war die Fürstin ganz menschlich , ganz eigentümlich sich selbst überlassen , ihrer individuellen Neigung und Gunst . Doch fiel es keinem bei ihr ein , Begünstigungen des geselligen Umgangs auf öffentliche Verhältnisse zu übertragen ; wie wäre es möglich gewesen , die heitre schöne Fürstin , zu der jeder in seinem täglichen Kleide , in Stiefeln , ohne Umstände , Abends den Eintritt begehren durfte , mit jener ernsten glänzenden Fürstin zu verwechseln , wie sie in Geschäften erschien , wo jedes Wort bedacht , jede Annäherung abgemessen , jede Amtskleidung bestimmt war , wo jeder Eintretende von dem Oberhofmeister seine Bestimmung erhielt . Fremd war diese Einrichtung allerdings in der Gegend ; die alten Frauen verwunderten sich ungemein , ihre Fürstin mit Unadligen tanzen zu sehen . Auf ihre Vorstellungen , antwortete die Fürstin : » Wenn ich tanze , muß ich doch Krone und Zepter ablegen , es würde sonst sehr lächerlich lassen ; ich tanze mit dem am liebsten , der am besten tanzt ; sollte es nach dem Range gehen , so müßte ich meinen alten General ins Grab , oder den Minister auf eine Woche zu allen Geschäften unbrauchbar tanzen . « - Die Annehmlichkeit des Hofes , die stete Erneuerung , die wechselnde Bekanntschaft und Aufmunterung von manchem Herrlichen , was in den geselligen Kreis eintrat , und dem öffentlichen Verkehr verbunden nutzte , vernichtete bald den ersten Widerspruch . Eine Reise an diesen Hof war für die umliegenden kleinen Höfe die höchste Belustigung ; manche mieteten in der kleinen Residenzstadt Häuser , und bauten sich an ; ein künstliches Bad , das dort angelegt war , mußte zum Vorwande dieser Reisen dienen ; ein lebendiges Schauspiel , nicht bloß von Besoldeten , sondern auch von Liebhabern getrieben , zog andere Fremde herbei ; in kurzer Zeit waren die Verheerungen des Krieges ganz vergessen , das ganze Städtchen wohlhabender als je , Zweige der eignen Industrie schnell entwickelt , die sonst viele Jahre vergeblich aufgemuntert worden ; ja es zeigte sich bald ein eigentümlich heitrer mitteilender Geist unter allen Bewohnern , eine reiche allgemeinere Sprache durch alle Klassen , ein freies schöneres Ansehen , das sie von allen Nachbaren unterschied . Die älteren Leute fanden sich von dem Drange zum Bessern ohne ihr Wissen und Wollen selbst verwandelt , kamen dann wohl selbst zur Fürstin , und fragten sie , wie es möglich gewesen , daß sie und der ganze Hof sich sonst an langen Mittagsmahlzeiten an verschiedenen Tafeln gequält , sich mit dem Minister über sein großes Haus entzweit , mit der alten fürstlichen Tante wegen eines zu späten Eintreffens bei der Cour erzürnt hätten . - Die Fürstin mußte dann über sich selbst lachen ; sie konnte sich selbst nicht begreifen , und bat den Minister scherzend , er möchte sich doch jetzt wieder ein recht schönes Haus bauen , es würde ihr keinen Ärger mehr machen . - Wie glücklich könnten kleinere Staaten sein , wenn es keine größeren gäbe ! Doch traten jetzt über Europa größere Staatsbewegungen ein , die eben so die vieljährigen Bemühungen kleinerer Fürsten durch eine bloß zufällige Zwischenwendung verstörten , wie die Haushaltungen einzelner Menschen . Die Fürstin fühlte sich in diesen Wirkungen und Gegenwirkungen der Zeit zu schwach , ihrem Völkchen bei den eindringenden kolossalen Massen eine feste Richtung zu geben , eben so unwürdig schien es aber ihrer festen Natur , sich und die Ihren jeder neuen übermächtigen Willkür hinzugeben , sie meinte den Geschäften entsagen zu müssen , die sie nicht mehr mit Lust und Überzeugung verwalten konnte . Der Minister mußte aus Freundschaft zu ihr , alle Geschäfte allein übernehmen , nur in ganz bedeutenden Fällen wollte sie zugezogen sein . In dieser teilnehmenden Ruhe gewann der Gram über manche vereitelte wohltätige Absicht solchen Einfluß auf ihren unter Geschäften sonst unveränderlichen Geist , daß alle ihre Umgebungen in der Sorge für ihr Leben , jede andre vergaßen , und sich beeiferten durch allerlei sinnreiche Erfindungen ihrer Laune Abwechselung zu verschaffen . Aber bald sind diese Mittel erschöpft , wo der Leidende nicht selbst daran mitarbeitet ; die Fürstin suchte in allem Nahrung ihrer Trauer ; die schauerlichsten Lieder waren die einzigen , die sie anhören mochte , und sie selbst , die sonst nur Scherze zu den Maskenspielen des Hofes auszudenken gewohnt war , vertiefte sich jetzt in allerlei Dichtungen , denen die meisten , welche nicht ihre Art und die Beziehung näher kannten , heimlich den Titel der Unsinnigkeit beilegten , die um so gefährlicher sei , da sie ansteckend wäre , und schon in der Stadt eine Menge junger Leute ergriffen habe . Wir wissen , was es mit dieser Verdammung der meisten Leute zu sagen hat , die jedes Gedicht mit dem Verdrusse in die Hand nehmen , daß es ihnen Zeit koste es auszulesen , und nun sogar zum Begreifen einer nicht alltäglichen Idee aufgefordert werden . Eines Tages fiel auch dem Minister eines ihrer Lieder in die Hände , das ihn sehr nachdenkend machte , und woraus wir ein paar Strophen hier mitteilen wollen . Luftfahrt Dein Haupt leg nach Morgen , So fliehen die Sorgen Und schimmernde Träume Zu kommen nicht säumen , Durchstrahlen die Locken Von Luft umwallt , Von Vöglein schallt Ein himmlisches Locken . 1. » Es tragen dich Flügel Vom schwellenden Hügel , Und alles ist offen , Du schauest betroffen Unendliche Bläue , Voll Freundlichkeit , Voll Zärtlichkeit Die Erde im Maie . Hoch über dem Blauen , Da hast du zu schauen , Der Sterne Gestalten In Kreisen da walten ; Erst wandelt mit Schrecken Der Löwe wild , Die Jungfrau mild Will zärtlich dich necken . Von Sternen strahlt nieder , Was kräftig und bieder , Es doppeln die Heere Sich spiegelnd im Meere , Sie schreiten , sie ziehen Voll Göttlichkeit ; Zum höchsten Streit Die Schwerter erglühen . Nach Ruhme sie werben Und können nicht sterben , Im ew ' gen Gesunden Verschwinden die Wunden ;