der Lampen ; wenn er an Höfen und Kellern , an Toren und Zäunen vorbeiging ; eines alten Mannes Gesicht auftauchte , eines jungen Mädchens Gesicht , Arbeiter aus den Fabriken kamen , Soldaten aus den Kasernen , Seeleute vom Hafen . Da war für ihn Erzählung drinnen ; da war er wie der Leser eines aufregenden Buches . Einst ging er in Cleve bei Nacht durch dunkle Straßen . Da sah er vor einer Kirche einen Mann und eine Frau und fünf Kinder , armselig gekleidet alle ; vor ihnen auf dem Pflaster lagen mehrere Bündel , die ihre Habe enthielten . Nach einer Weile kam ein Mensch und redete herrisch mit ihnen ; sie hoben die Bündel auf und folgten ihm in traurigem Zug . Es waren Auswanderer , ihr Führer hatte vom Schiff gesprochen . Daniel dünkte es , als spanne sich eine Saite in seiner Brust und schwinge tonlos . Die sich entfernenden Schritte der acht Menschen wurden zum rhythmischen Gefüge . Verworrenes teilte sich ab ; finster Gewesenes schoß ins Licht . Voller Beklommenheit ging er seinen Weg , die Augen zu Boden geheftet , als suche er ; und er sah nicht mehr , hörte nicht mehr , wußte die Stunde nicht . Nach einer Erstarrung von anderthalb Jahren wehte Märzwind in seiner Seele . Aber es war wie Krankheit . Ungeduld verzehrte ihn . Sein nächstes Ziel war Kloster Oesede bei Osnabrück , von dort wollte er nach Berlin . Er konnte das Stillsitzen in der Eisenbahn nicht aushalten ; in Wesel gab er seinen Koffer als Fracht auf und wanderte mit Mantel und Rucksack weiter . Er marschierte acht bis zehn Stunden täglich , trotz des schlechten Wetters . Es war Ende Oktober , die Morgen und Abende waren kalt , die Straßen naß , die Quartiere elend . Nichts beirrte ihn ; er ging und ging , suchte und suchte , oft bis in die späte Nacht , leidenschaftlich in sich versunken . Als er ins Eisen- und Kohlenrevier kam , hob er immer öfter den Blick empor . Die Häuser waren schwarz , die Luft war schwarz , die Erde schwarz , geschwärzte Menschen begegneten ihm . Kupferdrähte sangen im Nebel , Hämmer dröhnten , gewaltige Räder surrten , Schlöte rauchten , Dampfpfeifen gellten , es war wie Traumvision , Landschaft eines unbekannten , verfluchten Sterns . Eines Abends trat er aus einer Kantine , wo er in Eile etwas zu sich genommen hatte . Er war noch zehn Kilometer von Dortmund , wo er nächtigen wollte . Er hatte die Dorfstraße verlassen , da flammten ringsum die Feuer der Hochöfen durch den Nebel , der infolgedessen blutrot glühte . Bergleute kamen schweigend auf das Dorf zu , und ihre müden Gesichter sahen im Flammenschein wie dämonische Fratzen aus . Fern oder nah , man konnte es nicht unterscheiden , zog ein Pferd einen Karren über glitzernde Schienen ; oben stand ein Mann und schwang die Peitsche . Tier , Karren und Mensch zeigten sich riesengroß , das Hühott klang wie ein wilder Geisterschrei , und die eisernen Laute aus den Werkstätten glichen dem Brüllen gequälter Kreaturen . Da fand Daniel , was er gesucht . Da fand er die wehevolle Melodie , welche ihn von Lenore am Tag ihres Todes fortgetrieben hatte . Wohl hatte er sie damals aufs Papier gebracht , aber sie war ohne Folge geblieben , war mit Lenore ins Grab gegangen . Jetzt war sie auferstanden , und alle Folge mit ihr , in wunderbarem Bogen hingedehnt , gegliedert wie ein Leib , erfüllt wie eine Welt . Aus der Maschine war ihm die Musik wiedergeboren worden . 4 Jason Philipp Schimmelweis hatte das Haus an der Museumsbrücke verlassen müssen . Die Miete war zu teuer geworden , und die Geschäfte gingen schlecht . Der Zufall wollte , daß in dem Haus am Kornmarkt , von welchem er vor zwanzig Jahren seinen Aufstieg genommen , eine billige Wohnung frei war , und er zog dort ein . Verstand Jason Philipp seine Zeit nicht mehr ? War er zu alt , zu stumpf , um dem Publikum die literarische Nahrung mundgerecht zu machen ? Waren seine Anpreisungen ohne Kraft , die Reizmittel , die er ersann , ohne Würze ? Niemand wollte mehr Prachtwerke und Lexika auf Raten bei ihm kaufen , auch die reichen alten Herren , die nach zweideutiger Lektüre lüstern waren , kamen nicht mehr . Jason Philipp war ein säumiger Zahler geworden , die Verleger schickten ihm keine Kommissionsexemplare , er kam auf die schwarze Liste . Und er schimpfte über die neueren Schriftsteller und sagte , es sei kein Wunder , daß das Bücherschreiben von lauter nichtswürdigen Subjekten ausgeübt werde , da ja die ganze Nation am Gehirnschwund leide . Es half aber kein Räsonieren , der Zusammenbruch war nicht aufzuhalten . Ein Mann namens Rindskopf kaufte die Lagerbestände zu Makulaturpreisen , und die Firma Schimmelweis hatte aufgehört , zu sein . In seiner Bedrängnis hatte Jason Philipp bei der liberalen Partei Unterstützung gesucht . Er pochte auf die Freundschaft , die ihn mit dem vormaligen Führer , dem Freiherrn von Auffenberg , verbunden hatte . Da kam er übel an . Ein Renegat beruft sich auf den andern , hieß es ; natürlich , gleich und gleich gesellt sich gern . Dann ging er den Freimaurern um den Bart und wollte in die Loge eintreten . Doch gab man ihm zu verstehen , daß man einigen Grund habe , der Reinheit seiner Gesinnung zu mißtrauen und daß seine Bemühungen deshalb vergeblich seien . Eine Zeitlang wurde es ihm schwer , das tägliche Brot aufzubringen . Die Agentenstelle bei der Prudentia hatte er schon längst gekündigt . Seit einer Interpellation im Reichstag und einem großen Prozeß , der kurz hernach gegen die Gesellschaft anhängig gemacht worden war , und den sie verloren hatte , war es mit dem Ansehen des klug ersonnenen Brandschatzungs-Unternehmens vorbei . Jason Philipp hatte keine andere Wahl