deswegen « , erwiderte ich , » weil ich wohl fühle , daß ich an dir hange , muß ein Ende gemacht werden ! « » Nein , gerade deswegen mußt du erst anfangen , mich recht und ganz zu lieben ! « » Das wäre eine schöne Wirtschaft ! « rief ich , » was soll dann aus Anna werden ? « » Anna ist tot ! « » Nein ! Sie ist nicht tot , ich werde sie wiedersehen , und ich kann doch nicht einen ganzen Harem von Frauen für die Ewigkeit ansammeln ! « Bitter lachend stand Judith vor mir still und sagte : » Das wäre allerdings komisch ! Aber wissen wir denn , ob es eigentlich eine Ewigkeit gibt ? « » So oder so « , erwiderte ich , » gibt es eine , und wenn es nur diejenige des Gedankens und der Wahrheit wäre ! Ja , wenn das tote Mädchen für immer in das Nichts hingeschwunden und sich gänzlich aufgelöst hätte , bis auf den Namen , so wäre dies erst ein rechter Grund , der armen Abwesenden Treue und Glauben zu halten ! Ich habe es gelobt , und nichts soll mich in meinem Vorsatz wankend machen ! « » Nichts ! « rief Judith , » o du närrischer Gesell ! Willst du in ein Kloster gehen ? Du siehst mir darnach aus ! Aber wir wollen über diese heikle Sache nicht ferner streiten ; ich habe nicht gewünscht , daß du nach der traurigen Begebenheit sogleich zu mir kommest , und habe dich nicht erwartet . Geh nach der Stadt und halte dich ein halbes Jahr still und ruhig , und dann wirst du schon sehen , was sich ferner begeben wird ! « » Ich seh es jetzt schon « erwiderte ich , » du wirst mich nie wieder sehen und sprechen , dies schwöre ich hiemit bei Gott und allem , was heilig ist , bei dem bessern Teil meiner selbst und - « » Halt inne ! « rief Judith ängstlich und legte mir die Hand auf den Mund ; » du würdest es sicher noch einmal bereuen , dir selbst eine so grausame Schlinge gelegt zu haben ! Welche Teufelei steckt in den Köpfen dieser Menschen ! Und dazu behaupten sie und machen sich selber weis , daß sie nach ihrem Herzen handeln . Fühlst du denn gar nicht , daß ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann , zu lieben , wo es geliebt wird , wenn es dies kann ? Du kannst es und tust es heimlich doch , und somit wäre alles in der Ordnung ! Sobald du mich nicht mehr leiden magst , sobald die Jahre uns sonst auseinanderführen , sollst du mich ganz und für immer verlassen und vergessen , ich will dies über mich nehmen ; aber nur jetzt verlaß mich und zwinge dich nicht , mich zu verlassen ; dies allein tut mir weh , und es würde mich wahrhaft unglücklich machen , allein um unserer Dummheit willen nicht einmal ein oder zwei Jahre noch glücklich sein zu dürfen ! « » Diese zwei Jahre « , sagte ich , » müssen und werden auch so vorübergehen , und gerade dann werden wir beide glücklicher sein , wenn wir jetzt scheiden ; es ist nun gerade noch die höchste Zeit , es ohne spätere Reue zu tun . Und wenn ich dir es deutsch heraussagen soll , so wisse , daß ich mir auch dein Andenken , was immer ein Andenken der Verirrung für mich sein wird , doch noch so rein als möglich retten und erhalten möchte , und das kann nur durch ein rasches Scheiden in diesem Augenblicke geschehen . Du sagst und beklagst es , daß du nie teilgehabt an der edleren und höheren Hälfte der Liebe ! Welche bessere Gelegenheit kannst du ergreifen , als wenn du aus Liebe mir freiwillig erleichterst , deiner mit Achtung und Liebe zu gedenken und zugleich der Verstorbenen treu zu sein ? Wirst du dich dadurch nicht an jener tieferen Art der Liebe beteiligen ? « » Oh , alles Luft und Schall ! « rief Judith ; » ich habe nichts gesagt , ich will nichts gesagt haben ! Ich will nicht deine Achtung , ich will dich selbst haben , solange ich kann ! « Sie suchte meine beiden Hände zu fassen , ergriff dieselben , und während ich sie ihr vergeblich zu entziehen mich bemühte , indes sie mir ganz flehentlich in die Augen sah , fuhr sie mit leidenschaftlichem Tone fort : » O liebster Heinrich ! Geh nach der Stadt , aber versprich mir , dich nicht selbst zu binden und zu zwingen durch solche schreckliche Schwüre und Gelübde ! Laß dich - « Ich wollte sie unterbrechen , aber sie verhinderte mich am Reden und überflügelte mich : » Laß es gehen , wie es will , sag ich dir ! Auch an mich darfst du dich nicht binden , du sollst frei sein wie der Wind ! Gefällt es dir - « Aber ich ließ Judith nicht ausreden , sondern riß mich los und rief : » Nie werd ich dich wiedersehen , so gewiß ich ehrlich zu bleiben hoffe ! Judith ! leb wohl ! « Ich eilte davon , sah mich aber noch einmal um , wie von einer starken Gewalt gezwungen , und sah sie in ihrer Rede unterbrochen dastehen , die Hände noch ausgestreckt von dem Losreißen der meinigen , und überrascht , kummervoll und beleidigt zugleich mir nachschauend , ohne ein Wort hervorzubringen , bis mir der von der Sonne durchwirkte Nebel ihr Bild verschleierte . Eine Stunde später saß ich mit meiner Mutter auf einem Gefährt , und einer der Söhne des Oheims führte uns nach der Stadt . Ich blieb den ganzen Winter allein und ohne allen Umgang ; meine Mappen und mein Handwerkszeug mochte ich kaum ansehen , da es