. Franziska Götz schrieb mit blutendem Herzen über den Vater und die Mutter , doch den Doktor Theophile konnte sie nicht erwähnen . Von der Zukunft aber schrieb das Fränzchen ebenfalls ; es bat die Kusine , in keiner Not des Lebens zu vergessen , daß das Fränzchen immer da sei , um mitzufühlen und mitzuleiden , um zu trösten und wo möglich zu helfen . Diesen Brief hatte Franziska mit großem Bangen ganz verstohlen geschrieben , und längere Zeit währte es , ehe sich eine Gelegenheit fand , ihn der Post zu übergeben ; denn wenngleich die Tante mit der Welt abgeschlossen hatte , so war es doch nicht leicht , etwas gegen ihren Willen zu unternehmen und auszuführen , und die Geheime Rätin Götz wollte nicht , daß jemand aus ihrem Hause mit der entflohenen Tochter Briefe wechsele . - Das Fränzchen erzählte nicht , wie schwer ihr von der Tante das Leben gemacht worden war , aber selbst die schwächsten Andeutungen genügten dem Kandidaten . Heiß und kalt überlief es ihn , wenn er sich vorstellte , was das arme Mädchen zu erdulden hatte , während er in seiner Stube in der Grinsegasse in seinen Phantasien , mit der Pfeife im Munde , auf und ab spazierte und zwischen seinen Gedanken an das Fränzchen - an sein großes Manuskript dachte . Das Billett , das er nach Empfang des letzten Schreibens des Oheims Grünebaum an den Geheimen Rat richtete , hatte dieser nicht erhalten ; Jean hatte es aufgefangen , und die gnädige Frau hielt es nicht für nötig , Gemahl und Nichte davon in Kenntnis zu setzen . Den Tod der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum hatte Franziska dagegen richtig durch die Zeitung erfahren , und Hans und Fränzchen sprachen in der Annenstraße von der guten Base und dem biedern Oheim . Ach der Tod ist uns nichts Neues mehr ! sagte Fränzchen . » Beide haben wir oft den kalten Flügelschlag über und neben uns gehört , es ist mancher Platz leer geworden uns zur Seite . Es ist so traurig , o so traurig ! Serrez les rangs , sagten die alten Soldaten , die in Paris meinen Vater besuchten , wenn sie hörten , daß wieder ein Kamerad gestorben sei . Es ist ein böses Kommandowort in der Schlacht , denn die kommenden Kugeln fahren immer wieder durch geschlossene Kolonnen , aber es ist doch ein gutes Wort im Leben - serrez les rangs ; wir sollen die Liebe , die wir den Toten mit ins Grab geben , nicht den Lebenden entziehen - . « » Nein , nein , nein ! « rief Hans , » das sollen wir nicht . Was für eine trostlose Welt würde das geben , wenn die Toten alle Liebe mit sich hinabnähmen in die Gruft ! Das wird geschehen , wenn die Erdenuhr ablaufen will , und dann erst wird es recht sein , aber dann werden auch alle Sonnen und Sterne ihre leuchtenden Augen abwenden , es wird dunkel werden und kalt , immer dunkler und kälter - dann wird es recht sein , daß jeder Hunger , jedes Sehnen unter sich geht , daß alle Liebe mit in den Sarg gelegt wird . Dann dürfen auch die letzten Blumen im Garten zu den Totenkränzen gebrochen werden - es wird ja niemand übrigbleiben , der noch seine Lust an ihnen haben könnte . « » Den Gestorbenen , welche die gute alte Frau in den Gassen sah , gehört dann die Welt , in der es kein Sehnen mehr gibt , in der alles ausgeglichen ist « , sagte Franziska . » Sonne und Sterne haben dann der neuen Welt ihr Antlitz zugewendet , und alle Nachtigallen der Erde steigen als Lerchen dort wieder aufwärts . « Sie sprachen nun von dem Tode des Onkels Theodor , Franziska erzählte , wie seine Kräfte täglich abnahmen , wie er aber auch täglich mehr von seinem früheren förmlichen Wesen verlor , wie er so gern von seinem elterlichen Hause , seinen beiden Brüdern sprach und wie er einen Brief an den Onkel Rudolf anfing , ihn aber nicht zu Ende bringen konnte . Franziska erzählte , wie der Onkel Theodor den Brief Kleopheas sich geben ließ und ihn bis zu seiner Todesstunde in der Brusttasche seines Frackes trug , nachdem jenes erste Schreiben , welches anlangte , als Henriette Trublet das Haus in der Parkstraße verließ , von der Gattin zerrissen worden war . Am neunten Dezember , morgens acht Uhr , fand Jean seinen Herrn vollständig angekleidet , im schwarzen Frack und mit weißer Halsbinde , tot vor seinem Schreibtisch sitzend und erfüllte das Haus mit seinem Geschrei . Die Frau Geheime Rätin kam und war sehr gefaßt ; sie sandte zu dem Hausarzt der auch nur sagen konnte , daß der Herr Geheime Rat tot sei und dann sandte sie zu ihrem Notar . Aimé schrie jämmerlich und schlug mit Händen und Füßen aus , als man ihm seinen Vater zum letztenmal zeigen wollte . Die Dienerschaft gehorchte zum erstenmal dem Fränzchen ohne Widerstreben - das Fräulein war von der Tante Aurelie mit der Besorgung des Begräbnisses beauftragt worden , und die Dienerschaft scheute sich vor dem Toten in ähnlicher Weise wie der arme Aimé . Auf dem Schreibtisch , an welchem sitzend der Geheime Rat Götz starb , fand man unter seiner erkalteten Hand , die noch im Krampf die Feder hielt , einen Stempelbogen , auf welchem die Worte standen : » Ich vergebe - « Dann hatte die Feder in der Hand des vom Tod Getroffenen einen Strich über das Blatt gemacht ; der Geheime Rat hatte nicht schreiben können , wem und was er vergebe . Seine Witwe nahm das Blatt an sich , ohne zu sagen , wie sie darüber denke . Sie , die Witwe , erklärte auch , daß es genüge , den Verwandten ihres Gatten den Todesfall durch die Zeitung anzuzeigen . Es war schade