er sie verlassen hatte . In dieser Nacht aber hätte keiner bei ihr Wache halten dürfen als er allein . Er setzte sich auf den Bettrand , schlang den einen Arm um ihren Hals und umspannte mit der anderen Hand die beiden welken , kühlen Kinderhände . Und wie er so eine Weile gesessen hatte , ihr Köpfchen an seiner Brust , da war es , als ob ein Strom von seinem flutenden Leben in das ebbende hinüberwogte . Sie schlug einen Augenblick lächelnd wie sonst die Lider zu ihm in die Höhe , dann fielen sie ihr zu , und sie schlummerte ein . Die heißersehnte Schlummerruhe , Genesungsruhe ! Er neigte die Lippen auf die wirren Locken über ihrer Stirn , - der erste Bräutigamskuß ! Er sog ihren Odem ein , den göttlichen Lebenshauch ! Er hätte das Klopfen seiner Pulse hemmen mögen , um sie nicht zu erwecken , und doch laut jubeln aus voller Brust : » Dich liebe ich , dich ganz allein ! « Doktor Brand fand Rosen am anderen Morgen noch schlummernd ; aber es war nicht die erquickende Ruhe der Genesung , es war die betäubende der Erschöpfung . Fast schien es , als ob die Schlummernde , ohne wieder zu erwachen , in den ewigen Schlaf hinübergleiten werde , so matt schlug der Puls , so kaum hörbar schlichen die Züge des Atems . Wohl oder übel mußte der alte Symptomiker der Diagnose des jungen Exaktikers zustimmen ; der Blutverlust war stärker gewesen , als er angenommen , und nicht seelische Überwältigung hielt den Körper im Bann , sondern körperliche Erschlaffung die Seele . In welcher Weise aber den Verlust ersetzen , da das liebe Kind die geringste Nahrung verschmähte , der Schlaf , statt zu stärken , abspannte und kein Heilmittel anschlug ? Der alte Herr war am Ende mit seinem Latein , und wie in derartigen kritischen Fällen , wo eben kein Rat mehr zu geben ist , auch ein braver Medikus zu der Auskunft gelangen kann , den Patienten aus seinem Gesichtsfelde zu verweisen , z.B. an die Homöopathie , über welche - bei unkritischen Fällen - kein Sarkasmus beißend genug im Sprachschatze einen Ausdruck findet ; oder in ein entlegenes Bad , dessen Heilkräfte allerdings innerhalb der eigenen Praxis nicht erprobt worden sind , wo aber , falls sie sich an dem Patienten bewähren , die Genesung dem kundigen Berater zugute geschrieben wird , falls sie sich dagegen nicht bewähren , ein Kurverstoß , Diätfehler , Erkältung und so weiter die Schuld zu tragen hat , im allerschlimmsten Falle jedoch der Patient wenigstens nicht unter des Beraters Augen die seinigen schließt , - desselbigengleichen wollte auch Doktor Brand , obschon er skeptisch die Achseln zuckte , gegen das heroische Korrektiv seines neubacknen Kollegen nicht länger Widerspruch erheben . Das Korrektiv , in einem Familienrate , dem auch Lydia beiwohnte , dargelegt , hieß : Transfusion fremden Bluts . Kein neues Mittel , allein selten angewendet . Peter Kurze selbst hatte die Operation nur ein einziges Mal von dem Meister , » zu dessen Füßen er gesessen « - eine von den wenigen euphemistischen Redensarten , deren Peter Kurze sich bediente - , vollziehen sehen , aber mit glorreichem Erfolg . Er nannte sie , natur- und vernunftgemäß , den direktesten Erneuerungsprozeß und würde ihm die weiteste Verbreitung in Aussicht zu stellen gewagt haben , insofern sich die Schwierigkeit überwinden ließe , für jedes blutarme oder blutkranke Individuum ein blutreich gesundes aufzufinden , das sich zur Teilung seines wertvollsten Lebensstoffes entschlösse . Denn von dem Lebensstoff als Lebensmittel höchst wertvoller Vierfüßler wollte der materialistische Doktor nichts wissen ; der Mensch sei zwar auch eine warmblütige Bestie , aber eine Bestie , die durch Vermittlung ihres spezifischen warmen Blutes denkt . Hypothese zwar noch vorderhand , aber keineswegs eine irrationelle : mit Hülfe frischen Lebenssaftes sei sogar ein Greisenleben wieder jung zu machen ! Der Vortrag , mit Begeisterung zu Gehör gebracht , wurde nicht ohne Begeisterung aufgenommen . In Vater Blümel dämmerte die Erwähnung des Verfahrens bei einem seiner alten Heiden , deren Heilverständnis er von den Neueren selten übertroffen achtete ; Lydia sah in dem Akt ein symbolisches Opfer , das ihrem innersten Sinne entsprach ; Dezimus aber stimmte voll beseligender Hoffnung zu . Aus wessen Adern als den seinen hätte der lebenspendende Quell in die der Geliebten denn geleitet werden dürfen ? Noch in der Nacht dampfte Peter Kurze nach der Universitätsstadt , um - des ängstlich schwachen Papa Blümel mehr als überflüssige conditio sine qua non ! - von dem Meister , zu dessen Füßen Peter Kurze gesessen , ein Zeugnis einzuholen ad eins : über die Zulässigkeit der seltsamen Spende für die bedürftige kranke Tochter und ihre Ungefährlichkeit für den verleihenden gesunden Sohn . Ad zwei : - Superlativ aller Überflüssigkeit ! - über Doktor Peter Kurzens Befähigung für die betreffende Operation . Schon am anderen Mittag kehrte er mit einer Siegermiene zurück . Er brachte schwarz auf weiß die absolute Erledigung aller überflüssigen Bedenken vornehmlich des ad zwei ; brachte den erforderlichen Apparat und sogar zwei junge Kollegen , welche des Meisterstücks Zeuge zu werden ein wissenschaftliches Verlangen trugen . Er hätte unverweilt zum Angriff schreiten mögen ; da aber in Rosens Zustand verschlimmernde Symptome sich nicht geäußert hatten und die Hoffnung nicht aufgegeben werden durfte , auch ohne das Wagnis eine Besserung eintreten zu sehen , wurde auf Vater Blümels Verlangen die Operation auf Sonntag nachmittag verschoben . Es war der des ersten Advent und des Sohnes erste Predigt eine weihevolle Vorbereitung zu der lebenspendenden Tat . Das Gotteshaus war am Sonntagmorgen dicht gefüllt , selbst die Untergemeinde durch ihre gesunden Insassen männiglich vertreten , Not lehrt ja beten , und die quasi Probepredigt eines Pfarramtskandidaten lockt auch in Drangsalszeiten an , zumal wenn der Prediger der Sohn des Gemeindehirten ist . Lydia saß im Herrenstuhl , und sogar des Professor Zacharias wahlverwandte Stieftochter hatte ihrem Kameraden zu Ehren die Scheu