, als ob ein Schleier von ihrem inneren Auge hinweggehoben sei . Sie erkannte nun mit Klarheit , was ihre dunkle Sehnsucht schon lange angedeutet hatte . Das Leben ohne St. Julien schien ihr trübe und öde , und mit unaussprechlicher Trauer mußte sie sich eingestehen , daß die nächste Zukunft ihr das Gestirn entrücken würde , das , ihr unbewußt , ihr die Bahn des Lebens bezeichnet hatte . Früh gewöhnt indeß , die Schmerzen der Seele zu besiegen , kehrte sie nach einiger Zeit zur Gesellschaft zurück , und ihre Stirn erschien so heiter , daß Niemand als die Gräfin den Kummer ahnte , den ihre junge Brust verschloß . XII Die Reisenden hatten , um nach der Festung * * * zu gelangen , mehr als eine Tagereise zurückzulegen und erreichten den Ort ihrer Bestimmung erst den folgenden Morgen . Nachdem sie von der Fahrt ausgeruht und sich in schickliche Kleider geworfen hatten , begaben sie sich nach der Wohnung des Kommandanten . Im Vorzimmer trafen sie verschiedene Personen , die alle vorgelassen sein wollten , wie es dem Grafen schien . Ein Kammerdiener stand an der Thüre , und der Graf näherte sich ihm und bat , indem er seinen Namen nannte , ihn zu melden . Der Kammerdiener neigte sich höflich , indem er nach einem jungen Manne blickte , der in einer Fenstervertiefung eifrig mit Jemandem sprach . Des Grafen Augen folgten dem Blicke und er erkannte ohne Mühe den schwarz gekleideten jungen Mann , den er schreibend bei dem groben Verwalter angetroffen hatte , als er den Obristen Thalheim aus unwürdigen Verhältnissen erlöste . Ohne Verlegenheit näherte sich der durch den Wink des Kammerdieners Herbeigerufene , und des Arztes blitzende Augen begegneten den kaltblickenden dunkeln Sternen des jungen Lorenz . Ein Ausruf der Verachtung wurde nur mit Mühe unterdrückt , denn zur rechten Zeit fielen dem feurigen Arzte die Warnungen des Predigers ein , und er beschloß nun mit philosophischer Standhaftigkeit und männlicher Würde die Nähe eines Schurken zu ertragen . Der junge Lorenz näherte sich , ohne den Arzt weiter zu beachten , mit ruhiger , kalter Höflichkeit dem Grafen und fragte , ob ein dringendes Geschäft ihn zum Kommandanten führe , da er nur in diesem Falle gemeldet werden dürfe , weil seine Excellenz sehr beschäftigt sei . Es lag ein so vollkommenes Vergessen aller Verhältnisse in der mit unverschämter Höflichkeit gestellten Frage , daß der Graf so gut wie der Arzt gezwungen war , sich zu beherrschen , um sich nicht durch einen Menschen verletzt zu zeigen , der dessen unwerth schien . Jener antwortete also mit Kälte , daß er darum ersuchen müsse , ihn gleich zu melden , weil es allerdings dringend nöthig sei , daß er seine Excellenz , den Herrn Kommandanten , spräche . Der junge Lorenz verließ ihn , wie es dem Grafen schien , mit einer spöttischen Verbeugung , die sehr kalt erwiedert wurde , und verschwand durch die Thüre , die zu dem Kommandanten zu führen schien . Wenn die Thüre geöffnet wurde , erwartete der Graf jedes Mal eingelassen zu werden , aber so oft einer , der Gehör gefunden hatte , das Kabinet des Kommandanten verließ , wurde ein anderer der Harrenden eingeführt , und den Grafen und seine Begleiter schien Niemand zu beachten . Der junge Lorenz erschien wieder im Vorsaale und ging an dem Grafen vorüber , ohne ihn anzureden , und dieser konnte sich nicht überwinden , seine Verwendung noch ein Mal zu fordern . Er erstaunte über sich selbst , sich geduldig harrend in dem Vorsaal eines französischen Generals zu finden , und nur die Liebe , welche er für St. Julien empfand , konnte ihn bestimmen , das Ende des sonderbaren Auftrittes ruhig zu erwarten . St. Julien hatte ungeduldig umher gesehen , um einen Offizier zu erblicken , an den man sich wenden könne , aber nur Personen , die wie Kaufleute und Handwerker aussahen , waren als Bittende im Vorsaale , und der Kammerdiener an der Thür , dessen Augen immer fragend auf den auf und ab gehenden Lorenz gerichtet waren , so oft ein neuer Bittender in das Heiligthum drang . Endlich blieb der junge Lorenz vor dem Arzte stehen und sagte mit großer Geringschätzung : Wenn Sie bei seiner Excellenz etwas zu suchen haben , so thun Sie am Besten , mir Ihre Mittheilung zu machen , denn der Herr General wird sich schwerlich mit Ihnen einlassen , und auch gegen mich , bitte ich , sich kurz zu fassen , denn lange Auseinandersetzungen habe auch ich nicht Zeit zu hören . Wer sind Sie denn eigentlich hier , fragte der Arzt mit unterdrücktem Grimme , daß Sie sich in die Geschäfte des Herrn Generals mischen wollen ? Es gehört eine große Beschränktheit des Geistes dazu , sagte Lorenz mit großer Ruhe , es nicht ohne Frage einzusehen , daß ich hier angestellt bin ; aber Sie werden doch nicht in so hohem Grade geistig kurzsichtig sein , um es nun nicht zu begreifen , daß ich Sie die ungezogene Frage kann bereuen machen . Es war klar , daß Lorenz , der verschiedene Male von dem Arzte war schnöde behandelt worden , ohne es rächen zu können , jetzt ihn veranlassen wollte , in der Heftigkeit , die ihm eigen war , sich zu vergessen und ungebührlich laut im Vorsaal des Generals zu werden . Durch ein solches Vergehen hoffte er den Arzt in so ernsthafte Unannehmlichkeiten zu verwickeln , daß er alle empfangenen Beleidigungen auf ein Mal rächen könnte . Der Graf sah den Kunstgriff gelingen und wußte nicht gleich , wie er das beabsichtigte Ungewitter abwenden sollte , denn wenn er sich selbst entschloß , sich in das Gespräch der Beiden zu mischen , so konnte er nicht wissen , ob der Uebermuth des jungen Lorenz nicht so weit gehen würde , auch ihn zu beleidigen , und er fühlte , daß es seiner gleich unwürdig sei , eine