den politischen Fanatismus ebensowenig wie für den religiösen interessiere ; daß sie aber gern einem Hilflosen , der brauchbar für ihre Absicht sei , einen Platz in ihrer Umgebung anweisen wolle , vorausgesetzt , daß er es verstehe , sich auf diesem Platz zu halten . Am anderen Tage bestieg sie den Montanvert und besuchte das große Eisfeld , das unter dem Namen mer de glace ebenso berühmt als sehenswürdig ist . Florentin hatte sich seinerseits zur mer de glace begeben ; und auf diesem Punkt , einem der interessantesten in Europa , ließ er sich durch Lelio einer der berühmtesten Frauen von Europa vorstellen , deren Schönheit und Genialität ihn versöhnte mit der untergeordneten Stellung , die er bei ihr einnehmen sollte . Hätte Graf Windeck ihm den Vorschlag gemacht , sein Privatsekretär zu werden : so hätte Florentin ihn mit der äußersten Verachtung zurückgewiesen ; aber Privatsekretär bei einer italienischen Primadonna , das war etwas ganz anderes ! sie gehörte zu den Celebritäten des Jahrhunderts , sie war ein großes Genie , und Florentin betrachtete jedes Genie als einen gekrönten Sprößling der Freiheit - einesteils , weil es die breitgetretene Bahn der Alltäglichkeit verlasse und eigene Wege einschlage ; andernteils , weil es mannigfache Kämpfe gegen eingerostete Vorurteile und mit dem Stumpfsinn der unempfänglichen Masse zu bestehen habe . Da Florentin sich selbst als einen Freiheitssprößling ansah , der durch die Ungunst der Verhältnisse noch nicht gekrönt sei , so fand er eine gewisse Verwandtschaft seines Geistes mit allen großen Genies , wenn auch nicht in der Begabung , so doch in der Richtung . Judith war indessen mit seinem Benehmen und seinen Leistungen zufrieden und behielt ihn . » Wie lebt man denn mit der Signora Judith ? « fragte er seinen Freund . » O sehr gut ! « entgegnete Lelio . » Sie ist sehr ungeniert und gönnt Jedem seine Freiheit ; sie behandelt alle Leute , die mit Huldigung , Verehrung etc. etc. zu ihr kommen , über einen Leisten - und Gott weiß , wer nicht zu ihr kommt ! Prinzen und Journalisten , Banquiers und Künstler , Neugierige und Touristen , Bettler und Krösusse ! - Sie nimmt , wie eine marmorne Göttin , jeden Ausdruck der Bewunderung an , möge er zu Tage kommen durch einen Blumenstrauß oder ein fades Gedicht , durch eine Liebeserklärung oder einen Diamantenschmuck . Zuweilen aber ist sie launenhaft , und dann nicht selten insolent . « » Wer ist der primo amoroso ? « fragte Florentin . Lelio zuckte die Achseln bis zu den Ohren hinauf und stieß das unnachahmliche » Eh ! « der Italiener aus . » Du wirst doch nicht mit mir den Verschwiegenen spielen wollen ? « rief Florentin . » Ich frage ja nur , um mich auf meinem Platz zu orientieren und um nicht in Verlegenheit zu kommen und zu bringen . « » Niemand kann das verraten , was er selbst nicht weiß , « erwiderte Lelio kaltblütig . Als Florentin ihm aber mit spöttisch fragendem Blick in die Augen sah , gab er lächelnd zur Antwort : » O nein ! - Ich kann Dir nur sagen , daß ich mich um ihre intimen Verhältnisse gar nicht bekümmere und kann Dir nur raten , in dieser Beziehung meinem Beispiel zu folgen . Ein gemeines Weib ist sie nicht ! aber .... « - » Nun - aber ? « rief Florentin gespannt . » Aber vielleicht ein böses ! « » Bah ! sie wird doch nicht mit Gift und Dolch umgehen ? « » Nein ; doch mit eiskalter Koketterie . Sie verlangt große Triumphe . Leute wie Dich und mich beachtet sie gar nicht . « Lelio ' s Aufrichtigkeit verdroß Florentin ungemein und er gab seine Fragen hinsichtlich Judith ' s aus Empfindlichkeit auf . Wie nun auch seine eigenen Beobachtungen ausfallen mochten , er blieb ihr Privatsekretär und war bereits drei Jahre in dieser Stellung , als sie ihren Aufenthalt in der Villa Diodati nahm . Judith ' s Schönheit hatte in dieser Zeit verloren und gewonnen ; verloren - alle Frische und Weichheit der Jugend , allen Schmelz der ersten , unwiederbringlichen Blüte ; gewonnen - eine gewisse tragische Ruhe in Ausdruck und Haltung . Sie schien beständig zu denken : Es ist nichts anzufangen mit dem Leben ! ich weiß es aus Erfahrung ! - - Sie trat jetzt mit dem ganzen Schwarm ihrer Begleiter in den eleganten , hell erleuchteten Salon der Villa Diodati , wo Madame Miranes sie erwartete , und ihr entgegen rief : » Lelio ist endlich zurückgekehrt ! « » O glückliche Nachricht ! « rief der russische Fürst . » Jetzt wird mir vielleicht die Wonne zu Teil Casta Dia zu hören . « » Bester Fürst , « sagte Judith , » ich begreife gar nicht diese Marotte . Sie haben ja unzählige Male die Norma gehört . « » O welch ein Unterschied , sie zu hören auf der Bühne , als Oper und mit dem ganzen Publikum - oder im Salon , und gerade diese eine Arie ! das ist ein Genuß , der nur wenigen Lieblingen des Glückes zu Teil wird . « » Diese Sucht nach dem Besonderen ist eben das , was ich Ihre Marotte nenne , « erwiderte Judith . Aber der Fürst fuhr fort : » Ich flehe Sie an , Signora , lassen Sie den Herrn Lelio rufen , daß er seinen Platz am Pianino einnehme und die Casta Dia akkompagniere . Legen Sie Ihren Burnus nicht ab ! er drappiert Sie unvergleichlich und bildet ganz ungesucht das Gewand der Druidin . « Da alle Herren die Bitte des Fürsten unterstützten , sagte Judith endlich zu Florentin : » Hätten Sie wohl die Güte , uns den Lelio zu holen ? « Ein Sturm des Entzückens brach aus und der junge Engländer wurde gesprächig vor froher Erwartung und sagte : » Von den Druidinnen , die