Lassen Sie mich Ihnen meine Tochter Helene vorstellen ; ich habe ihr Hoffnung gemacht , daß Sie die Güte haben wollen , ihr zu helfen , die vielen , vielen Lücken in ihren Kenntnissen etwas auszufüllen , denn Sie glauben nicht , welch eine Stümperei eine solche Pensionats-Erziehung in wissenschaftlicher Hinsicht ist ! Nicht wahr , Sie werden die Kleine in die Zahl Ihrer Schüler aufnehmen ? Wollen wir hineingehen ? Ich denke , wir bleiben Alle etwas im Salon beisammen . Ohne Zweifel , sagte Herr Timm , der gegen seine Gewohnheit bis jetzt sehr still gewesen war ; saure Wochen , frohe Feste , Tages Arbeit und Abends eine gemüthliche Bowle , wie der alte Geheimrath sagt . Das soll keine Anspielung sein , gnädige Frau , bei Leibe nicht ! Aber es wäre Ihnen doch nicht unlieb , wenn ich es für eine Anspielung nähme , sagte die Baronin , die heute Abend entschlossen schien , Alle zu bezaubern . Ich müßte lügen , wollte ich das Gegentheil behaupten , sagte Herr Timm , die Hand auf ' s Herz legend ; und Sie wissen , gnädige Frau , daß mir alle Lüge in den Tod verhaßt ist . Eh bien ! sagte die Baronin , und Sie sollen die Ingredienzien selbst bestimmen ; wollen Sie sich darüber mit Mademoiselle in Einvernehmen setzen ? Famos , sagte Herr Timm , gnädige Frau , ich muß Ihnen die Hand küssen ; und nachdem er den Worten die That hatte folgen lassen , zog er die kleine Französin bei Seite , ihr das Recept zu einer » famosen Bowle « mitzutheilen . Man war vielleicht eine Stunde plaudernd im Salon beisammen gewesen , Herr Timm hatte einige komische Lieder eigener Composition am Clavier recht hübsch vorgetragen , einige burleske Scenen , in denen er zu gleicher Zeit als zwei oder drei verschiedene Personen auftrat und mit zwei oder drei verschiedenen Stimmen redete , ausgeführt , kurz , er hatte Alles , was in seinen Kräften stand , gethan , um die nach den ersten zehn Minuten ziemlich einsilbig gewordene Gesellschaft zu unterhalten , und trotz alledem die von ihm selbst gebraute Bowle auch ziemlich allein ausgetrunken - als die Baronin zum Aufbruch mahnte . Herr Timm erbat sich als einzigen Ehrensold für seine Bemühungen am heutigen Abend die Erlaubniß , den Damen vom Hause die Hand küssen zu dürfen , eine Erlaubniß , die ihm von der Baronin mit gnädiger Bereitwilligkeit , von Fräulein Helene aber nicht zugestanden wurde , die kurz und trocken , und die schönen Brauen ein wenig zusammenziehend , bemerkte , der Künstler müsse seinen Lohn in sich selbst tragen . Herr Timm wollte dagegen Einwendungen erheben , aber Oswald schnitt die weiteren Auseinandersetzungen ab , indem er » gute Nacht « wünschte und mit Bruno ( Malte hatte sich schon früher entfernt ) das Zimmer verließ und so Herrn Timm , der in demselben Theile des Schlosses wohnte , zwang , sich ebenfalls zu empfehlen . Ueberhaupt hatte Oswald seinen neuen Freund heute Abend nicht gerade freundlich behandelt , wodurch sich dieser in keiner Weise stören ließ , sondern in seinem übermüthigen Geschwätz fortfuhr , bis sie sich , vor ihren Thüren angekommen , trennten . Gott sei Dank ! sagte Oswald , als er sich mit Bruno in seinem Zimmer allein sah ; endlich sind wir den lästigen Schwätzer los . Und ich habe Dich noch gar nicht um Verzeihung bitten können , daß ich neulich beim Abschied so kalt und gleichgiltig war ; Dir noch nicht danken können , daß Du brüderlich Alles vergessen hast - mir ein so freundliches Willkommen bereitet hast . Nicht wahr , diese Blumen sind von Dir ? Ja - Und der Epheukranz dort um die Stirn des Apollo ist von Dir ? Ja - Und Du hast den Lehnstuhl an die rechte Stelle gerückt ? Ja - Du lieber , lieber Junge ! komm , wir wollen uns Beide hineinsetzen , und nun sollst Du mir von Deinen Irrfahrten erzählen , von den Städten , die Du gesehen , von den Cyklopen , die Du geblendet , von den Leiden , die Du erduldet hast in Deiner lieben Seele - Alles der Ordnung gemäß , weißt Du , wie Polyphem seine Schafe melkt . Oswald hatte sich in den Stuhl geworfen und Bruno zu sich gezogen . So saßen sie ; und der Knabe schmiegte sich innig an seinen einzigen Freund , und fing an zu erzählen , erst mit satyrischer Laune die Hinfahrt schildernd , wie bald der Baron und bald Malte nicht hatten rückwärts fahren können , wie zuletzt Beide auf dem Bock gesessen hatten , und der Diener im Wagen - und wie er , Bruno , vergnügt gewesen sei , als immer neue Städte und neue Dörfer vor seinen Blicken auftauchten , und nun zuletzt das große Hamburg . Dann nahm seine Erzählung einen andern Ton an . Er schilderte mit allem Ernste den Eindruck , welchen die Stadt auf ihn gemacht hatte , die vielen stattlichen Häuser , das Gedränge in den Straßen , das Treiben im Hafen , die vielen Schiffe , das Alsterbassin , in welchem sich die vielen Lichter spiegelten und welche zauberische Wirkung das hervorbringe , wenn man langsam am Rande hinspaziere , und wie er einmal beinahe in ' s Wasser gefallen wäre , wenn ihn Helene nicht gehalten hätte . Und nun , nachdem Helenens Namen erst einmal genannt war , tauchte er immer wieder auf , wie ein leuchtender Stern aus treibenden Wolken , wie Helene geweint habe , als sie von Hamburg abreisten , wie sie auf das Wort ihrer Mutter : es scheint Dir nicht viele Freude zu machen , zu Deinen Eltern zurückzukehren , die Thränen getrocknet , aber auch auf der ganzen Reise kaum einmal wieder gelächelt habe . Denn sie sei sehr stolz , aber auch sehr , sehr gut gegen Alle , die sie lieb habe , zum