Überlasse das der Zeit und Ernestinens Gefühl , liebe Mutter . Ich bitte sie nicht mehr darum , bis sie es von selbst tut . Und sie wird es tun , wenn sie mir einmal eine rechte Freude machen will ! “ Johannes stand auf und reichte ihr die Hand . „ Lebe Wohl , Ernestine . Ich habe um neun Uhr Kolleg . Aber sowie ich fertig bin , komme ich wieder . “ Ernestine sah ihn mit schwimmenden Augen an und hauchte kaum hörbar : „ Leb wohl , mein Freund ! “ Johannes zog voll inniger Freude ihre Hand an seine Brust : „ Ich danke Dir . “ Dann wandte er sich zur Mutter : „ Liebe Mutter , ich überlasse Dir Ernestine auf eine Stunde und hoffe von ganzer Seele , daß Ihr Euch verstehen lernt . In jedem Falle sei eingedenk dessen , was Du mir versprachst . “ „ Verlaß Dich darauf , mein Sohn . “ Er ging bis zur Tür , zögerte aber und rief die Mutter noch einmal zu sich . Sie kam und er flüsterte ihr flehend zu : „ Sei gut mit ihr , was Du ihr tust — das tust Du mir . “ Noch einen letzten , sehnsüchtigen Blick heftete er beim Hinausgehen auf Ernestine , dann schloß sich die Tür hinter ihm . Es wurde ihm so schwer , zu gehen . Es war ihm , als müsse er bleiben , als könne ihm Ernestine entfliehen , wenn er nicht behütend seine Arme um sie breite . Er wäre am liebsten umgekehrt , hätte die Pflicht ihn nicht gerufen . „ Wenn ich sie nur wiederfinde ! “ sagte er im einen Augenblick und im andern schalt er sich kindisch um diese Besorgnis . Er hatte sie eben gar zu lieb . Die Stunde , die eine Stunde Kolleg dünkte ihm eine Ewigkeit . Er sehnte sich dem Wiedersehen entgegen , als er noch kaum die Schwelle überschritten , die ihn von ihr trennte . Wie schön war sie heute nach dem erquickenden Schlummer , wie mädchenhaft , ja fast bräutlich ! O , wenn er zurückkam und sie ihn wieder ansah mit dem schwimmenden Blick , dann wollte er sich nicht länger halten , wollte sich ihr zu Füßen werfen und sie bitten , die Seine zu werden . Es mußte ja endlich gesprochen werden das entscheidende Wort , er bedurfte der Klarheit . Zweifel , wie die , in welche ihn der seltsame Widerspruch stürzte , der zwischen Ernestinens kalten , starren Grundsätzen und ihrem warmen , persönlichen Benehmen gegen ihn bestand , waren ihm auf die Dauer unerträglich . Nur eine Stunde noch trennte ihn von dem Ziele , dem alle seine Pulse mit voller frischer Manneskraft entgegenschlugen : „ Wäre sie nur schon vorüber ! “ * * * „ Essen Sie gerne Bohnen ? “ fragte die Staatsrätin Ernestinen . „ Weshalb fragen Sie mich das ? “ „ Weil ich Ihnen heute Mittag welche vorsetzen will . “ „ Ich danke Ihnen , aber ich darf nicht mit Ihnen speisen . “ „ Warum denn nicht ? “ „ Mein Oheim könnte unverhofft von seiner Reise zurückkehren und mir zürnen , wenn er mich nicht zu Hause fände . “ „ Sonderbar — wie kommt es , daß Sie , die stets nach Freiheit streben , sich so streng bevormunden lassen ? Ist das nicht ein Widerspruch ? “ Ernestine stutzte . Die Staatsrätin fuhr fort : „ Sie kämpfen für die Unabhängigkeit der Frauen , schelten den Gehorsam einer Gattin gegen ihren Ernährer Sklaverei und konnten sich von einem Manne , der , wie ich die Verhältnisse kenne , eher von Ihnen abhängig ist , als Sie es von ihm sind , konnten sich so wenig von ihm emanzipieren , daß Sie es nicht wagen , einen Tag auszubleiben ohne seine Erlaubnis ? “ Ernestine war höchst betroffen , „ Sie haben Recht . Aber in diesem Zwange bin ich aufgewachsen . Er wurde mir zur Gewohnheit , deshalb bin ich mir seiner nicht mehr bewußt , und er trat niemals so schroff meinen Wünschen entgegen , daß er mich gereizt hätte , ihn abzuschütteln . “ „ Nun frage ich Sie aber , mein liebes Fräulein , ist diese stumpfe , halb unbewußte Gewöhnung edler , als der freiwillige , liebende Gehorsam , den sich die Frau für den angetrauten Gemahl auferlegt ? “ Ernestine schwieg einen Augenblick , dann sagte sie mit ihrer großherzigen Offenheit : „ Nein , das ist sie nicht . Aber ich habe sie mir nicht selbst auferlegt und darf mich nicht davon befreien , so lange mein Oheim das gesetzliche Recht der Vormundschaft über mich hat . “ „ So weit dehnt sich dies gesetzliche Recht aber denn doch nicht auf Ihre persönliche Freiheit aus , daß er Ihnen verbieten könnte , was gegen kein Gesetz verstößt . “ „ Er sagte mir immer , der Vormund sei der Herr des Mündels . Und erstreckte sich diese tyrannische Verordnung nicht gleichmäßig auf das männliche wie weibliche Geschlecht — ich hätte sie längst in meinen Schriften angefochten . “ „ Das würde nun freilich nicht viel geholfen haben , “ meinte die Staatsrätin kühl . Ernestine zuckte die Achseln : „ Dies ist wohl bei jeder meiner Schriften der Fall . Sie sollen und wollen aber auch nichts sein , als einer der vielen Wassertropfen , die den Stein aushöhlen , der den freien Strom der gesunden Vernunft dämmt . “ „ Wir wollen uns nicht auf ein so abstraktes Gebiet verlieren , “ sagte die Staatsrätin ablenkend . „ Ich will Ihnen lieber zureden , heute noch hier zu bleiben . “ „ Wenn ich nur wüßte , ob ich Ihnen nicht lästig bin ? “ „ Mir gewiß nicht und meinem Sohne bereiten Sie eine Freude , die weit größer sein wird , als der Ärger , den Ihr Wegbleiben