Drücker wollte seiner Bemühung zu öffnen , weichen . Er horchte , ob sich nicht ein Geräusch wollte vernehmen lassen , aber umsonst ; in dem ganzen Gebäude herrschte eine Totenstille . Um nicht auf dem kalten Estrich schlafen zu müssen , suchte er die Wendeltreppe wieder und klimmte empor . Er hoffte , Theophilien noch wach zu finden . Oben stieß er an eine Türe , die gleich aufging . In dem dunklen Gemache stand etwas , wie ein Bette ; wie es schien , mit Kissen versehen . Kurz entschloß er sich , und um eine ihm doch eigentlich ganz fremde Dame nicht zu stören , warf er sich in seinen Kleidern auf die Lagerstätte , die , sonderbar schmal und kurz , ihm nach einer ermüdenden Reise doch einige Stunden Schlummer versprach . Wirklich schlief er ein , erwachte aber bald wieder von einem lauten Reden in seiner Nähe . Er rieb sich die Augen , und konnte , als er ganz munter geworden war , nicht zweifeln , daß er neben dem Schlafzimmer Theophiliens , und von ihr nur durch eine dünne Tapetentüre geschieden , sein Nachtquartier aufgeschlagen hatte . Höchst bestürzt über diese Indiskretion des Zufalls zog er den Atem an sich , um seine Anwesenheit auch nicht durch das leiseste Geräusch zu verraten . Aber er hörte in diesem gespannten , ängstlichen Zustande nur um so genauer , und verlor kein Wort von dem , was die Schläferin mit den vier Wänden laut verhandelte . Sie redete nicht , wie dies sonst zu geschehen pflegt , in abgebrochnen Worten , sondern fließend , zusammenhängend , als setze sie die Erzählungen des Abends fort . Plötzlich macht sie eine Pause ; es war Hermann , als ob sie sich im Bette aufrecht setze . Sie brach in ein leises , inniges Lachen aus , daß es durch die Nacht unheimlich klang . Nun begann sie französisch zu sprechen , und mit Erstaunen hörte er die Namen seines Oheims , der Tante und des Grafen Julius . Dieses Erstaunen wurde Bestürzung , Scham , ja Entsetzen , als sich nach und nach eine Geschichte vernehmen ließ , in welcher jene Personen die handelnden Figuren waren , und welche am allerwenigsten für die Ohren des Neffen taugte . So wurde er in tiefer grauenvoller Nacht durch eine Unbewußte , ihrer Sinne nicht Mächtige , Mitwisser eines schrecklichen Familiengeheimnisses . Er wendete sich , um nichts weiter zu hören , aber immer zog ihn das Gelüste des Schrecks nach der verhängnisvollen Kunde , und erst als die Redende aufhörte , sank er erschöpft zurück . Ein Schrei erweckte ihn . Es war heller Tag . Theophilie stand im Morgengewande vor ihm . » Um des Himmels willen ! « rief sie , » wie kommen Sie in dieses mein Zimmer ? Ich hätte den Tod von Ihrem Anblicke haben können . « - Er versuchte , seine Sinne zu sammeln , und stammelte die Geschichte seiner Einsperrung und seines Fehlgehens daher . Noch hatte er nur auf sie geachtet . Wie ward ihm aber , als er seine Lagerstatt in Augenschein nahm ! Ein seltsames Bette ! In einem Sarge hatte er geschlafen , in einem Sarge , welchen Tabourets umstanden , auf denen die zu einem vollständigen Leichenanzuge gehörigen Stücke lagen . Entsetzt sprang er von diesem furchtbaren Lager auf . Theophilie lächelte . » Tun Sie doch , als sähen Sie Gespenster , und doch ist es das Gewöhnlichste , Bekannteste , was Ihre Augen erblicken « , sagte sie . Sie lud ihn zum Frühstücke ein . Als er die ihm vorgesetzte Tasse unangerührt stehen ließ , und noch immer , wie abwesend , dasaß , stieß ihn Theophilie an , und rief : » Wie ist es möglich , daß ein Sarg und ein Sterbekleid einen beherzten Mann so außer Fassung bringen können ? Ich bin allein , eine Fremde unter Fremden . In Ihrer Tante starb die einzige Freundin , welche ich noch hatte . Was ist natürlicher , als daß ich mir meine letzte Behausung und Hülle fürsorglich zubereiten ließ , da mir die Arme der Liebe nach meinem Hinscheiden diesen Dienst doch nicht leisten werden . Man stirbt wegen dergleichen nicht eine Stunde früher . « Sie hatte bald ihren fröhlichen Ton völlig wiedergefunden , neckte ihn mit seinem Tiefsinn , und meinte , das Abenteuer , einen jungen Mann so Wand an Wand zu beherbergen , sei allerliebst . » Und ungefährlich für Tugend und Ruf « , sagte sie mit freiem Scherze , wie er nur ihr anstand , » denn dieser Jüngling war eine Leiche , und scheint , auch auferstanden , noch keine Kraft gesammelt zu haben . « Er versuchte , in diese Scherze einzustimmen ; es wollte nicht gelingen . Nachdenklich versetzte er : » Das Schicksal gibt uns oft sonderbare Zeichen . Es ist eigen , daß ich gerade jetzt , wo so manche Entscheidungen sich an mein Leben herandrängen , mich wider Willen in einem Gehäuse ausstrecken mußte , worin , wenigstens auf geraume Zeit , Sinn und Gefühl und Erinnerung erlöschen werden . « Zweites Kapitel Er stieg den Berg zum Kloster hinunter . Die mannigfaltigen Gewerbevorrichtungen , welche er nun im einzelnen musterte , berührten seine Auge noch unangenehmer , als tages zuvor . Diese anmutige Hügel- und Waldnatur schien ihm durch sie entstellt und zerfetzt zu sein . Das freie Erdreich mit Bäumen und Wasser , welches die Seele sonst von jedem Drucke zu erlösen pflegt , lastete auf der seinigen mit stumpfem Gewichte , weil es doch auch nur als Sklav ' im Dienste eines künstlich gesuchten Vorteils sich zeigte . Um alle Sinne aus der Fassung zu bringen , lagerte sich über der ganzen Gegend ein mit widerlichen Gerüchen geschwängerter Dunst , welcher von den vielen Färbereien und Bleichen herrührte . Erst als er sich dem Kloster ganz nahe befand , ward ihm wohler . Rings um die