ein düster Reich . Aber noch ist unser Sinn erfüllt von der Sonne , von dem blauen Himmel , dem grünen Walde und dem magischen Schimmern der Ferne . Blicket in euch hinein , findet dorten noch einmal all die Berge und Abgründe , waldigen Hügel und Weidematten : Bächlein blitzen , von den Bauden steigt der Rauch , jedwedes Ding blickt und haucht uns an mit seinem eigentümlichen Wesen . Eine besondere Kunde gehört dazu , sich zurecht zu finden in der Landschaft und auf dem ganzen Erdenball , und solche Wissenschaft von den irdischen Orten dünket jedem Menschen ein würdig Ziel . Wenige aber lassen sich träumen , wie not eine andere Ortskunde tut . Wir haben ja nicht bloß ein leiblich Auge , sondern sind zu geistigem Schauen berufen . Auch im inneren Reiche gibt es Täler , dunkle Abgründe , sonnige Berggipfel und prangende Matten . Wohlan , liebwerte Gäste , suchet mit dem Geistesauge zu schauen , wenn ich euch jetzo ein Traumgesicht zeige , darin ich die Essentiam geistiger Ortskunde erfaßte . Ich befand mich in einem Felsenschlunde . Über Zacken klommen seltsame Wesen , und ich klomm mit ihnen , emporzukommen aus der Unheimlichkeit und das Licht zu erreichen , so von der Bergkuppe herniederfloß . Angst hatte ich vor denen , so mit mir um die Wette nach oben strebten ; denn es waren reißende Wölfe und Bären , zischende Schlangen und feuerschnaubende Drachen . Argwöhnisch schnappte das wilde Geziefer , und ich schlug um mich mit einer Keule . Ein höllischer Zustand ! Und ich hatte nur einen Trost : die Hoffnung , höher zu kommen und obzusiegen . Allmählich kam ich wirklich höher , die Finsternis ward Dämmerung , und je mehr Licht mich umfloß , desto minder feindselig erschienen mir die anderen Wesen . Mit Staunen erkannte ich , daß es keine reißenden Tiere waren , sondern Menschen , wiewohl sie allerdings Wölfen und Bären , Schlangen und Drachen ähnlich sahen . Wie ich nun inne hielt mit Keulenschlagen , so griffen auch sie mich nicht mehr an ; alle waren wir müde der wechselseitigen Fehde . Und eine Stimme sprach : Mag jeder ungehindert seines Weges ziehen ! Eine zweite Stimme fügte hinzu : Helfen wir einander ! So kommen wir alle besser vorwärts ! Da reichten etliche ihrem Nächsten hilfreiche Hand , und auf einmal waren die Gesichter der Menschen adlig . Mit Macht kamen wir nun empor ; jauchzend begrüßten die Obersten das Sonnenlicht . Ich gelangte auf eine leuchtende Bergmatte , wo Blumen gleich bunten Sternen flammten . Schön waren die Menschen , und sie reichten sich die Hände und kreisten in feierlichem Reigen bei Flötenspiel und Harfenklang . An einer noch höheren Stelle des Berges stund ein Jüngling , blitzend seine Stirn ; der rief mit starker Stimme : Noch höher ! Hier ist schon das Schauen Musik . Neben mir folgten etliche meiner Menschenbrüder der Einladung . Da wir nun die Höhe erreicht hatten , trat der Jüngling in unsere Mitte und sprach : Reichet euch die Hände und schauet einander tief ins Antlitz . Da findet ihr ein und dasselbe : den Menschensohn , dem ewigen Licht zum Tempel erkoren . Bisher habt ihr vermeinet , ein jeder sei dem Nächsten feind oder doch fremd . Bisher hat jeder gesprochen : Nur ich bin ich , du aber bist du ! Nunmehr kündet das ewige Licht aus eures Tempels Fenstern : Aufgewacht vom wüsten Traum , mit dem die Finsternis verstörte ! Du bist ich , und ich bin du ; und alles Menschliche , aus dem einen Lichte geboren , ist nur ein einziger Mensch . Erkenne ein jeder sich selbst im Mitmenschen wieder , schlinge die Arme um ihn und bitte : Vergib mir , daß ich so lange dich verkannt ! « Hier stockte meine Rede , ich ward gewahr , wie Agnetens Blick sich glühend in mich bohrte . Und ich fuhr fort : » Wird euch nun klar , liebe Freunde , was ich mit der geistigen Ortskunde meine ? Wir müssen im Reiche des Geistes unterscheiden zwischen niedrig und hoch . Zwischen den finstern Abgrund der Nichtigkeit und die himmlische Höhe hineingestellt , fühlen wir uns berufen , zum bessern Zustand zu gelangen . Doch von Gier besessen , besorgen wir , das Bessere müsse unser Nächster uns streitig machen . Da ergrimmen wir und eifern widereinander als reißende Bestien . Und fahren so lange fort mit unseligem Tun , bis wir beim Emporklimmen endlich zur Eintracht uns bekehren . Was hold und schön , erfüllt mit süßer Minne ; die heilige Weisheit macht licht und sanft , das klare Schauen der Schöpfung , das liebreiche Zusammenklingen mit allen Geschöpfen begnadet uns paradiesisch . Ja , Freunde , was wir Himmelreich heißen , ist mitnichten hinter den Sternen und ist auch an keinem besonderen Punkte der Zeit , wie jene wähnen , so erst vom jüngsten Tage erwarten , daß er ihnen das Paradeis auftun werde . Nicht an einem fernen Orte thronet der himmlische Geist , hat auch keine Wallmauer um sich gezogen , sich abzuschließen von seinen Geschöpfen . Sonsten redete ja unwahr der Psalmist : Ich gehe oder liege , so bist du um mich und siehest alle meine Wege . Führe ich gen Himmel , so bist du da ; bettete ich mich in die Unterwelt , siehe , so bist du auch da . Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meere , so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten . Auch würde der Apostel irre reden zu den Männern von Athen am Altar des unbekannten Gottes : Er ist nicht fern von einem jeglichen unter uns , denn in ihm leben , weben und sind wir . Ja , allenthalben gegenwärtig ist der ewige Urgrund ; alles ist aus ihm erboren und urkundet von ihm . Wer aber jemals das Versunkensein ins