit Läßt euch entfremdet wandern . O Wüste Einsamkeit