Freund und der verräterischen Freundin offenbarte sich blitzschnell auf einmal , sie mußte sehen , wie diese , die Augen aufschlagend , sich dem Freund um den Hals warf , mit der Wonne einer neu wiederauflebenden zärtlichsten Aneignung , wie die schwarzen Augen wieder glänzten , eine frische Röte die bläßlichen Wangen auf einmal wieder zierend färbte ; wirklich sah sie verjüngt , reizend , allerliebst aus . Albertine stand vor sich hinschauend , einzeln , kaum bemerkt ; jene erholten sich , nahmen sich zusammen , der Schade war geschehen , man war denn doch genötigt , sich wieder in den Wagen zu setzen , und in der Hölle selbst könnten widerwärtig Gesinnte , Verratene mit Verrätern so eng nicht zusammengepackt sein . Eilftes Kapitel Lenardo sowohl als Odoard waren einige Tage sehr lebhaft beschäftigt , jener , die Abreisenden mit allem Nötigen zu versehen , dieser , sich mit den Bleibenden bekannt zu machen , ihre Fähigkeiten zu beurteilen , um sie von seinen Zwecken hinreichend zu unterrichten . Indessen blieb Friedrichen und unserm Freunde Raum und Ruhe zu stiller Unterhaltung . Wilhelm ließ sich den Plan im allgemeinen vorzeichnen , und da man mit Landschaft und Gegend genugsam vertraut geworden , auch die Hoffnung besprochen war , in einem ausgedehnten Gebiete schnell eine große Anzahl Bewohner entwickelt zu sehen , so wendete sich das Gespräch , wie natürlich , zuletzt auf das , was Menschen eigentlich zusammenhält : auf Religion und Sitte . Hierüber konnte denn der heitere Friedrich hinreichende Auskunft geben , und wir würden wohl Dank verdienen , wenn wir das Gespräch in seinem Laufe mitteilen könnten , das durch Frag ' und Antwort , durch Einwendung und Berichtigung sich gar löblich durchschlang und in mannigfaltigem Schwanken zu dem eigentlichen Zweck gefällig hinbewegte . Indessen dürfen wir uns so lange nicht aufhalten und geben lieber gleich die Resultate , als daß wir uns verpflichteten , sie erst nach und nach in dem Geiste unsrer Leser hervortreten zu lassen . Folgendes ergab sich als die Quintessenz dessen , was verhandelt wurde : Daß der Mensch ins Unvermeidliche sich füge , darauf dringen alle Religionen , jede sucht auf ihre Weise mit dieser Aufgabe fertig zu werden . Die christliche hilft durch Glaube , Liebe , Hoffnung gar anmutig nach ; daraus entsteht denn die Geduld , ein süßes Gefühl , welch eine schätzbare Gabe das Dasein bleibe , auch wenn ihm , anstatt des gewünschten Genusses , das widerwärtigste Leiden aufgebürdet wird . An dieser Religion halten wir fest , aber auf eine eigne Weise ; wir unterrichten unsre Kinder von Jugend auf von den großen Vorteilen , die sie uns gebracht hat ; dagegen von ihrem Ursprung , von ihrem Verlauf geben wir zuletzt Kenntnis . Alsdann wird uns der Urheber erst lieb und wert , und alle Nachricht , die sich auf ihn bezieht , wird heilig . In diesem Sinne , den man vielleicht pedantisch nennen mag , aber doch als folgerecht anerkennen muß , dulden wir keinen Juden unter uns ; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen , deren Ursprung und Herkommen er verleugnet ? Hievon ist unsre Sittenlehre ganz abgesondert , sie ist rein tätig und wird in den wenigen Geboten begriffen : Mäßigung im Willkürlichen , Emsigkeit im Notwendigen . Nun mag ein jeder diese lakonischen Worte nach seiner Art im Lebensgange benutzen , und er hat einen ergiebigen Text zu grenzenloser Ausführung . Der größte Respekt wird allen eingeprägt für die Zeit , als für die höchste Gabe Gottes und der Natur und die aufmerksamste Begleiterin des Daseins . Die Uhren sind bei uns vervielfältigt und deuten sämtlich mit Zeiger und Schlag die Viertelstunden an , und um solche Zeichen möglichst zu vervielfältigen , geben die in unserm Lande errichteten Telegraphen , wenn sie sonst nicht beschäftigt sind , den Lauf der Stunden bei Tag und bei Nacht an , und zwar durch eine sehr geistreiche Vorrichtung . Unsre Sittenlehre , die also ganz praktisch ist , dringt nun hauptsächlich auf Besonnenheit , und diese wird durch Einteilung der Zeit , durch Aufmerksamkeit auf jede Stunde höchlichst gefördert . Etwas muß getan sein in jedem Moment , und wie wollt ' es geschehen , achtete man nicht auf das Werk wie auf die Stunde ? In Betracht , daß wir erst anfangen , legen wir großes Gewicht auf die Familienkreise . Den Hausvätern und Hausmüttern denken wir große Verpflichtungen zuzuteilen ; die Erziehung wird bei uns um so leichter , als jeder für sich selbst , Knecht und Magd , Diener und Dienerin , stehen muß . Gewisse Dinge freilich müssen nach einer gewissen gleichförmigen Einheit gebildet werden : Lesen , Schreiben , Rechnen mit Leichtigkeit der Masse zu überliefern , übernimmt der Abbé ; seine Methode erinnert an den wechselsweisen Unterricht , doch ist sie geistreicher ; eigentlich aber kommt alles darauf an , zu gleicher Zeit Lehrer und Schüler zu bilden . Aber noch eines wechselseitigen Unterrichts will ich erwähnen : der Übung , anzugreifen und sich zu verteidigen . Hier ist Lothario in seinem Felde ; seine Manöver haben etwas Ähnliches von unsern Feldjägern ; doch kann er nicht anders als original sein . Hiebei bemerke ich , daß wir im bürgerlichen Leben keine Glocken , im soldatischen keine Trommeln haben ; dort wie hier ist Menschenstimme , verbunden mit Blasinstrumenten , hinreichend . Das alles ist schon dagewesen und ist noch da ; die schickliche Anwendung desselben aber ist dem Geist überlassen , der es auch allenfalls wohl erfunden hätte . Das größte Bedürfnis eines Staats ist das einer mutigen Obrigkeit , und daran soll es dem unsrigen nicht fehlen ; wir alle sind ungeduldig , das Geschäft anzutreten , munter und überzeugt , daß man einfach anfangen müsse . So denken wir nicht an Justiz , aber wohl an Polizei . Ihr Grundsatz wird kräftig ausgesprochen : niemand soll dem andern unbequem sein ; wer sich unbequem erweist