verwirrt und widersprechend wie das Mädchen . Ich fand in ihr ein leichtsinniges und fröhliches Weib , mit einer Freiheit ohne Grenzen , die doch nicht ins Gemeine fiel . Sie hatte gar keine Absicht als zu leben , und lachte alle meinen Unmut hinweg , dabei nahm sie in ihrem Raisonnement so tollkühne Flüge , daß es eine Lust war , sie anzuhören . Das Mädchen hatte sie aus reinem Mutwillen herübergeschickt , und da ich ihr vorstellte , wie ihr Kind zu Grunde gehen würde , machte sie die Einwendung , daß das Mädchen so sinnlich sei , daß sie sich an der ganzen schönen Welt festhalten werde ; auf dem festen Boden der Sinnenwelt gehe niemand zu Grunde , und wenn Violette nur einmal aus den Schwärmereien komme , so werde sie recht glücklich werden . Sie äußerte dabei ganz wunderbare Ideen über Religion , und verlor sich in einen Strom von Phantasien , daß sie mich wirklich ergötzte . Violette , behauptete sie , sei bei weitem nicht so unschuldig als sie selbst , und was das Mädchen von ihrem Streite mit der Andacht vorbringe , sei alles eine Folge davon , daß sie nicht recht beten könne . So bisarr mir alles das schien , so behauptete sie es doch mit einer trotzigen Lustigkeit , und hatte sich ordentlich ein kleines System erraisoniert . Ich will ihre Äußerungen so getreu hierherschreiben , als ich mich ihrer entsinne , denn mich mit der Gräfin selbst redend einzuführen , wage ich nicht gern , da ich einer langweiligen Beschreibung ihres ganzen Betragens dabei nicht ausweichen könnte , und doch in die Gefahr kommen dürfte , nicht verstanden zu werden , oder mich der Beschuldigung auszusetzen , als suche ich meine Schwachheit zu entschuldigen , indem ich ein heftiges frevelndes Weib als ein bloß mutwilliges schwärmendes hinstellte . - Es schien allerdings , daß sie einstens in einer ähnlichen Verwirrung wie Violette gewesen sei , und nur ihre Erfahrung aus ihr sprach , wenn sie sich über diesen Zustand ihrer Tochter so kalt zeigte . Sie war im strengsten Katholizismus erzogen , und Violetten hatte der verstorbene Graf ebenso erziehen lassen . Sie führte ihre eigne jetzige Lebensart , ihre Fröhlichkeit und Freiheit trotz aller Umgebung , auf ihre Religion zurück , denn sie sagte , diese habe ihr den ersten Antrieb zu allem gegeben , und der einzige Mißgriff in ihrem Raisonnement war der , daß sie sich in der Religion voraussetzte , da sie doch die Religion in sich annehmen mußte , wenn sie je welche wollte gehabt haben . Es ist mir leid , daß ich alles das nicht so scherzend und so lustig ernsthaft sagen kann , denn sie parodierte sich selbst in jeder Minute , überraschte mich plötzlich mit einem Kusse , wenn ich Einrede tun wollte , und war ich darum unwillig , so fuhr sie so pathetisch fort zu predigen , bis ich lachen mußte , und war dabei so beweglich , daß sie bald aufsprang , ihre Bilder selbst vorzustellen , bald sich so schnell wieder niedersetzte , daß sie mir einigemal etwas unsanft begegnete , dann bat sie mich sehr zärtlich und kindisch um Verzeihung , und das alles war so rasch und bunt hintereinander , daß ich ein freudiges , reizendes , freies Weib sein müßte , und mir gegenüber ein junger mehr ungeduldiger , als gesetzter Mann , wenn ich es so hinstellen sollte , wie sie es tat . - Sie behauptete : Der sinnliche Mensch werde erbärmlich , wenn er , wie man es nimmt , tugendhaft würde , denn er übe dann Tugenden , die von seinem ganzen Leben verachtet würden . Er müsse sich zwingen , und werde eben dadurch lasterhaft , denn er gäbe , um zu leben , endlich die Tugend hin , und schweife , um sich zu trösten , nach Prinzipien aus . Religion sei nichts als unbestimmte Sinnlichkeit , das Gebet ihre Äußerung . Andacht sei es , wenn man nicht mehr als Mensch bete , wenn man als Weib oder Mann bete ; doch könne der Mann es nie zur Andacht bringen , weil das Menschliche das Männliche bei ihm überwiege . Der schlechteste Moment im Leben sei , wo weder Jungfrau noch Jüngling recht wisse , woran sie seien , und ein verderblicher Streit zwischen Glauben und Wissen sich erhebe ; in diesem stehe Violette . In der Religion sei es ebenso , es komme den Menschen heutzutage eine boshafte Lust an , sich ihrer selbst zu bemächtigen , um sich zu befreien , aber nur der sei ein Sklave , der sich selbst besitze , nur im allgemeinen wäre Freiheit , und in der Person die höchste Tyrannei . In diesem schlechten Momente höre der Mensch auf zu glauben und meine , Wissen sei etwas anderes als ein langweiligeres Glauben , das einen erst mit einer kleinen Reihe von Schlüssen hinhalte , ehe es einen glauben lasse , denn endlich müsse man doch glauben , was man wisse . Das allererbärmlichste Aberwissen sei , die unbefleckte Empfängnis für einen Aberglauben zu halten ; wer denn irgend eine Empfängnis wisse ? und dieses sei grade der Punkt , wo der Mensch recht überführt werde , daß alle Seligkeit nur Glauben ist , und kein Bewußtsein , und nur der sei ein Ketzer und Freigeist , der bei der Empfängnis noch denke , und sich selbst besitze , denn jeder fühle das Wissen erbärmlich , der aus solchem Glauben kehre . Sie bete oft , weil sie ein Weib sei , und wer nicht sinnlich sei , habe keine Religion , und eine Religion , die nicht sinnlich sei , habe keine Menschen . Sie sei eine Heidin , habe viele Götter , und auch Heroen , alle jung , kräftig , und in der Liebe menschlich . Die Heiligen könnten sie so ziemlich rühren , aber sie hätten keine Religion , wären nichts als angehende Philosophen