an die harte Rinde . Jetzt kamen die Schritte näher und näher - ich bewegte mich nicht , mir war es , als sei ich an einen Marterpfahl gebunden und müsse ausharren im lautlosen Schmerz . Am Fuße des Hügels blieb er stehen . » Auch nicht um einen Schritt kommen Sie mir entgegen , Lenore ? « rief er hinauf . » Onkel , « rang es sich von meinen Lippen . Mit wenigen Schritten stand er droben neben mir - ein Lächeln zuckte um seinen Mund . » Seltsames Mädchen , in welche ungeheuerliche Vorstellung haben Sie sich verrannt ! Glauben Sie wirklich , daß ein gesetzter Onkel so sehnsüchtig und angstvoll einer entflohenen kleinen Nichte nacheilen würde ? « Er ergriff sanft meine beiden Hände und zog mich den Hügel hinab . » So , hier fegt der Sturm über uns weg ... Ich bin Ihr Onkel nicht - aber bei Ihrem Vater bin ich gewesen und habe um andere Rechte gebeten ; er hat mir freudig die Erlaubnis gegeben , Sie heimzuholen - aber nicht in die Karolinenlust , Lenore ; wenn Sie sich entschließen , mit mir zu gehen , dann gibt es für uns beide nur einen Weg ... Lenore , zwischen Ihnen und mir steht nur noch Ihr eigener Wille - haben Sie noch keinen anderen Namen für mich ? « » Erich ! « jauchzte ich auf und schlang die Arme um seinen Hals . » Böses Kind , « sagte er , mich fest umschließend . » Was alles hast du mir gethan ! Nie werde ich die Stunde vergessen , in welcher Fräulein Fliedner erschrocken aus der Karolinenlust zurückkam und mir sagte , du seiest fort , fort mit dem Nachtzug - ein verscheuchtes Heidevögelchen , einsam draußen in Nacht und Fremde . Und wie trauerte ich , daß du dir nicht einmal bewußt warst , welchen Schmerz du mir zufügtest ! ... Lenore , wie war es dir möglich , zu denken , ich könne eben mein heilig geliebtes Mädchen an das Herz ziehen , um es gleich darauf um der häßlich geschminkten Sünde willen zu verstoßen ? « Ich wand mich los . » Sehen Sie mich doch nur an ! « rief ich und unterwarf mich halb lachend , halb weinend einer Musterung seines Blickes . » Neben Tante Christine bin ich doch das armseligste Nichtschen , wie Charlotte mich immer nennt ! ... Ich habe die Tante zu Ihren Füßen gesehen ; sie hat um Verzeihung gebeten - ach , und in welchen Tönen ! Und ich wußte , daß Sie diese wunderschöne Frau sehr lieb gehabt haben , so lieb - « Ein flammendes Rot stieg in sein Gesicht - ich hatte ihn noch nie so tief erröten sehen . » Ich weiß , daß Fräulein Fliedner geplaudert hat , « sagte er . » Sie klagt sich auch an , deine Flucht veranlaßt zu haben , indem sie , wunderlich genug , der Furcht Ausdruck gegeben hat , ich könne dem Zauber erliegen ... Meine Kleine , ich gestatte dir absichtlich keinen Blick in jene Zeit , auf die jahrelange Reue gefolgt ist - du sollst deine keuschen Kinderaugen behalten , sie sind meine Erquickung , mein Stolz ... Ich habe mich schwer geirrt damals , am meisten in mir selbst ; ich habe das Aufflammen häßlicher Leidenschaft für jenes Sternenlicht gehalten , das erst mit deinem Erscheinen über meinem Leben aufgehen sollte ... Bis zur äußersten Konsequenz hat sich die Verirrung meiner Jugend gerächt - bis zu dieser Stunde habe ich leiden müssen ; aber nun sei es auch genug der Sühne - ich verlange mein Recht ! « Er küßte mich - dann schlug er schützend seinen Mantel um mich . » Du wirst manches verändert finden , wenn wir heimkommen , mein Kind , « sagte er nach einer Pause mit gedämpfter Stimme . » Die Mietwohnung im Erdgeschoß des Schweizerhäuschens ist leer - der Zugvogel ist wieder nach dem Süden geflogen - « » Aber sie war arm - was wird sie anfangen ? « fiel ich beklommen ein . » Dafür ist gesorgt - sie ist ja deine Tante , Lenore . « » Und Charlotte ? « » Sie hat eine furchtbare Lehre empfangen ; aber ich habe mich nicht in ihr geirrt - es ist trotz alledem ein tüchtiger Kern in diesem Mädchen . Anfänglich war sie tief erschüttert an Leib und Seele - sie hat sich jedoch aufgerafft , und jetzt bricht der wahre Stolz , die wirkliche Seelenwürde durch . Sie schämt sich ihres Thuns und Treibens im Institut ; sie hat wenig gelernt , trotz ihrer Begabung und der ihr gebotenen reichen Ausbildungsmittel , weil sie stets vorausgesetzt hat , sie sei zu Höherem geboren und brauche nicht zu arbeiten . Nun geht sie abermals in ein Institut , um sich zur Gouvernante heranzubilden . Ich bin diesem Entschluß durchaus nicht entgegen - durch geistige Thätigkeit wird sie vollends genesen ; übrigens bleibt das Claudiushaus ihre Heimat ... Dagobert aber will den Dienst quittieren und als Farmer nach Amerika gehen ... Die Verblendung der Geschwister bezüglich ihrer Abkunft und die schließliche Enthüllung sind in der Stadt ruchbar geworden - wer geplaudert haben mag , man weiß es nicht - Dagoberts Stellung wird voraussichtlich eine unerquickliche werden , deshalb geht er freiwillig ... Wenige Stunden vor meiner Abreise hierher war ich bei der Prinzessin - « Ich verbarg mein Gesicht an seiner Brust . » Nun kommt das Strafgericht auch über mich ! « flüsterte ich . » Ja , ja , nun weiß ich alles ! « bestätigte er mit scheinbarer Strenge . » Das Heideprinzeßchen hat seine kleine , vorwitzige Nase schon am ersten Tag in das Geheimnis von Karolinenlust gesteckt und dann wacker mitgeholfen bei der Intrigue gegen den unglücklichen Mann im Vorderhause - « » Und er verzeiht mir nicht - « Er lächelte auf mich nieder . » Hätte er