Entschiedenheit , die ganz in seinen Charakter des Schlauen und Gekniffenen paßte . Sogleich warf er einen scharfen und prüfenden Blick auf die ihm als Nichte der Frau von Gülpen vorgestellte Lucinde . Waren Sie schon früher in unserm Kocher hier ? fragte er sie , als sie ihm den Thee credenzen mußte . ' S ist das erste mal ! antwortete sie , den Blick niederschlagend . Sie finden eine kleine Stadt , in der leben zu sollen Ihnen sehr langweilig vorkommen wird ! warf artig der Dechant ein . O ! bemerkte Frau von Gülpen , acht Tage läßt es sich schon in Kocher aushalten ! Lucinde wußte bereits , daß alle Nichten anfangs sogar nur auf drei Tage kamen . Die Majorin verzog ein wenig spöttisch die Miene . Der Major aber , in jener beflissenen Weise , die den Ghibellinen im Lande der Welfen nur zu oft ihre Schreckhaftigkeit nimmt , ging ganz auf die Aeußerung der Frau von Gülpen ein und sagte , wenn auch mit einer etwas anzüglichen Betonung : Die Kirchen hier sind uralt ; noch älter ist aber die Synagoge , die Sie sich einmal ansehen müssen ! Die Stadt Kocher ist schon vor Pontius Pilatus angelegt gewesen und gewiß eine jüdische Colonie ! Ursprünglich hieß sie ohne Zweifel Koscher , die Reine ! Hielt der Major Lucinden für eine Jüdin ? Alle Anwesenden fixirten Lucindens Erscheinung ... Indessen lenkte der Major auf andere Fährte . Er kam auf das Interesse , das nach solchem Ursprung gleich die ersten Christen für Kocher gehabt haben müßten und führte die kirchliche Bedeutung der Stadt bis auf die neuesten Erscheinungen herab . Lucinde hatte ihr goldenes Kreuz nicht angelegt . Sie begriff sehr wohl , daß der Major auf ihren Uebertritt anspielen wollte und senkte den Blick wie eine Fromme . Sie ist fromm ! war nun das einstimmige Gefühl aller Anwesenben und , seltsam genug für die Wohnung eines Geistlichen , Lucinde verlor plötzlich bei Frau von Gülpen sowol wie bei Windhack . Nur dem Dechanten gewährte diese Entdeckung einen neuen Reiz . Eine Fromme hatte ihm die langjährige alte Freundin noch niemals vorgestellt . Man verlor sich indessen in Klagen über Wilddieberei , Unsicherheit der Gegend , Aufsätzigkeit der Landbewohner und , wie das dann geht bei einem Damenthee , man fand das Uebel lediglich in den Dienstboten . Die gleichfalls dann in ihrem Einfluß auf das Volk angeschuldigten Juden rechtfertigte der Dechant mit den Worten : Warum läßt unser Leben so viel Lücken offen , daß ein Verschmitzter überall hineinschlüpfen kann ! Die Juden sind durch uns selbst ein Volk geworden , das seine Tugenden darin finden muß , unsere Fehler zu benutzen ! Wir sind , soweit man die Geschichte überblickt , die Opfer ihrer subtilen Rache geworden und werden es noch immer mehr werden ! Sie sprechen fast wie Grützmacher ! sagte der Major . Der kann nie entdecken , wo die Hasen-Jette ihre Rebhühner und Hasen herbekommt ! Indem bekam Frau von Gülpen von dem immer nur leise und behutsam auf den trotz des Sommers ausgebreiteten Teppichen hin und wieder gehenden Windhack eine Meldung ins Ohr geflüstert . Sie flößte ihr einen ersichtlichen Schrecken ein . Was ist ? fragte man allgemein und voll Theilnahme und Spannung . Frau von Gülpen stockte , sagte dann aber mit einem Blick der Besorgniß auf den Dechanten : Treudchen Ley will nach Hause ... der Mutter wäre es schon wieder ... Chère nièce ... gehen Sie doch zu Treudchen und erkundigen Sie sich in der Geräthkammer - oder ich will doch lieber selbst gehen ... Treudchen Ley schien alle zu interessiren und wohl vermuthete man : Windhack hatte eigentlich gemeldet , Treudchens Mutter läge im Sterben . Der Dechant war der Beichtvater der Kranken . Die Arme schleppte sich schon lange mit der Zehrung ; ihr Ende stand ihr näher bevor , als sie es selbst und die Ihren ahnen mochten . Jetzt sah Frau von Gülpen , wie angegriffen der Dechant schon war von dem unruhigen Tage und seinen wechselnden Eindrücken - sie gönnte ihm die Erquickung eines ungestörten Abends - nun sollte er noch - Aber schon erhob sich der Dechant . Wenn ihm auch die Bequemlichkeit über alles ging , so kannte er doch die Schicklichkeiten seines Amtes . Ich werde zu der Armen gehen ! sagte er . Allgemein aber mußte man der Frau von Gülpen , die in die Geräthkammer gegangen war , Recht geben , daß sie noch geäußert hatte , diese Schreckensbotschaft von der guten Frau Ley wäre ja schon so oft gekommen und immer hätte die Dulderin sich wieder erholt , ja sogar es bereut , als sie in einem ähnlichen Anfall schon einmal die Wegzehrung erhalten und dann doch nicht gestorben wäre . Spendet auch die Kirche diese letzte Wohlthat gern in der Voraussetzung , daß sie nicht den Tod , sondern die Genesung erleichtre , so sparen sich die Sterbenden doch gern die hülfreiche Rüstung zum Eintritt in den peinvollen Vorhof des Himmels zu dem Augenblick , wo sie deren wirklich bedürftig sind . Also rieth man dem Dechanten zu bleiben und Windhack , der der Frau von Gülpen in die Weißgeräthkammer , wo ein liebes zartes Kind , Treudchen Ley , den ganzen Tag über an neuen feinen Hemden gesteppt hatte , nachgegangen war , kam schon mit der Beruhigung zurück , Treudchen wäre zwar gegangen , hätte aber hinterlassen , sie würde sogleich schicken , wenn es nöthig würde . Geschwister hat sie genug dafür ! sagte Frau von Gülpen , die schon zurückkam ... Sie sagte dies ganz voll Mitleid , aber scheinbar ohne die mindeste Erregung . Der Dechant beruhigte sich also . Wissen Sie wol , lenkte er in ein inzwischen vom Major begonnenes Gespräch über Wilddieberei ein , wissen Sie wol , das Schmerzenslager unserer guten Frau Ley ist eine Folge der Wilddieberei ? Man wußte nur Einzelheiten davon . Während Lucinde den fortgesetzt forschend auf