Heiße Thränen drängten sich dieser Ueberzeugung nach , und in ihnen tauchte das Bild des edlen Richmond auf , wie er flehend an ihrer Sänfte stand und sie zurückzuführen strebte . Ach , es trat aus diesen letzten Augenblicken ein unvergeßlicher Ton seiner Stimme in ihre Erinnerung , ein Blick seiner seelenvollen Augen . Wenn sie , in heiliger Einsamkeit mit sich , ihn jungfräulich schüchtern herauf zu rufen wagte , dann öffneten sich die Pforten ihres Herzens , von seiner sel ' gen Fülle aufgesprengt , und ihr ganzes Wesen blieb lauschend stehen und horchte den Wundern , die einen magischen Kreis , sanft betäubend , um sie zogen . Sie verhüllte schüchtern ihr Haupt . Denn eben ungerufen kam der süße Zauber , und trocknete die bittern Thränen und ließ das tief betrübte Herz erquickt zurück , aufs Neue mit sanften Hoffnungen und jugendlichem Vertrauen ausgeschmückt . Ein leichter Fußtritt in der Nähe ließ sie schließen , daß sie nicht mehr allein sei . Sie zog den Mantel zurück und erblickte nun eine ältliche Frau , welche sich aus einem anderen Theile des Zimmers der Eingangsthüre nahte und dieselbe sorgfältig mit einem Riegel verschloß . Sodann zündete sie mehrere an den Wänden hängende Lampen an , doch nur auf der Wand , die den Fenstern gegenüber , und ehe Maria , die so eben sich erheben wollte , um sich ihr kund zu geben , dazu gelangen konnte , rollte sie den hohen Lehnstuhl bei Seite und zog einen Teppich weg , worunter sich eine Fallthür zeigte , die sie mit großer Schnelligkeit öffnete und so von einander schlug , daß sie zwei Lehnen bildete , woran sie sichern Schrittes mit ihrer Leuchte in die Tiefe stieg . Maria fühlte sogleich , daß sie hier der ungeahnte Zeuge eines Geheimnisses gewesen , und unangenehm davon bewegt , schwankte sie , ob sie sogleich das Zimmer verlassen oder die Rückkehr der Frau erwarten solle . Sie entschied sich für das Letztere , da die verriegelte Thür ihr den Wunsch anzeigte , von Außen jede Störung zu verhüten , und sie nicht berechnen konnte , welch größeres Unheil sie anrichte , wenn sie durch ihre Entfernung diesen Eingang unbeschützt ließe . Die Fremde erhielt das Fräulein lange in unerfülltem Harren , und bald drängte sich ihrem Geiste eine Möglichkeit auf , dies Ereigniß mit demjenigen in Verbindung zu denken , den sie überall anzutreffen hoffte . Aber wie schauderte sie bei dem Gedanken , daß unter der Erde seine Wohnung sei ; welch ein Loos mußte ihm dann gefallen sein , wenn seine Gegenwart in solch strenges Geheimniß gehüllt ward . Sie behielt nicht lange Zeit zu Vermuthungen , denn durch ein Geräusch wurden ihre Blicke der eichenen Wand zugerichtet , an der sich außerhalb Schlösser zu rühren schienen . Plötzlich thaten sich vor ihren erstaunten Blicken oberhalb der kleinen Treppe die eichenen Wände auseinander , und zeigten eine kleine Thür , welche die Einsicht nach einem hell erleuchteten niedrig gewölbten Gange zuließ . In dem alten Manne , der hier hervortrat , erkannte Lady Maria den Hausvogt , der sie empfangen hatte , und der damit beschäftigt , den Eingang durch das Ineinanderschieben der Holzwände zu erweitern , jetzt wieder in demselben Augenblicke verschwand , als sie ihn anrufen wollte . Dennoch blieb sie entschlossen , sich um jeden Preis aus der unfreiwilligen Lage einer Lauscherin zu ziehen . Eben erhob sie sich , um dem alten Manne nachzugehen , als sich ihr ein so überraschender Anblick darbot , daß sie von Erstaunen gefesselt in ihren Fenstersitz zurücksank , der sie , in tiefe Schatten gehüllt , jedem Blicke entzog . Es zeigten sich nämlich plötzlich in dem kleinen Eingange der Treppenthür zwei Knaben in Chorhemden mit reich gesticktem Skapulier , welche , lange Wachskerzen tragend , die kleine Treppe hinab in den Saal schritten . Ihnen folgte eine große hagere Frau , welche , in der Kleidung einer Ursuliner-Nonne , mit dem Rosenkranze in der Hand , von einem Geistlichen in der Tracht des Ordens Jesu beim Niedersteigen unterstützt ward . Als er den Saal erreicht hatte und dem hellen Scheine der Wachskerzen begegnete , erkannte Lady Maria ihren Reisegefährten , aber ihr Erstaunen fesselte jede ihrer Bewegungen und machte sie jetzt wirklich unfähig , sich zu erkennen zu geben . Diesen Personen folgten nun mehrere Frauen , alle in vorgerücktem Alter , und alle als Ursulinerinnen gekleidet . Sie zogen in gemessener Ordnung durch den Saal der Fallthür entgegen und stiegen schweigend , ohne die Köpfe zu erheben oder eine andere Bewegung zu machen , als das langsame Fortschleppen alter schwacher Personen erfordert , die verborgene Treppe hinab . Der Hausvogt verschloß die Wände , wie die Fallthür hinter sich , so daß die Lady nach einigen Momenten , die noch der Ueberraschung gehörten , zweifelte , ob sie dies Alles wirklich gesehn oder aufs Neue von den Bildern ihrer Phantasie überwältigt worden sei . Als sie endlich gewiß war , sich nicht getäuscht zu haben , strömte damit zugleich eine Fülle von Beziehungen auf ihr eigenes Schicksal über sie ein , und ahnend stieg in ihr der Gedanke auf , daß hier in einem scheinbar heimlich erhaltenen Nonnenkloster ihr Oheim unmöglich Schutz und Hülfe gesucht haben könne . Diese Folgerungen wurden plötzlich durch ein ungestümes Klopfen und Hämmern an der verschlossenen Eingangsthür unterbrochen , dem gleich darauf ein ängstliches Rufen folgte : O öffnet , öffnet die Thür , habt Erbarmen und kommt hervor , wenn Ihr noch hier seid ! Ein kleiner Wirbel von klopfenden Fingern und das zarte weinerliche Stimmchen überzeugten Maria bald , daß es Margarith sei , welche sich einzudrängen bemühte , und da sie selbst nichts lebhafter wünschte , als diesen Zufluchtsort fremder Geheimnisse zu verlassen , so eilte sie hervor und schob mit leichter Mühe den Riegel zurück . Margarith stürzte nun todtenblaß herein , und verwildert die Blicke umherwerfend rief sie : O , theure Lady , haben sie