das weiße zarte Gesicht der Leiche sah . Das Begräbnis sollte vom Hause des Oheims aus stattfinden , und zu diesem Ende hin mußte Anna erst über den Berg getragen werden . Es erschienen daher Jünglinge aus dem Dorfe , welche die Bahre abwechselnd auf ihre Schultern nahmen , und unser kleines Gefolge der nächsten Angehörigen begleitete den Zug . Auf der sonnigen Höhe des Berges wurde ein kurzer Halt gemacht und die Bahre auf die Erde gesetzt . Es war so schön hier oben ! Der Blick schweifte über die umliegenden Täler bis in die blauen Berge , das Land lag in glänzender Farbenpracht rings um uns . Die vier kräftigen Jünglinge , welche die Bahre zuletzt getragen , saßen ruhend auf den Tragewangen derselben , die Häupter auf ihre Hände gestützt , und schauten schweigend in alle vier Weltgegenden hinaus . Hoch am blauen Himmel zogen leuchtende Wolken und schienen über dem Blumensarge einen Augenblick stillzustehen und neugierig durch das Fensterchen zu gucken , welches fast schalkhaft zwischen den Myrten und Rosen hervorfunkelte im Widerscheine der Wolken . Wenn Anna jetzt die Augen hätte aufschlagen können , so würde sie ohne Zweifel die Engel gesehen und geglaubt haben , daß sie hoch im Himmel schwebten . Wir saßen , wie es sich traf , umher , und mich rührte jetzt eine große Traurigkeit , so daß mir einige Tränen entfielen , als ich bedachte , daß Anna nun zum letzten Mal und tot über diesen schönen Berg gehe . Als wir ins Dorf hinuntergestiegen , läutete die Totenglocke zum ersten Mal ; Kinder begleiteten uns in Scharen bis zum Hause , wo man den Sarg unter die Nußbäume vor die Tür hinstellte . Wehmütig gewährten die Verwandten der Toten das Gastrecht bei dieser letzten Einkehr ; es waren nun kaum anderthalb Jahre vergangen , seit jener fröhliche Festzug der Hirten sich unter diesen selben Bäumen bewegte und mit bewundernder Lust Annas damalige Erscheinung begrüßte . Bald war der Platz voll Menschen , welche sich herandrängten , um der Seligen zum letzten Mal ins Angesicht zu schauen . Nun ging der Leichenzug vor sich , der außerordentlich groß war ; der Schulmeister , welcher dicht hinter dem Sarge ging , schluchzte fortwährend wie ein Kind . Ich bereute jetzt , keinen schwarzen ehrbaren Anzug zu besitzen ; denn ich ging unter meinen schwarzgekleideten Vettern in meinem grünen Habit wie ein fremder Heide . Nachdem die Gemeinde den gewohnten Gottesdienst beendigt und mit einem Choral beschlossen , scharte man sich draußen um das Grab , wo die ganze Jugend , außergewöhnlicherweise , einen sorgfältig eingeübten Grabgesang mit gemäßigter Stimme sang . Jetzt ward der Sarg hinabgelassen ; der Totengräber reichte den Kranz und die Blumen herauf , daß man sie aufbewahre , und der arme Sarg stand nun blank in der feuchten Tiefe . Der Gesang dauerte fort , aber alle Frauen schluchzten . Der letzte Sonnenstrahl leuchtete nun durch die Glasscheibe in das bleiche Gesicht , das darunter lag ; das Gefühl , das ich jetzt empfand , war so seltsam , daß ich es nicht anders als mit dem fremden und kalten Worte » objektiv « benennen kann , welches die Gelehrsamkeit erfunden hat . Ich glaube , die Glasscheibe tat es mir an , daß ich das Gut , was sie verschloß , gleich einem hinter Glas und Rahmen gebrachten Teil meiner Erfahrung , meines Lebens , in gehobener und feierlicher Stimmung , aber in vollkommener Ruhe begraben sah ; noch heute weiß ich nicht , war es Stärke oder Schwäche , daß ich dies tragische und feierliche Ereignis viel eher genoß als erduldete und mich beinahe des nun ernst werdenden Wechsels des Lebens freute . Der Schieber wurde zugemacht ; der Totengräber und sein Gehilfe stiegen herauf , und bald war der braune Hügel aufgebaut . Achtes Kapitel Auch Judith geht Am andern Tage , als der Schulmeister zu erkennen gab , daß er nun seinen Schmerz in der Einsamkeit allein mit seinem Gott überwinden wolle , schickte ich mich an , mit der Mutter nach der Stadt zurückzukehren . Vorher ging ich zur Judith und fand sie beschäftigt , ihre Bäume zu mustern , da die Zeit wieder gekommen war , wo man das Obst einsammelte . Der Herbstnebel traf gerade heute zum ersten Mal ein und verschleierte schon den Baumgarten mit seinem silbernen Gewebe . Judith war ernst und etwas verlegen , als sie mich sah , da sie nicht recht wußte , wie sie sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte . Ich sagte aber ernsthaft , ich wäre gekommen , um Abschied von ihr zu nehmen , und zwar für immer ; denn ich könnte sie nun nie wiedersehen . Sie erschrak und rief lächelnd , das werde nicht so unwiderruflich feststehen ; sie war bei diesem Lächeln so erbleicht und doch so freundlich , daß der Zauber mich beinahe umkehrte , wie man einen Handschuh umkehrt . Doch ich bezwang mich und fuhr fort daß es ferner nicht so gehen könne , daß ich Anna von Kindheit auf gern gehabt , daß sie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert gewesen sei . Treue und Glauben müßten aber in der Welt sein , an etwas Sicheres müßte man sich halten , und ich betrachte es nicht nur für meine Pflicht , sondern auch als ein schönes Glück , in dem Andenken der Verstorbenen , im Hinblick auf unsere gemeinsame Unsterblichkeit , einen so klaren und lieblichen Stern für das ganze Leben zu haben , nach dem sich alle meine Handlungen richten könnten . Als Judith diese Worte hörte , erschrak sie noch mehr und wurde zugleich schmerzlich berührt . Es waren wieder von den Worten , von denen sie behauptete , daß niemals jemand zu ihr solche gesagt habe . Heftig ging sie unter den Bäumen umher und sagte dann : » Ich habe geglaubt , daß du mich wenigstens auch etwas liebtest ! « » Gerade