die lebendigen Aeste angstvoll anklammerten . Der alte Dierkhof zitterte unter den wuchtigen Stößen , droben in den Dachluken ächzten die morschen Holzläden , und die Fensterscheiben klirrten leise , als ließe der Sturm feine , klingende Silberketten durch seine Finger laufen . Ilse trat mit dem Hauslämpchen ein , um nach mir zu sehen . » Hab mir ' s gedacht , daß du nicht schlafen kannst , « sagte sie , als sie mich angekleidet auf dem Bett sitzen sah . » Kind , du bist das alte Heidelied nicht mehr gewohnt - freilich , dort in den Bergen , da duckt sich der Sturm zahm nieder , er gefällt mir aber auch nicht halb so gut ... Gehe du nur wieder in dein warmes Bett - er thut dir nichts ! « Freilich , der that mir nichts - vor ihm schützte mich der traute Dierkhof mit seinem Mantel ! ... Nun war ich seit drei Tagen in der Heide und die Stürme pfiffen und johlten Tag und Nacht in einem Atem über die weite Fläche hin . Mieke , Spitz und das Federvieh , alles tummelte sich in der Tenne und sah vom geborgenen Platz aus durch das offene Hausthor den Unhold draußen vorbeijagen . Aber es wehte warm herein , und ich meinte , dann und wann fliege schon ein feiner Blumenatem auf seinen Schwingen mit . Heinz blieb auch auf dem Dierkhof . Ilse litt es nicht , daß er abends bei » dem Gebrause « in seine Hütte zurückkehrte ... Ach , wie war alles anders geworden ! Ich las nicht mehr vor , wenn wir auf dem Fleet saßen - die Märchen hatten keinen Reiz für mich - und mit dem Erzählen aus der Stadt wollte es auch nicht gehen . So oft Ilse den Namen Claudius aussprach - und das geschah zu meiner Verzweiflung nur zu oft - da fühlte ich meine Kehle zugeschnürt ; ich wußte es , sprach ich nur den Namen selbst aus , da stürzte der mühsam aufrecht erhaltene Damm der Selbstbeherrschung unrettbar zusammen , und ich schrie , zum Entsetzen der beiden treuen Seelen an meiner Seite , meinen Schmerz in alle vier Winde hinaus . Heinz sah mich ohnehin stets scheu von der Seite an , er verstand mich und meine Ausdrucksweise nicht mehr recht , und Ilse erzählte mir lachend , er habe gesagt , ich sei nun ein wirkliches Prinzeßchen geworden , so ganz absonderlich , und er begriffe nicht , daß Ilse nicht auch die Vorhänge an die Fenster hänge und das vornehme Sofa in die Stube schöbe , wie es doch bei Fräulein Streit gewesen sei . Am dritten Tage gegen Abend ließ der Sturm nach ; er blies zwar noch immer gewaltig über die Ebene hin ; aber länger litt es mich nicht mehr im Hause - ich sprang hinaus in das Wogen und Tönen und ließ mich hinüber auf den Hügel tragen ... Ach ja , da stand sie noch mit festem Fuß , die liebe alte Föhre , und als ich sie mit beiden Armen umschlang , da streute sie rieselnd einen Nadelregen über mich her . Und die Ginsterbüsche hakten sich an meine Kleider ; aber die Stelle , wo man im vorigen Jahr das Hünengrab aufgebrochen , lag kahl zu meinen Füßen , und kleine Sandbäche rieselten von Zeit zu Zeit da hinab , wo auch die Menschenasche verschüttet war ... Ueber den Waldstreifen zuckten die flammenden Spieße der Abendröte empor - morgen gab es abermals Sturm ; war es doch , als wolle selbst das Toben in den Lüften eine Schranke zwischen mich und die Welt draußen ziehen ... Und dort wand sich der Fluß hin , neben welchem die drei Herren damals eifrig gestrebt hatten , die öde Heide zu verlassen - da war die hohe , schlankmächtige Gestalt des » alten Herrn « fest durch das Gestrüpp geschritten , während die verwöhnten Füße des schönen Tankred fast ängstlich den samtweichen Rasenweg innegehalten hatten . Jetzt war es todeseinsam da drüben - nein - ich hielt die Hand über die Augen , um das Wunder in der menschenleeren Heide besser anstarren zu können . Dort bewegte sich ein dunkles Etwas auf dem schmalen Sandweg , den Heinz mit dem Namen » Fahrstraße « beehrte . Himmel , Ilse hatte ihre Drohung wahr gemacht und den Doktor kommen lassen ! Mein bleiches Gesicht , mein niedergeschlagenes Wesen ängstigten sie ja unbeschreiblich . Der dunkle Punkt schwankte näher und näher ; das rote Abendlicht überfloß ihn grell - es war richtig die alte Kutsche , in welcher man den Arzt an das Sterbebett meiner Großmutter geholt hatte . Sie machte eine Schwenkung - wie eine Silhouette hoben sich das kräftig anziehende Pferd und die Kalesche vom Himmel ab ; ich sah die Wagenfenster aufblinken und den stämmigen Bauernkutscher auf dem Bock sitzen ... Plötzlich hielt der Wagen still , und ein Herr sprang heraus - und wenn die Gestalt dort vom blonden Scheitel bis zur Zehe herab noch so streng verhüllt gewesen wäre , an dieser einen Bewegung hätte ich sie unter Tausenden heraus erkannt ! ... Meine Pulse stockten , ich biß die Zähne zusammen und starrte angstvoll auf die Wagenthür - jetzt mußte auch sie aussteigen , die schöne Frau mit dem Samtmantel , den weißen Hermelin um die Schultern geschlagen - Onkel und Tante kamen , um die Entflohene zurückzuholen - allein die Thür fiel zu , und der Wagen schwenkte um nach dem Walde zurück . Herr Claudius aber schritt über die Heide her , direkt auf den Hügel zu ; ein weiter Mantel flatterte von seinen Schultern , und die blauen Brillengläser funkelten in der Abendsonne ... Ich ließ die Föhre los , breitete die Arme weit aus und wollte den Hügel hinabstürmen ; aber ich ließ sie sofort wieder sinken - einen Onkel begrüßt man nicht leidenschaftlich - taumelnd im Sturme umfing ich die Föhre wieder und drückte meine Stirn