ihm wehren könnte ! Der Marquis sprang einen Schritt zurück , seine Wange erbleichte . Ich war lange Zeit ihr Gast , Herr Baron ! rief er . Und Sie werden mich durch Ihren Leichtsinn gelegentlich noch in die Lage bringen , einen Edelmann als Gast an meinem Tische zu sehen , an den einer meiner Leute seine Hand gelegt hat . Sicher nicht , Herr Baron , denn ich werde Sie sofort der Möglichkeit entheben , Ihr Gastrecht und das Recht Ihrer Jahre gegen mich in solcher Weise geltend zu machen ! sagte der Marquis und verließ mit einer förmlichen und gemessenen Verbeugung die Gallerie . Der Baron konnte nach seiner letzten Aeußerung nichts Anderes von dem Marquis erwartet haben , und doch stand er mit einer quälenden Empfindung still , als er den Tritt desselben in dem Nebenzimmer verhallen hörte . Nicht daß eben der Marquis sich entfernte , berührte den Freiherrn so unangenehm , denn dieser war ihm grade heute wieder sehr mißfällig gewesen , aber er selber fand sich wie verwandelt , und das war ' s , was ihn peinigte . Er , der sein ganzes Wesen zu einem würdevollen Gleichmaße herangebildet , der eine Aufgabe und eine Befriedigung darin gefunden hatte , dies in allen Lebenslagen und allen Personen gegenüber zu behaupten , er fand sich in einer Stimmung , in einer Verfassung , welche ihn dieses Gleichgewichts beraubte , welche ihn zu Handlungen hintrieb , die er selbst als ungehörige bezeichnen mußte und die ihn zu immer neuen , widerwärtigen Erörterungen drängten , in deren Folge ihm Alles unter seiner Hand zusammenbrach . Es giebt solche Augenblicke , ich habe solche Zeiten schon erlebt , sagte er , sich zu beschwichtigen , während er mit festem , stolzem Schritte , als bedürfte er dieses Zeichens seiner selbstherrlichen Kraft , langsam in der Gallerie umherwanderte . Solch ein Zeitpunkt war ' s ja auch , in welchem ich vor Jahren mich von Dresden hierher zurückzog und in dem ich dann Pauline , die arme Pauline , als ein Glückspfand in mein Leben aufnahm . Er seufzte , als er sich daran erinnerte . Er hatte lange nicht an sie gedacht , nur seit gestern war ihr Bild ihm wieder lebendig vor die Seele getreten , und er konnte es jetzt betrachten ohne den schmerzenden Stachel der Reue , die ihn sonst gequält hatte . Pauline hatte ihm allein angehört mit ihrem Herzen , sie war ihm treu gewesen bis in ihren Tod , sie hatte keinen Anderen geliebt , als ihn ! Er preßte die Lippen gewaltsam auf einander . Das war es ! Das war es , was ihm seine Ruhe , seine Fassung raubte , was ihn kein Auge hatte schließen lassen in der Nacht ! Es war ein Bruch in sein Leben gekommen . Er fühlte sich in seiner Ehre angetastet , und der Mann , der ihn die Liebe seiner Gattin gekostet hatte , stand so tief unter ihm , daß er die erfahrene Beleidigung nicht einmal , wie es unter Edelleuten üblich , hätte rächen können , auch wenn er dies gewollt hätte . Angelika ' s Liebe hatte ihn nie ganz erfüllt , nie wahrhaft beglückt ; aber das Vertrauen auf dieselbe hatte zu den Grundbedingungen seines Daseins gehört , und nicht mehr auf dieselbe rechnen und bauen zu können , war ein schwerer Verlust für ihn . Er hatte sich in ihr geirrt , sich betrogen , und er konnte dies weder sich selber noch denjenigen Personen verbergen , welche die Vertrauten des unglücklichen Geheimnisses geworden waren . Es konnte nicht fehlen , daß er die Frau , welche ihm diese Wunde geschlagen hatte , bald als die alleinige Ursache aller seiner Leiden und aller seiner Widerwärtigkeiten ansah . Es war sein innerer Kummer , es war sein unterdrückter Schmerz und Grimm , die ihn sich selbst entfremdeten und die ihn im Zorne weit über seine sonstige Weise , fast bis zur Selbstvergessenheit hinausgetrieben hatten . Es war Angelika , deren Schuld den Bruch mit Adam veranlaßt ; auch der verdrießliche Handel mit dem Marquis , der ihn die Gesellschaft seiner Freundin kosten und die Herzogin der Zufluchtsstätte berauben konnte , welche ihr zu bieten dem Freiherrn eine Freude und eine Ehrensache gewesen war , ließ sich schließlich auf Angelika ' s Schuld zurückführen , und doch mußte er sie , wenn er sich nicht selber Preis geben wollte , um seiner eigenen Ehre willen nach wie vor zu lieben scheinen , während eine kalte Abneigung gegen sie sich seiner immer mehr bemächtigte . Aber um Angelika ' s willen sollte die Herzogin nicht scheiden . Das wenigstens mußte er zu verhindern suchen . Hatte sie doch gleich Anfangs den Eintritt der flüchtigen Verwandten in ihr Haus mit Mißtrauen begrüßt und eben in diesen Tagen ihn vor der Herzogin gewarnt , der sie doch ihr volles Vertrauen zugewendet . Er durchschaute das Spiel , welches Angelika , wie er meinte , zu spielen gewillt war , aber er versprach sich , daß sie es nicht gewinnen , nicht auf seine und seiner Freundin Kosten als Siegerin aus demselben hervorgehen sollte . Siebzehntes Capitel Einen Abend wie diesen hatte die Dienerschaft im Schlosse nie erlebt . Die Herzogin speiste auf ihrem Zimmer , der Marquis leistete ihr Gesellschaft . Der Freiherr aß gar nicht zu Nacht , und im Speisesaale hatten der Caplan und die Baronin die aufgetragenen Schüsseln kaum berührt . Oben im Vorzimmer der fremden Herrschaften packte der Diener die Koffer des Marquis . Der zweite Kutscher hatte Befehl bekommen , die leichte Reisekalesche fertig zu halten , ein Reitknecht war in Nacht und Nebel mit Relaispferden nach der Stadt geschickt worden . Man fragte den Diener des Marquis , was denn geschehen sei , daß sein Herr so plötzlich nach der Residenz aufbreche . Er konnte das nicht sagen . Man wollte erfahren , ob denn die Frau Herzogin mit ihrem Bruder gehe . Auch